Das Gedächtnis der Stadt

Die Weimar-Kennerin Ilse-Sibylle Stapff (1911 2007) wurde heute vor 100 Jahren geboren. Erinnerung an Geschichte und Geschichten hielt sie ihr ganzes langes Leben hoch.

Diese Aufnahme zeigt Ilse-Sibylle Stapff 2001 im Wohnzimmer des Hauses in der Brennerstraße. Die Weimarerin, die ihre Stadt so gut wie kaum ein anderer kannte, wäre heute 100 Jahre alt geworden.  Archiv-Foto: Sascha Margon

Diese Aufnahme zeigt Ilse-Sibylle Stapff 2001 im Wohnzimmer des Hauses in der Brennerstraße. Die Weimarerin, die ihre Stadt so gut wie kaum ein anderer kannte, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Archiv-Foto: Sascha Margon

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Weimar. Die Geburtstage waren Ilse-Sibylle Stapff (10. Juni 1911 – 28. März 2007) wichtig. Den 90. gestaltete die Maria-Pawlowna-Gesellschaft am 10. Juni 2001 glanzvoll in Kromsdorf: Per Kutsche geleitete man sie zum Schloss, empfing sie mit Musik und Laudationes in der Kapelle, bis sie schließlich im Festsaal die prächtige Torte anschneiden durfte.

Auch die kleineren nachfolgenden Geburtstage waren ihr Herzenssache: Vormittags genoss sie das Ständchen des Sophien-Gymnasiums, empfing Gratulanten. Den Höhepunkt bildete die Kaffeetafel in ihrem Erkerzimmer. Der große alte Tisch wurde feinstens eingedeckt und dann im Kreise langjährig Vertrauter geplaudert. Sie war glücklich und dankbar – die körperlichen Gebrechen vergessen.

Als sie am 10. Juni 1911 als einzige Tochter von Syndikus Arthur Stapff und Ilse, geb. Markscheffel, das Licht der Welt erblickte, schien die Welt in Ordnung. Doch bereits 1914 fiel der Vater als Kriegsfreiwilliger und 1918 war es vorbei mit dem alten Europa. Nach dem Besuch von Sophienstift und Realgymnasium begann sie geisteswissenschaftliche Studien in Jena, später München und Marburg.

Der Zweite Weltkrieg verhinderte den Abschluss der Dissertation zu den Mundarten an der oberen Schwarza. Nach 1945 reparierte sie das beschädigte Elternhaus, nahm Hilfsarbeiten an, kuratierte 1952 eine Ausstellung im Naturkundemuseum und wurde erste Assistentin im neuen Stadtmuseum. In den 1960-er Jahren studierte Stapff Museologie in Köthen und Weißenfels. Doch danach entließ man sie. 1970 bis 1988 wirkte sie mit am "Thüringer Wörterbuch". Ihre Weißenfelser Abschlussarbeit zur "Jagd im weimarischen Land" konnte 1992 in den Weimarer Schriften publiziert werden.

Ein Hauptmotiv ihres Lebens war das weite Feld der Erinnerung. Dem widmete sie sich mit vielen Facetten. Ich möchte es in drei Stichworte fassen: Erzählen, Schreiben und Gräber pflegen. Jedes Gespräch mit ihr zur Weimarer Geschichte war ein Gewinn, ihr Erzähltalent und Gedächtnis imponierend. Und wir verdanken ihr zahllose schriftliche Beiträge zur Regionalgeschichte. Legendär ist ihre Rettung des Brautbettes der Maria Pawlowna.

Gräberpflege, auch das war ihr Erinnerungsarbeit, praktisch und wissenschaftlich. Es war berührend, wie sie alljährlich im Herbst mit dem Handwagen zum Hauptfriedhof zog, um dort ein halbes Dutzend Grabstellen zu schmücken. Und sie schrieb auf, was sie über die Weimarer Friedhofskultur wusste und erkundet hatte. Ihre Texte zum Jakobsfriedhof und zum Historischen Friedhof ließ sie noch 2004 drucken. Der Recherche zu Bertuchs Familiengrabstätte gab sie den Titel "In seines Gartens Familiengruft".

1993 zählte Ilse-Sibylle Stapff zu den Initiatoren der Neugründung der Freunde des Stadtmuseums, 1999 wurde sie Ehrenmitglied. Der Klassik-Stiftung vererbte sie zwei kostbare Gemälde von Christian Rohlfs und eines von Carl Arp – sie sind im Schlossmuseum zu bewundern.

Frau Stapff, den Lesern unserer Zeitung durch eine gemeinsam mit Hannelore Henze erarbeitete Serie zur Weimarer Stadtgeschichte mit Sicherheit auch noch in Erinnerung geblieben, verstarb am 28. März 2007, wenige Monate vor ihrem 96. Geburtstag, in ihrem geliebten Elternhaus.

Der Autor ist Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Stadtmuseums im Bertuchhaus

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.