Der komponierende Gefangene: Ein etwas anderes Bach-Jubiläum in Weimar

Gerlinde Sommer
| Lesedauer: 5 Minuten
Johann Sebastian Bach in späten Jahren: Als junger Mann wollte er sich in Köthen neue Arbeit suchen und wurde deshalb in Weimar für vier Wochen arrestiert. Er durfte während dieser Zeit aber komponieren. Jetzt wird in Weimar seine Haft-Entlassung mit Musik gefeiert.

Johann Sebastian Bach in späten Jahren: Als junger Mann wollte er sich in Köthen neue Arbeit suchen und wurde deshalb in Weimar für vier Wochen arrestiert. Er durfte während dieser Zeit aber komponieren. Jetzt wird in Weimar seine Haft-Entlassung mit Musik gefeiert.

Foto: Peter Michaelis/Montage: Peter Billeb

Weimar  Ein Jubiläum der anderen Art: In Weimar wird im Dezember daran erinnert, dass Bach vor 300 Jahren in Weimar arrestiert wurde. „Bach mal anders“ präsentiert bei der Bach Biennale Weimar.

Das ist mal ein Jubiläum der anderen Art: In Weimar wird am 2. Dezember daran erinnert, dass vor 300 Jahren der „junge, knackige Bach“ aus dem Arrest entlassen wurde. Der Hoforganist, Konzertmeister und Kammermusikus wollte nicht länger dem hiesigen Herrscher zu Diensten sein, suchte sich eine andere Stelle, kam dafür hinter Gitter – und eben an jenem 2. Dezember 1717 wieder frei. Seine Weimarer Zeit hatte damit ein Ende – und der Verein Bach in Weimar wird deswegen die „Gedankenfreiheit für Genies“ feiern – mit anspruchsvollem Programm und Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) als Teil einer „Bach-Überraschung“, wie Musikprofessorin Myriam Eichberger betont.

Bach war vor drei Jahrhunderten an der Ilm Hoforganist, Konzertmeister und Kammermusikus – „und zu allen drei Tätigkeitsfeldern haben wir Werke und Interpreten“, sagt Eichberger, die dem Verein vorsteht. „Zugleich wollen wir ‚Bach mal anders‘ präsentieren“, macht sie auf das Programm Lust, das sich am ersten Samstag im Dezember von 14 Uhr an über den ganzen Tag spannt. Mit dazu gehört, dass an authentischen Orten Bachgeschichten erzählt werden, so an der Bastille als einem „Musik-Tatort“, in der „Himmelsburg“ und in der Stadtkirche.

Mit Blick auf das Bauhaus-Jubiläum

Über Bachs Leben – zumal in Weimar – ist kaum etwas bekannt. „Nur weniges ist aktenkundig und dazu gehört die ‚Knaststory‘“, sagt Eichberger, deren Fach die Blockflöte ist. Der Grund für das Wegsperren Bachs wurde einst mit „halsstarriger Bezeugung“ umschrieben. „Bach wollte entlassen werden – und hat einen neuen Vertrag hinter dem Rücken des Herzogs unterschrieben“, sagt Eichberger – und verweist darauf, dass Bachs Köthen-Pläne wohl trotz aller Aufmüpfigkeit die Sympathie des Herzogs genossen. Das lässt sich am Strafmaß ablesen: „Nur vier Wochen saß Bach im Arrest.“ Offenbar ging es darum, zwar ein Zeichen zu setzen, aber dem Musiker keine weiteren Steine in den Weg zu legen. „Es ist sicher, dass Bach in der Arrestzelle komponiert hat – und zwar das erste Präludium aus dem wohltemperierten Klavier C-Dur“, sagt Eichberger – und ordnet dieses Werk als „das berühmteste Klavierstück der Welt“ ein. Diese Geschichte sei „sehr anrührend“, so die Musikerin. Und ist der Entstehungsort der Komposition auch anzuhören? „In gewisser Weise ist das Stück monoton, weil es das Motiv nur leicht variiert. Man könnte das so deuten: Ich sitze hier – und jeder Tag ist ähnlich und doch ein bisschen anders. Aber das ist meine persönliche, ein wenig augenzwinkernd gemeinte Sichtweise“, sagt die Frau, die sich mit Bach in Weimar lange schon so intensiv beschäftigt.

Auch der Beginn des Orgelbüchleins könnte im Arrest entstanden sein. „Da ist sich die Musikwissenschaft nicht ganz sicher“, sagt Eichberger. Klaus Büttner, vor einem Vierteljahrhundert Oberbürgermeister in Weimar und als Pensionär zurückgekehrt an die Ilm, weiß um die kleine Nebenrolle, die Bach bisher in der Kulturstadt spielt. Und Büttner setzt sich mit dem Verein dafür ein, dass das Multitalent mehr Gewicht bekommt. „Beethoven hat einst gesagt, Bach müsste Meer heißen. Und wenn Beethoven das sagt, dann sollte Weimar hinhören. Wir haben die städtische Musikschule Hummel und die Musikhochschule Liszt gewidmet. Aber wir haben nichts, was sich mit dem eigentlich bekanntesten Musiker dieser Stadt beschäftigt“, schätzt er ein. Schon deshalb sei es wichtig, jetzt mit dem Termin 300 Jahre Befreiung aus dem Arrest „einen Akzent zu setzen, der in ein kontinuierliches Konzept übergehen soll“, so Büttner.

Seinen Blick richtet er dabei neben 2018 vor allem auf 2019, das Bauhaus-Jubiläum. „Viele Bauhaus-Künstler haben sich intensiv mit Bach beschäftigt“, weist Büttner auf eine Verbindung hin, die womöglich noch nicht jedem Kulturinteressierten bekannt sein dürfte. Beispielsweise: Bach und Paul Klee. „Wir wollen nicht noch ein Museum nach Weimar holen, sondern mittelfristig eine moderne Bachwelt platzieren“, so Büttner. Auf Bach beziehen sich auch eine Reihe von Rockmusikern, gibt er zu bedenken. All dies könnte, entsprechend attraktiv aufgearbeitet, Bach-Touristen auch nach Weimar locken. Der Verein nennt als Ziel eine „klingende Bach-Begegnungsstätte“ – und die soll und kann keine Art Bachhaus wie jenes in Eisenach sein; schon deshalb nicht, weil es die entsprechenden Ausstellungsstücke aus Bachs Weimarer Zeit gar nicht gebe. Eine Tourismus-Initiative ist nun mit dem Weimarer Bach befasst. Für Eichberger ist bei allen Bemühungen wichtig: „Es muss klingen!“

Kehraus Bach: Samstag, 2. Dezember, ab 14 Uhr in Weimar, Karten bei Tourist-Info Weimar, www.bachbiennaleweimar.de