Der weibliche Blick auf Körper, Liebe, Sexualität: Zehn Künstlerinnen stellen im Erfurter Kunsthaus aus

Erfurt  Was ist der weibliche Blick? Was macht ihn aus? Warum ist er von Bedeutung?

Juliana Cerqueira Leite (links) und Zo

Juliana Cerqueira Leite (links) und Zo

Foto: Franziska Gräfenhan

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Was ist der weibliche Blick? Was macht ihn aus? Warum ist er von Bedeutung? Über mehrere Jahre hat sich Kuratorin Isabelle Meiffert mit Fragen wie diesen befasst. Ganz eigene Antworten fand sie in den Arbeiten von zehn Künstlerinnen aus acht Nationen. In der Ausstellung „The Female Gaze – On Body, Love, and Sex“, das bedeutet „Der weibliche Blick – Auf Körper, Liebe, und Sex“, hat sie deren Visionen von der Frau und Weiblichkeit versammelt. Heute Abend wird die Schau im Erfurter Kunsthaus eröffnet.

„Den Anstoß für das Konzept gaben mir die Arbeiten von Egle Otto“, sagt Meiffert. 2016 habe die litauische Malerin, Jahrgang 1976, ihre Serie „Körperbilder“ entwickelt und eine eigenständige, neue Perspektive eingenommen. Die Kuratorin faszinierte, dass sich die Malerin in ihrem Schaffen völlig vom männlichen Blick löste, der die dominanten Archetypen der Kunst von der Frau als Mutter, Muse, Hure bis heute prägt. In ihren Gemälden fügen sich abstrakte, gefällige Formen zu Körpern, die jedem Betrachter eine eigene Deutung eröffnen – vom Phallus bis zur weiblichen Hüfte.

„Viele Frauen arbeiten sich an dem männlichen Blick ab, entwickeln Anti-Bilder und wiederholen damit letztlich doch nur die vom Mann geschaffene Perspektive“, sagt Meiffert. Egle Otto habe das nicht getan, sie sei frei an ihr Schaffen herangegangen. Die Kuratorin fasste den Entschluss, für „The Female Gaze“ Künstlerinnen zu finden, die eine ebensolche eigenständige Sicht formulieren. Zwei Jahre brauchte sie für die Recherchen – auch, weil Frauen in der Kunst weniger sichtbar seien als Männer.

Das Ergebnis dieser Suche ist jetzt auf vier Etagen zu erleben. In der Ausstellung tauchen die Gäste unvermittelt ein in sehr körperliche und sinnliche Eindrücke, die die vielseitigen, vielschichtigen Arbeiten vermitteln. Diese reichen von Skulpturen und Gemälden über Videoinstallationen und Collagen bis hin zu Fotografien. Ihnen ist gemein, dass sie erfrischend humorvoll Rollenbilder reflektieren und Geschlechterzuschreibungen auflösen.

So wie etwa die Plastiken und Skulpturen des brasilianisch-amerikanischen Künstlerinnen-Duos Juliana Cerqueira Leite und Zoë Claire Miller. Aus Abdrücken von Körperteilen kreieren die Bildhauerinnen in ihrer Form fluide wirkende Figuren. Extra für die Ausstellung im Kunsthaus haben sie einige Körperteile abgeformt. Die weichen, leichten, wie aus Zuckermasse wirkenden Skulpturen sind jedoch nicht nur harmonisch. „Sie beziehen sich auch auf die brasilianische Mythologie und auf die Ideen der italienischen Feministin Antonella Nappi, die in den 1970er-Jahren über den politischen und existenziellen Inhalt von Nacktheit und Körpern im sozialen Gefüge schrieb“, sagt Zoë Claire Miller.

Für sie und Juliana Cerqueira Leite bedeutet der weibliche Blick, radikal neue Wege zu beschreiten und nicht bloß auf die männlich-dominierte Geschichte zu reagieren. „Wir brauchen ein Umdenken in der Selbstwahrnehmung. Wir müssen anfangen, unsere Existenz von innen nach außen zu denken, statt von außen nach innen“, sagt Cerqueira Leite.

Eine ähnlich komplexe Definition des weiblichen Blicks greift die spanische Künstlerin Anaïs Senli in ihrer Videoinstallation „I’m not like you“ auf. Sich am Boden spiegelnde Projektionen von einzelnen Körperteilen einer Frau lassen ein fragmentiertes, dennoch sehr intimes Bild einer Person entstehen, die sich in einem Moment zwischen Krise und Selbstbestimmung befindet und sich selbst als ihre größte Kritikerin entpuppt, da sie den verinnerlichten Bildern von Liebe nicht genügen kann und will. „Man kann sich der Person nicht entziehen, obwohl sie vollkommen anonym bleibt“, sagt Anaïs Senli. „Ich war mir der Unmöglichkeit eines einheitlichen Porträts bewusst und wollte in Anlehnung an Kunsthistorikerin Sigrid Schade die Kritik an dem Mythos eines vollständigen, repräsentativen Körperbildes ausdrücken“, sagt die Künstlerin.

Dieses differenzierte Verständnis des weiblichen Blicks durchzieht alle Arbeiten dieser unterhaltsamen, kurzweiligen und fraglos sehenswerten Schau. Von der Erwartung, eine allumfassende, einheitliche Definition des „Female Gaze“ geliefert zu bekommen, sollten sich Besucher aber schon vorab verabschieden. „Den einen weiblichen Blick gibt es nicht“, sagt Kuratorin Meiffert. Der Begriff dient lediglich als Schirm für eigenständige Sichtweisen. Mit der Betonung der Selbstbestimmung der Künstlerinnen folgt die Schau subtil einer berühmten Vertreterin des Feminismus, Simone de Beauvoir.

Im Buch „Das andere Geschlecht“ fordert sie alle Frauen auf, sich von den sicheren Werten des Konformismus , von der patriarchalischen Welt zu lösen: „Der Geist muss sich mit allen seinen Reichtümern auf einen leeren Himmel verlegen, den es zu bevölkern gilt. Wenn aber tausend feine Fäden ihn an die Erde fesseln, wird sein Aufschwung gebrochen.“

Frauen in der Kunst

Lohn-Ungerechtigkeit:

Arbeiten von Künstlerinnen sind im Schnitt auf dem internationalen Auktionsmarkt nur halb so viel Wert wie die von Männern. Das ergab eine Studie der Luxembourg School of Finance ( www.manager-magazin.de )

Karriere:

In einer auf die bereits genannte Studie aufbauenden Reihe von Experimenten zeigt Renée Adams, Professorin der University of New South Wales, dass die Wertschätzung von Kunstwerken durch die Betrachter vom Geschlecht des Schaffenden abhängt. Arbeiten von Künstlerinnen wurden intuitiv schlechter bewertet. ( www.das-marburger.de )

Galerien:

Eine von „artnet Analytics“ veröffentlichte Studie der Uni Maastricht kommt zum Ergebnis, dass nur 13,7 Prozent der von Galerien in Europa und Amerika vertretenen Künstler weiblich sind. (www. monopol-magazin.de)

Bis 1. Juni;Vernissage heute, 20 Uhr, im Kunsthaus Erfurt

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