Digitaler Barock im Schloss Friedenstein

Gotha.  Mit modernstem Digital-Equipment rüstet die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha das Universum des Barock auf.

Geräusch, aber keine warme Luft produziert Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (rechts) an einer barocken Windmaschine im Gothaer Ekhof-Theater. Fraktionskollege Matthias Hey schaut ihm zu.

Geräusch, aber keine warme Luft produziert Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (rechts) an einer barocken Windmaschine im Gothaer Ekhof-Theater. Fraktionskollege Matthias Hey schaut ihm zu.

Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha / Foto: Christoph Streckhardt

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Ausgerechnet das Ekhof-Theater, die weltweit älteste historische Bühne mit Schnellverwandlungsmaschinerie, stößt mittels „Virtual Reality Experience“-Technologien ins 21. Jahrhundert vor – allerdings zwecks Zeitreise in die umgekehrte Richtung: um Besuchern mittels VR-Brillen einen wahrhaftigen Augenschein vom barocken Theaterleben zu vermitteln. Der fürs Digitale zuständige Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) übergab am Dienstag einen Förderbescheid für das Projekt.

Mit 192.000 Euro unterstützt der Freistaat das innovative Vorhaben zu 80 Prozent, rund 50.000 Euro kommen aus Eigenmitteln. Tiefensee denkt dabei nicht zuletzt an die touristische Attraktivität des Friedensteins: „Wir wollen besonders qualitätvolle Angebote ins Schaufenster legen“, sagte er zur symbolischen Scheckübergabe. „Und Gotha gehört dazu.“ Seinem Fraktionskollegen Matthias Hey und Oberbürgermeister Knut Kreuch, die ebenfalls zum Termin kamen, wird er damit aus dem Herzen gesprochen haben.

In der Tat erobert die Frieden-stein-Stiftung als eines der ersten Museen in Thüringen ein Vermittlungsmedium, wie es hierzulande keinem Theater-Intendanten zur Verfügung steht. Das allerdings aus gutem Grunde: VR-Technik ist nicht nur teuer, sondern es muss auch jeder Besucher mit einer Spezialbrille ausgerüstet werden. In Gotha wird die 1683 im Schloss errichtete Bühne nur während des Ekhof-Festivals bespielt – dieses Jahr vom 3. Juli bis 29. August. Wer kein Ticket für einen der 165 Sitzplätze ergattert oder außerhalb der Saison kommt, hat keine Chance, barockes Theater zu erleben.

Zum Beispiel die beiden Besucher aus Saalfeld, die am Dienstag das Raumkunstwerk Ekhof-Theater genossen. Allzu gern hätten sie zumindest einen Eindruck vom Betrieb mitgenommen, mussten sich aber mit einem Bericht über dessen technische Abläufe zufrieden geben. 30 VR-Brillen schaffen da demnächst Abhilfe. Virtuell könnten die beiden dann sogar in die stickige, enge Untermaschinerie hinabsteigen, um sich als Kulissenschieber zu betätigen, oder eine köstliche illuminierte Aufführung – zumindest in Ausschnitten – anschauen.

„Die Planungen stehen. Wir gehen jetzt in die Vollen“, kündigte Projektleiterin Friedegund Freitag an. Die Historikerin kuratiert die Neuinszenierung der Ausstellung „Theatergeschichte“ auf Friedenstein und möchte im Gothaer Schloss neue Pfade des „Edutainments“ erschließen: Bildung (Education) und Unterhaltung (Entertainment) gehen dann Hand in Hand. Nun sollen die Arbeiten – vor allem die Filmaufnahmen – schnellstmöglich ausgeschrieben werden. „Ich hoffe, wir schaffen es bis zum 12. August“, sagte Freitag.

Mit Donnerkasten und Windmaschine

Das genau ist der 300. Geburtstag des Namenspatrons Conrad Ekhof (1720–1778). Er galt als der bedeutendste Schauspieler seiner Zeit und kam 1774, nach dem verheerenden Schlossbrand in Weimar, vom dortigen Musenhof nach Gotha. Ekhof setzte sich zwar für einen realistischen Darstellungsstil ein, wusste aber noch sehr genau, wie gern sich das Publikum zu barocker Zeit von Effekten verzaubern ließ. Nicht nur Donnerkasten, Windmaschine und eine ausgeklügelte Beleuchtung spielten da eine Rolle.

Das wichtigste Element der alten Theatertechnik ist die Schnellverwandlung: Binnen Sekunden werden Prospekt und Soffiten, die über Seilzüge mit einem Wellbaum in der Untermaschinerie verbunden sind, getauscht, so dass die Bühnenfiguren, die etwa eben noch eine Gavotte im Festsaal tanzten, sich prompt lustwandelnd im Ambiente eines Parks wiederfinden. Solche Kniffe erzielten beim barocken Publikum eine ähnlich stupende Wirkung wie heute im Kino die Special Effects einer Hollywood-Produktion. Und per „Virtual Reality“ ist Gotha davon nicht weit entfernt.

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