Ein Verdikt, das unheilvoll durch die Zeiten hallt

"Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns." Dieser Aussage stimmten 11 Prozent der befragten Thüringer zu. Wir beschäftigen uns deshalb in mehreren Beiträgen mit Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus.

Erfurt. "Die Juden haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie mißfallen Gott und sind Feinde aller Menschen."(1 Thess, 2,15.) Das ist ein Verdikt, das unheilvoll durch die Zeiten hallt. Es ist in gewisser Weise die ursprüngliche Begründung des Antisemitismus.

Das wird gesagt mit allem Respekt vor dem Apostel Paulus, ohne dessen Wirken wir heute wohl nichts von Jesus Christus wüssten. Paulus hat diesen neuen Glauben verbreitet, indem er ihm den Weg aus den engen Grenzen einer jüdischen Sekte in die Welt öffnete.

Der erste Brief an die Thessalonicher, in dem er dieses Urteil sprach, ist, , wie alle paulinischen Briefe, älter als die Evangelien. Und es tut nichts, dass Paulus auch anders sprach: "Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat." (Röm 11,2.) Es tut nichts, so wie Lessings Patriarch über Nathan sagt: "Tut nichts, der Jude wird verbrannt!".

Die antijüdische Polemik der Heiligen Schrift

Doch gibt es eine Reihe von Stellen, nicht nur bei Paulus, die klar antijüdisch intendiert sind. Und die jüdische Selbstbelastung, die als besonders authentisch erscheinen muss, hat sich neben dem Satz des Paulus ihren Weg durch die Zeiten und in die Herzen gebahnt: "Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!". (Mt 27,25.)

Der religiöse Antijudaismus des Neuen Testamentes ist nicht ausschließlich historisch. "Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus."

So lautete die 1884 autorisierte Übersetzung der "Karfreitagsfürbitte für die Juden". Sie galt, als lateinische Messe, seit dem 16. Jahrhundert und blieb verbindlich bis 1955. Seitdem haben auch katholische Theologen immer wieder insistiert, dass eine solche Begrifflichkeit nach dem Holocaust nicht mehr möglich ist. Das II. Vatikanische Konzil setzte hier 1965 eine Zäsur.

Und der deutsche Papst Benedikt XVI. tat es 2007. Joseph Ratzinger gab die Lateinische Messe mit eben der Karfreitagsfürbitte, für die es bis dahin einer Ausnahmegenehmigung bedurfte, wieder frei. Die Fürbitte hat seit 2008 diesen Wortlaut: "Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen. . .".

Natürlich ist diese Fassung, gemessen an dem ursprünglichen Wortlaut, liberal zu nennen. Doch es bleibt die subtile Aufforderung zur Mission, es bleibt die Feststellung der unerleuchteten Herzen. So stiftete sie Empörung, so belastet sie das Verhältnis der Römischen Kirche zum Judentum.

Doch nicht nur dessen Vertreter, auch katholische Theologen reagierten irritiert bis empört darauf, dass ausgerechnet dem deutschen Papst die Einheit der Kirche ein höheres Gut schien als der Respekt vor dem Holocaust. Und die eigentliche Zielgruppe, die Piusbruderschaft, um deren Integration es ging, lehnte die Fassung ab und erklärte sie für ein bedauerliches Zugeständnis an die Juden.

In der Tat hätte auch und gerade diesem Papst eine Art von Demut gegenüber der historischen Mitverantwortung der Kirche wohl angestanden. Denn die christlichen Kirchen beider Konfessionen haben die Grundlage des Holocaust, den Antijudaismus, erst in die Welt getragen. Selbstverständlich war diese Entscheidung des Papstes nicht gezielt antijüdisch, doch hat Benedikt mit seinem Entgegenkommen gegenüber der reaktionären Piusbruderschaft die antijüdische Tradition der Kirche erinnert.

Es gibt Historiker, die in der Redaktion des Neuen Testamentes eine bewusst antijüdische Intention erkennen. Der Makel des "Gottesmordes" wirkte fort bis in die Neuzeit, in der Theologie wie in der Volksfrömmigkeit. Auch Martin Luther hat daran einen beträchtlichen Teil, hier schrieb er die katholische Tradition fort, aus der er kam. Die den Juden als Kollektivschuld angelastete Kreuzigung Jesu brandmarkte sie als das Volk der Gottesmörder. Das "Kreuzige ihn!" (Mk 15,13) das die Juden dem römischen Prokurator Pilatus fordernd zurufen, blieb an ihnen haften.

So entstand die Substitutionstheologie, die die Juden gleichsam theologisch enterbt, indem sie dekretiert, dass die Juden durch ihre Schuld am Tod Jesu den Status als Gottes Volk verloren hätten.

Immer wieder haben Theologen Anstrengungen unternommen, diese Tradition aufzubrechen. Lessing schrieb: "Alle geoffenbarten Religionen sind gleich wahr und gleich falsch. . . Diese innere Wahrheit ist bei einer so groß als bei der anderen".

Gottes Volk in zweierlei Gestalt

Der bedeutende Theologe Karl Barth sprach vom "Volk Gottes in zweierlei Gestalt". Jenseits der Theologie jedoch wurde dieses negative Bild fortgeschrieben. Es armierte die Kreuzritter, es stimulierte die Pogrome. Und es war der historische Nährboden, auf dem aus einem religiösen Antijudaismus der rassistische Antisemitismus werden konnte. Im 20. Jahrhundert hatte die Religion ihre normierende Kraft weitgehend verloren. Aber sie hatte die Voraussetzungen geschaffen für die Ermordung von sechs Millionen Gottesmördern.