Eins-zu-Eins-Konzerte: Schau mir in die Augen, Kleines!

Erfurt.  Das Philharmonische Orchester des Theaters Erfurt bietet ab 2. Juni Eins-zu-Eins-Konzerte an.

Konzertmeisterin Stephanie Appelhans bei einem 1:1-Konzert des Philharmonischen Orchesters Erfurt im Garten des Restaurants Bâ Badiyel.

Konzertmeisterin Stephanie Appelhans bei einem 1:1-Konzert des Philharmonischen Orchesters Erfurt im Garten des Restaurants Bâ Badiyel.

Foto: Lutz Edelhoff / Theater Erfurt

Drei Monate lang saß die serbische Künstlerin Marina Abramović 2010 auf einem Stuhl im New Yorker Museum of Modern Art und blickte in dieser Zeit 1565 Besuchern in die Augen. „The Artist Is Present“ hieß diese Performance.

Davon inspiriert, entwickelten Stephanie Winker, Franziska Ritter, Christian Siegmund und Sophie von Mansberg 2019 für die kammermusikalischen Sommerkonzerte im thüringischen Kloster Volkenroda ein 1:1-Konzertformat: ein Musiker spielt für einen Zuhörer, der ihm gegenübersitzt.

Diese Konzerte, liest man inzwischen auf der Internetseite der Sommerkonzerte, „scheinen in den Beschränkungen der Corona-Krise ein passgenaues Regelwerk gefunden zu haben.“ Denn vor vier Wochen nahmen zunächst das Staatsorchester Stuttgart und das SWR-Symphonieorchester sowie die Musikhochschule Frankfurt/Main die Idee auf und boten die musikalische Eins-zu-Eins Betreuung an: verbunden mit der Bitte um Spenden für den Nothilfefonds, der unter dem Dach der Deutschen Orchester-Stiftung für freiberufliche Musiker eingerichtet wurde. Alsbald folgten die Staatskapelle Dresden und die Dresdner Philharmonie diesem Beispiel, dann sprangen Musiker der Deutschen Oper Berlin auf den Zug auf.

Der rollt im Juni nun gleichsam zurück nach Thüringen. Das Philharmonische Orchester des Erfurter Theaters bietet vorerst insgesamt zwölf 1:1-Termine an drei Orten an: jeweils vier Zehn-Minuten-Begegnungen binnen einer Stunde, die damit zunächst also 48 Zuhörer erreichen können. „Wenn sich mehr Leute dafür begeistern“, so Orchesterdirektor Malte Wasem, „werden wir in einem zweiten Schritt versuchen, dieses Angebot auszuweiten.“

Einer der drei Orte ist das türkische Restaurant Bâ Badiyel unweit des Kaisersaals, das sein Terrain unkompliziert und kostenlos zur Verfügung stellte: für Konzerte, die dienstags zwischen halb Vier und halb Fünf stattfinden. Dort ereignete sich jetzt auch bereits ein Testlauf.

Zunächst setzt sich dort Solobratschist Joachim Kelber auf einen Stuhl und schaut der Erfurterin Elke Schmidt tief in die Augen. Sekunden der Stille, die zu gefühlten Minuten gerinnen. Dann wählt er spontan aus seinem Bach-Repertoire aus. „Spannend und ungewohnt“ sei das gewesen, so Kelber später. „Wir hatten ja jetzt gerade längere Zeit gar keinen direkten Kontakt zum Publikum, und jetzt gibt es den gleich nur zu einem Einzigen!“ Immer wieder habe er neue Verbindungen aufgebaut, zu seinem Instrument ebenso wie zu seinem Gegenüber. „Meine Frau hat mich zu Hause schon tausend Mal spielen gehört.“ Aber dies hier sei doch noch etwas ganz anderes. „Vielleicht bekomme ich demnächst auch mal plötzlich Lust, etwas Kleines zu improvisieren“, so eine spontane Überlegung für den Ernstfall.

Konzertmeisterin Stephanie Appelhans kennt solche Eins-zu-Eins-Situationen bereits aus einem Mentalitätstraining, ohne ihre Violine allerdings. Den Blickkontakt länger zu halten, fällt ihr beim Testkonzert dennoch nicht leicht. Einfacher ist da schon der Blick aufs Notenpult, auf dem die Solosonaten von Eugène Ysaÿe liegen, aus denen sie mit eleganter Schärfe vorträgt.

Marlies Reich, PR-Chefin des Theaters, ist ihre Testperson. „Ich mag lieber das große Ganze“, meint diese nach dem Erlebnis. Will sagen: großes Orchester, vor allem aber ein Konzert mit großem Publikum. Gleichwohl verspricht ein solches 1:1-Konzert eine wirklich intensive Erfahrung.

Vergleichbares konnte man 2016 und 2017 beim Kunstfest Weimar sehen, als Schauspieler in Arbeiten von „Raum+Zeit“ um den Regisseur Bernhard Mikeska im Schießhaus beziehungsweise im Hotel Elephant jeweils für einen und mit einem Besucher spielten „Goethe :: Vom Verschwinden“ und „Camera obscura :: Lenz“ hießen diese außergewöhnlichen theatralen Installationen. So etwas ist mit und ohne Corona-Virus-Bedingungen eine Empfehlung. Siehe Volkenroda!

Erfurts Philharmoniker verständigten sich darauf, „um endlich mal wieder loslegen zu können“, so der Fagottist Torsten Klier, der auch mit von der Partie sein wird. Als in seinem Orchester die Idee reifte, war noch nicht absehbar, ob man in dieser Saison doch zumindest auf den Domstufen noch etwas zu tun bekäme. Danach sieht es inzwischen zwar aus. Doch 1:1 ist und bleibt gleichwohl ein lohnenswertes Projekt der aktiven Musikvermittlung nicht nur, aber gerade in solchen Zeiten wie diesen.

Elf Orchestermusiker sind fürs erste beteiligt. Nummer zwölf ist Erfurts Domorganist Silvius von Kessel. Im Mariendom finden die Konzerte immer Samstag von 19 bis 20 Uhr statt. Dritter Aufführungsort soll an Donnerstagen die Galerie Rothamel sein.

Potenzielle Konzertbesucher melden sich per E-Mail an und vereinbaren einen der Konzerttermine. Vor Ort werden sie von einem „Gastgeber“ eingewiesen. Sie füllen einen Zettel mit persönlichen Daten aus und können auf diesem Weg auch etwas für den Corona-Nothilfefonds einzahlen lassen. Bedingung für das Konzerterlebnis ist das allerdings nicht.

Die Erfurter 1:1-Konzerte beginnen am 2. Juni. Mehr unter www.theater-erfurt.de/Programm/Konzerte/1-1-CONCERTS-Mit-Abstand. Anmeldung per E-Mail unter 1zu1@theater-erfurt.de