Erfurter Brief an Hoff: „Nehmen Sie uns nicht die Hoffnung“

Erfurt.  Die Sommerkomödie Erfurt hält generelle Festivalabsagen für verfrüht. Es brauche ein bisschen Kultur, wenn die Stadt wieder schrittweise öffnet.

Die Sommerkomödie Erfurt zeigte 2019 in der Ruine der Barfüßerkirche eine eigene Version von Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“. Für kommenden August war „Cyrano von Bergerac“ geplant.

Die Sommerkomödie Erfurt zeigte 2019 in der Ruine der Barfüßerkirche eine eigene Version von Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“. Für kommenden August war „Cyrano von Bergerac“ geplant.

Foto: Lutz Edelhoff

Bislang hatte sich Volker Nienstedt mit dem Erfurter Kulturbürgermeister auf den 30. Mai als Stichtag geeinigt. Spätestens dann muss, äquivalent zu den Domstufenfestspielen, entschieden werden, ob die Sommerkomödie in der Barfüßerruine angesichts der Corona-Lage stattfinden kann. Nienstedt ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft, die sie veranstaltet.

„Ich bin auch dazu bereit, mit der Stadt über jede Form der Gefahrenminimierung zu reden“, sagte Nienstedt unserer Zeitung am vergangenen Freitagmittag. Er denkt an größere Abstände im Publikum oder an Schalensitze, wo es in der Vergangenheit allenfalls Sitzkissen für die Tribüne gab, oder „an was auch immer.“

Einen Abstand von einem Meter fünfzig zwischen den Zuschauern konnte sich Nienstedt nicht vorstellen. Und ebenso wenig, dass diese dann alle mit Schutzmasken in der Aufführung sitzen. „Das wäre albern, das mache ich nicht! Ich würde mich ja totlachen und den Text vergessen, wenn ich selbst auf der Bühne stehen müsste!“

Wenig später jedoch schienen alle Überlegungen ohnehin hinfällig. Thüringens Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) sagte den Kultursommer im Grunde vollständig ab. Und die laufende Saison der staatlich geförderten Theater und Orchester erklärte er endgültig für beendet.

Hoff gab sich mit Blick darauf, dass wir allenfalls eine Anfangsphase der Corona-Pandemie überstanden haben könnten, keinen Illusionen mehr hin. Den Begriff der Großveranstaltungen, die laut Übereinkunft von Bund und Ländern bis 31. August untersagt sind, legte er deshalb denkbar eng aus. Politisch definiert werden soll dieser aber erst zu Beginn dieser Woche.

Knoblich: „Es ist ziemlich krass, alles so restriktiv abzusagen“

Volker Nienstedt reagierte prompt mit einem offenen Brief an Hoff. Er schrieb ihm darin, ließe sich sagen, einen Satz des Cyrano von Bergerac, der ab 30. Juli als Komödienheld 26 Mal die Bühne erklimmen sollte: „Die Nutzanwendung ist mir nicht verständlich.“

Konkret hält Nienstedt in diesem Brief „eine generelle staatliche Absage zu diesem frühen Zeitpunkt“ für „verfrüht und unnötig und entmutigend.“ Notfalls könnten Veranstaltungen problemlos auch später abgesagt werden. „Aber nehmen Sie uns nicht jetzt die Hoffnung.“

Wenn Erfurt die Stadt schrittweise wieder aufmache, „brauchen wir auch ein bisschen Kultur“, hatte Nienstedt zuvor unserer Zeitung gesagt. Darin scheint er sich mit Kulturbürgermeister Tobias J. Knoblich (parteilos) einig: „Es ist schon ziemlich krass, alles so restriktiv bis Ende August abzusagen“, findet dieser. „Ich denke, man müsste in Deutschland ein bisschen stärker differenzieren, „und gucken, dass gerade in den Sommermonaten noch ein bisschen Leben stattfinden kann, wenn man dafür sorgen kann, dass es Abstandsregeln und hygienische Maßnahmen gibt.“

Knoblich hofft, die Landesregierung möge unter anderem auch Anregungen des Landesverbandes im Deutschen Bühnenverein berücksichtigen. Dem steht Guy Montavon vor, der als Erfurter Theaterintendant und als Regisseur zuletzt unter allen Umständen Verdis „Nabucco“ bei den Domstufenfestspielen aufführen lassen wollte, ab 10. Juli.

Gegenüber der Presse wollte sich Montavon nicht mehr zu diesen Festspielen äußern. Er sei „momentan nicht aussagefähig“, ließ er nur über eine Sprecherin ausrichten. Man warte auf eine Entscheidung am 30. Mai. Das Theater plante demnach, dass seine Werkstätten am 4. Mai mit den Vorbereitungen beginnen sollen. Weit über die Hälfte der insgesamt 40.000 Festspielkarten habe man bereits verkauft, hieß es. Auf den Domstufen wollte das Theater 61 Prozent seiner Gesamteinnahmen im Wirtschaftsjahr 2020 verdienen.

Theater Erfurt droht fünf Millionen Euro großes Defizit

Ohne die Festspiele schlüge laut Tobias J. Knoblich ein insgesamt fünf Millionen Euro großes Defizit zu Buche, einschließlich der Veranstaltungen, die das Theater sonst schon absagen musste. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass es in diesem Jahr noch zu Aufführungen auf den Domstufen kommt, hält auch Knoblich inzwischen nicht mehr für sehr hoch.

Allerdings sei der Publikumszugang zu den Domstufen-Festspielen (mit normalerweise allabendlich 2000 Zuschauern) oder in der Barfüßerruine (350 Zuschauer) doch wesentlich besser zu steuern als etwa beim Krämerbrückenfest, das 150.000 Besucher gesehen hätte, so der Bürgermeister.

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) relativierte Minister Hoffs Aussagen am Samstag zwar, aber nur ein wenig. „Der Begriff Großveranstaltungen war eher gemeint für große Festivals“, sagte er dem MDR-Fernsehen. Im Moment sei er aber noch nicht ausgelegt. Man müsse und werde sich „vorsichtig ran tasten.“ Kleinere Veranstaltungen würde man gerne ermöglichen.

Die wären nach aktuellem Stand zwar größer als das, was Benjamin Hoff nur scheinbar zugespitzt formuliert hatte: „Eine Großveranstaltung ist gerade, wenn zu zwei Personen eine weitere hinzukommt.“ Aber sie wären weder für eine Sommerkomödie in der Barfüßerruine noch gar für die Domstufenfestspiele auch nur ansatzweise groß genug.