Bachelier präsentierte DDR-Doku "Feinberührung" in Erfurt

Im Film "Feindberührung" besuchen Peter Wulkau und Hartmut Rosinger den Stasiknast in Cottbus. Ende der 1970er saß Wulkau hier für fast zwei Jahre ein. Die beiden Männer gehen die nun verlassenen Zellengänge entlang, ihre Schritte hallen wider von den schmutzigen Wänden.

Der ehemalige IM Hartmut Rosinger und sein Opfer Peter Wulkau lesen im Film "Feindberührung" gemeinsam aus Rosingers Berichten an die Stasi. Foto: CTV

Der ehemalige IM Hartmut Rosinger und sein Opfer Peter Wulkau lesen im Film "Feindberührung" gemeinsam aus Rosingers Berichten an die Stasi. Foto: CTV

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Erfurt. Sie steigen einige Treppen hinab, zwängen sich durch enge Kellergänge und gelangen schließlich in einen winzigen, von hohen Mauern umgebenen Innenhof. "Das war der Freigangbereich", sagt Wulkau. "Freigang?" fragt Rosinger ungläubig zurück.

Tatsächlich ist in dem 10 Quadratmeter engen Geviert kaum Platz für die zwei. Nach oben hin ist der Schacht mit Maschendraht verschlossen, nur die Mauern des Gefängnisses sind zu sehen. "Wohl eher ein Käfig", murmelt Rosinger leise. Ganz dicht fährt die Kamera an sein Gesicht heran. Das Entsetzen darin wirkt echt.

Später sieht man den Bad Langensalzaer allein über den Gefängnishof gehen. Den Kopf gesenkt, wischt er sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht. Er, Rosinger, war es, der in den 1970ern mit seinen Berichten an die Staatssicherheit dazu beitrug, dass Peter Wulkau in deren Fänge und in den Cottbuser Knast kam. Zwischen all den Stahltüren, deren rostige Riegel immer noch hart zuschnappen, ist Rosinger das einmal mehr bewusst.

Der gemeinsame Knastbesuch ist eine der Schlüsselszenen in Heike Bacheliers Dokumentarfilm "Feindberührung". Über 90 Minuten erzählt er von den Begegnungen des Stasi-Opfers Peter Wulkau mit seinem Spitzel Hartmut Rosinger. Der eine ein von der Universität gefeuerter Student, dem seine kritischen Fragen zum Verhängnis werden, der "zur Bewährung" in die Produktion geschickt wird und im trostlosen Magdeburg unterm Dach der Kirche intellektuelle Herausforderung sucht und findet.

Der andere ein vom Sozialismus Überzeugter, der sich Anfang der 1970er von der Stasi anwerben lässt und als IM "Hans Kramer" den Kontakt zu den Abtrünnigen sucht. Bald verband Beobachter und Ausspionierten eine enge Freundschaft. Man redet viel miteinander, spielt Schach, vertraut sich Privates und Geheimnisse an. "Dem habe ich vertraut", sagt Wulkau im Film, "ich hätte nie vermutet, dass er auch persönliche Gespräche weitergibt an die Staatssicherheit."

Doch genau das hat Rosinger in den 1970ern getan, und das nicht zu knapp. Er horcht Wulkau für die Stasi aus und steckt ihr auch, dass der Freund an einem kritischen Roman über die SED-Herrschaft schreibt, den er im Westen veröffentlichen wolle. Warum? Im Film antwortet er auf diese Frage mit Sätzen wie "Meine persönliche Vision stand in großer Übereinstimmung zum Ideologiegebäude Marxismus." Sie können nur bedingt erklären, warum einer Verrat an einem Freund begeht. Erst als Wulkau 1978 verhaftet, verurteilt, eingesperrt und schließlich in den Westen abgeschoben wird, quälen ihn Gewissensbisse. Er entzieht sich der Mielke-Truppe und beginnt in Thüringen ein neues Leben.

Hartmut Rosinger hätte es dabei belassen können. Ende der 1980er ist der inzwischen allgemein geschätzte Sonderpädagoge in der Bürgerbewegung in Bad Langensalza aktiv, er boykottiert die Kommunalwahlen vom Mai 1989 und organisiert schließlich in der Wendezeit Demos. Seine Vergangenheit aber lässt ihm keine Ruhe. Im Gegensatz zu anderen, die leugnen, rechtfertigen oder schweigen, sucht er den Kontakt zu seinem Opfer, trifft sich schließlich sogar mit ihm.

Als die Regisseurin Heike Bachelier vor einigen Jahren auf beide aufmerksam wird, haben Wulkau und Rosinger schon viele Gespräche hinter sich. Gemeinsam sprechen sie bei Projekten der Thüringer Stasiunterlagenbehörde mit Jugendlichen über ihren Fall. "Als ich davon hörte, wollte ich unbedingt einen Film darüber machen", sagte Bachelier Anfang dieser Woche bei einer Vorführung von "Feindberührung" im Cinestar Erfurt. Im Film treffen Täter und Opfer nicht nur aufeinander, beide lesen auch gemeinsam aus den Akten, die zur Inhaftierung Wulkaus beitrugen. Dass ein ehemaliger Stasispitzel auch seine eigenen Berichte einsehen kann, sei im Stasi-Unterlagengesetz eigentlich nicht vorgesehen, sagt Bachelier. Zur Vorbereitung auf den Film habe sie sich selbst den Stasi-Akten von Peter Wulkau und Hartmut Rosinger zugewandt und sich schließlich vor 16.525 Seiten wiedergefunden. "Für Westdeutsche bietet sich da ein unerwartet tiefer Einblick in die psychologischen Mechanismen der Diktatur." Auch das wolle sie in "Feindberührung" nachempfinden lassen, sagt Bachelier.

Aus den Akten ergeben sich im Film denn auch immer wieder besondere Momente der Konfrontation mit der eigenen fragwürdigen Vergangenheit. In einem Bericht ist von angeblichen gruppensexuellen Aktivitäten Wulkaus die Rede. "Habe ich das wirklich geschrieben", fragt sich Rosinger. Vergessen und Rechtfertigung funktionieren noch. "Das war nicht ich", sagt der Langensalzaer einmal, und weiß doch längst, dass er seiner Vergangenheit schwerlich entfliehen kann.

Peter Wulkau holte nach der Ausreise in den Westen sein Studium der Soziologie nach. Seine Ehe ging in die Brüche. Hartmut Rosinger baute bei Bad Langensalza eine Behindertenwerkstatt auf, erzählt heute Schülern von der Wende, stellt Ausstellungen zusammen oder führt Interessierte durch die jüdische Geschichte seiner Stadt. Dass Wulkau seinem Spitzel Rosinger ungeachtet seiner Verletzungen und Enttäuschungen wieder begegnen kann, hielt der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Roland Jahn in Erfurt für ein wichtiges Beispiel gelungener Geschichtsaufarbeitung. Bevor man von den Opfern die Bereitschaft zur Versöhnung verlangen könne, müssten die Täter Verantwortung für ihre Taten übernehmen, so Jahn. Im Falle von Wulkau und Rosinger habe das funktioniert.

Die Regisseurin

Heike Bachelier (Jg. 1966) ist gebürtige Saarbrückerin und wuchs in Bonn auf. Ihre Laufbahn als Filmemacherin begann die Politologin bei den Fernsehsendern Tele 5 in München und WDR in Köln. Als Junior-Produzentin der Colonia Media Filmproduktion entwickelte sie Spielfilme mit jungen Autoren und Regisseuren und produzierte Dokumentarfilme für WDR, ZDF und Arte.

Einer ihrer ersten Dokumentarfilme war der 30-minütige Streifen "Schreckliche Mädchen - Straßenkinder am Ende der Flucht" für das ZDF, die Geschichte von vier jungen Mädchen, die versuchen, das Straßenleben in Berlin hinter sich zu lassen. 2007 gründete Bachelier, die inzwischen in London lebt, die Filmproduktion "Trufflepig Films", um unabhängige Dokumentarfilme zu produzieren und zu vertreiben. Der erste dieser Filme "The Lost World of Mr. Hardy" verfolgt die Geschichte des Familienunternehmens "Hardy" über drei Generationen, von den Anfängen im Jahre 1873 bis in unsere globale Welt der Massenproduktion. Der Film kam 2009 in die britischen Kinos.

Der Film

Zum Film "Feindberührung" wurde die Filmemacherin unter anderem von der Thüringer Stasiunterlagenbehörde angeregt. Der Film ist Bacheliers erste abendfüllende Doku.

Eine einstündige Fernsehversion des ansonsten 90-minütigen Filmes wurde für den History Makers Avard in New York nominiert und zu zahlreichen Festivals eingeladen. Im Ausland war der Film unter anderem beim Sao Paulo international Film Festival zu sehen. Für die zweite Jahreshälfte ist eine Ausstrahlung im ZDF geplant. Eine DVDVersion soll demnächst erscheinen.

Roland Jahn über "Feindberührung"

Am Montag wurde der Film Feindberührung im Erfurter Kino "Cinestar" gezeigt. Beim anschließenden Podiums-Gespräch mit den Akteuren verwies der neue Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, auf die Seltenheit eines solchen Gespräches zwischen Täter und Opfern. Wörtlich sagte Jahn: "Peter Wulkau und Hartmut Rosinger sind die Ausnahme." Gründe dafür sieht Jahn auch im Umgang mit DDR-Geschichte in den vergangenen 20 Jahren. Oft habe die Stasi als alleiniger Schuldiger herhalten müssen, Aufklärung sei dabei nicht immer Aufarbeitung gewesen. Für die Versöhnungsbereitschaft der Opfer sei es aber zunächst nötig, dass sich die Täter zu ihrer Verantwortung bekennen.