Der Urschrei von Rammstein: Was ein Erfurter mit dem neuen Film zu tun hat

Erfurt  Der Film „Achtung! Wir kommen ... und wir kriegen euch alle“ widmet sich dem Osten Deutschlands, dem Wandel und einer schillernden Musikszene.

Die Band Rammstein in ihren ersten Tagen bei Aufnahmearbeiten in einem Gartenhaus in Eichwalde bei Berlin.

Foto: www.stahlheimfilm.de

Junge Typen schleppen Kisten und Boxen durchs Bild. Einer mit blondierten kurzen Haaren, rotes Schlabber-T-Shirt. Der andere mit auf Kante geschnittenem Haar, Hemd und Anzugsweste. Ja, und dann taucht da noch der Schlacks mit Brille auf. Trotz der Zeitreise unverkennbar. Das sind Paul, Richard und Christoph von „Rammstein“ – der größten deutschen Rockband.

Im Erfurter Lokal „Roter Elephant“ sitzen dieser Tage Carl G. Hardt, Regisseur, und Torsten Stütz zum Gespräch am Tisch. Sie haben den Film im Gepäck, der die amüsanten Szenen zeigt. Aber noch viel mehr: den „Urschrei“ von „Rammstein“ – wie es Hardt sagt. Und dieser Schrei soll noch einmal um die Welt gehen. Wofür die beiden in ihrem Leben derzeit alles andere hinten anstellen. Der Berliner Filmemacher und der Erfurter, der als Punk im Herzen von Konzert zu Konzert zog, so bei Aljoscha und „Feeling B“ als Tourmanager landete und nun als Executive Producer im Abspann steht.

Ab Dienstag, 26. März, ist der Film „Achtung! Wir kommen ... und wir kriegen euch alle“ zu sehen. Im Gegensatz zu seinem inneren, analogen Wesen erstmal nur online. Als Stream auf der Plattform „Stahlheimfilm“. „Er ist nun 21 Jahre alt, volljährig, da kann er in die Welt raus“, schaut der Regisseur schmunzelnd auf die lange Entstehungsgeschichte zurück.

Ganz obenan steht ein Satz: „Dieser Film muss laut gehört werden!“ Wie seinerzeit beim DDR-Dokumentarfilm „Flüstern und Schreien“, auf den der neue Film aufsetzt. Dieser hielt 1988 ein authentisches Bild der DDR-Jugend fest und ist viel mehr als ein Musikfilm. Auch wenn Tamara Danz mit „Silly“ auf ihrer Tour begleitet wurde – die alternativen Kapellen „Feeling B“ und „Sandow“ rockten damals das Kino. So etwas hatte man nicht gesehen. Pogende Kids am Strand und Lehrlinge, die auf Bahnhöfen schliefen.

Carl G. Hardt war seinerzeit Produzent des Films. Was ihm stets ein hohes Maß an Kreativität abverlangte. „Da wir notorisch kein Geld hatten, haben Flake, Paul und Aljoscha kurzerhand bei Till Lindemann gepennt. Die haben sich da kennengelernt“, sagt er. Bei Rammstein-Fans klingelt‘s. Paul und Flake von „Feeling B“ und Sänger Lindemann, sind der Zellkern von „Rammstein“. Auch wenn sie es damals noch nicht wussten.

Ahnte aber Carl G. Hardt etwas Großes auf sich zukommen, als er nach der Wende beschloss, quasi im Alleingang eine Fortsetzung von „Flüstern und Schreien“ anzugehen? Er drehte dafür weiter die Konzerte von Bands. Und das mit großem Besteck: Kamerakräne, teilweise etliche Kameras auf und vor der Bühne. Insgesamt 34 Kameraleute sind nun im Abspann aufgeführt.

Aber stopp, da ist erst einmal eine Zwischenstation zu nennen. Auch Thüringen hat seinen Platz in der Rammstein-Geschichte. Hier nahmen Paul Landers und Flake Lorenz die Kehrtwende, was gleichsam der Urknall für die „Rammstein“ im Jahr 1994 ist. Der Gitarrist und der Keyboarder haben auf „Feeling B“ und ihren Sänger Aljoscha, – einen charismatischen aber zugleich unberechenbaren Charakter – keine Lust mehr. In Steinbrücken bei Nordhausen, beim inzwischen 9. Pfingst-Openair, gibt „Feeling B“ sein letztes Konzert. Carl G. Hardt baut auch hier die Kameras auf. Filmt noch einmal den heiteren Wahnsinn.

Erste Aufnahmen in einem Gartenhaus

„Im August, exakt am 4., drehte ich das erste Mal mit Rammstein“, beginnt Carl G. Hardt hier im Kneipentisch endlich davon zu erzählen, was er Rammstein-Fans nun als Grundlektüre darbieten will.

Gespannt, mal was anderes zu sehen, als Hinterhöfe und besetzte Häuser am „Prenzelberg“, sei er für den Film aufs Land gereist – und fand die „Rammsteine“ in einem Häuschen inmitten eines verwilderten Gartens. „Achtung wir kommen!“ hält diese Begegnung – und das Arbeiten an ersten Songs und wie sich herausstellte ersten Hits – aus der Perspektive des Hofhundes fest. „Du riechst so gut“ ist da schon in Fragmenten zu hören. Das muss dem Hund aus dem Herzen gesprochen haben, denn er blieb friedlich.

„Rrrrammstein.“ Die Metamorphose beginnt, von den Spaßpunks zu den provokanten Metal-Helden, die von Anfang an auf den Welterfolg zielen. Ramstein, den Namen der US-Basis in der Pfalz, kennt jeder Amerikaner. „Rammstein“ inzwischen auch. Hardt bleibt dran und dreht erste Konzerte der Rocker. So im Rostocker „Mau Club“. Freie Oberkörper, Lindemann mit Schweißerbrille, die neue deutsche Härte hat ein Gesicht. „Rrrrammstein, ein Mensch brennt“, wer diese Bilder aus der Anfangszeit sieht, wundert sich nicht mehr über den späteren Erfolg.

Es entstehen Aufnahmen, die für „Rammstein“ heute ein unglaublicher Glücksfall sind. Welche Band hat schon aus ihren ersten Tagen noch Filmmaterial in Kino-Qualität? Carl G. Hardt bleibt aber bei seinem Projekt, einen Film zu machen, der über die DDR, den Wandel und die schillernde Musikszene erzählt. Er nimmt weitere Bands auf, die „Inchtabokatables“, „Die Skeptiker“. Auch „Subway to Sally“ die heute ebenso Fans auf der ganzen Welt haben. Hardt interviewt Musiker, Weggefährten. Auch dafür lohnt es sich, den Film zu schauen. Zu spüren, mit welchem Humor die alternative Szene den Wendungen im Leben nahm. Flake, der inzwischen erfolgreich Bücher mit den Anekdoten gefüllt hat, und Paul Landers im Küchengespräch, das grenzt schon an Stand-Up-Comedy.

Doch mit dem Erfolg vom „Rammstein“ gibt es ein paar Verstimmungen. 1998 will die Band die Szenen aus den Ur-Tagen nicht in einem Film sehen.. Hier kommt Torsten Stütz ins Spiel. Über den Feeling-B-Sänger Aljoscha lernen sich Carl G. Hardt und Stütz kennen. Der kaum zu bremsende Plauderer Hardt und der ruhige, besonnen wirkende Erfurter. Der aber am Ende ein fanatischer Sammler, Archivar und Nachlassverwalter einiger alternativer DDR-Bands ist. „Ich war oft in Gotha bei meinem Cousin im besetzten Haus, da spielte alle Nase lang Otze und ,Schleimkeim‘“, erinnert er sich an die Anfänge.Heute lagern neben Feeling-B-Hinterlassenschaften etwa auch das Bandmaterial von „Die Anderen“ in seinen Schränken.

Filmstart vor neuer Rammstein-Tournee

Da hat sich das richtige Duo zusammengefunden, an der ultimative Fassung des Films zu arbeiten. Sie reden immer wieder mit dem damaligen Rammstein-Manager. Auch mit den Musikern selbst. Torsten Stütz trägt als Bote immer die jeweils neue Fassung hin und her. Geht parallel dazu mit dem Film und passenden Bands auf Tour. Ist im „Kassablanca“ in Jena mit der Band „Kamikaze 52“, in Erfurt mit „Rummelsnuff“. Dann kommt es doch noch zu einer einvernehmlich Lösung zum gegenseitigen Vorteil. Carl G. Hardt: „Am Ende war alles gut, so wie es war. Der Film hatte genau die Zeit zum Reifen, die er brauchte.“

Was für Torsten Stütz harte Arbeit war. „Ich kenne jede Szene, jeden Schnitt“, sagt Regisseur Hardt, „ich schaue mir das nicht mehr an.“ Und er sagt mit Blick auf seinen Kompagnon „Torsten muss da immer wieder ran.“ Eine harte Sache für den Erfurter, schließlich sind unzählige Sprachfassungen des Films schon in Vorbereitung.

In Russland wird wohl eher die Kino-Premiere sein als hier. „In Russland gibt es die meisten Rammstein-Fans“, ist sich der Regisseur sicher. Dafür gibt es auch den leicht pathetischen Einstieg über die Zeit in der sich die Welt veränderte und den Untertitel „Ein deutsches Requiem“. „Wer weiß heute schon noch etwas von der DDR und der Wende.“

Doch auch der Deutschland-Start per Stream, so gibt Carl G. Hardt mit leicht verschmitztem Blick zu, ist natürlich nicht zufällig gewählt. „Rammstein“ macht derzeit die Maschinen klar. Am 27.Mai steigt auf Schalke die erste Show der vorerst 30 Konzerte zählenden Stadion-Tour. Nach 25 Jahren will es „Rammstein“ der Welt noch mal zeigen. Die Boxen schleppen dann allerdings andere.

Zur Sache:

„Achtung! Wir kommen“ als Stream ab Dienstag, 26. März, unter www.stahlheimfilm.de

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