„Galerie Schloss Ettersburg“ eröffnet Jahresprogramm mit Fotografien des blinden Fotografen Evgen Bavcar

Ettersburg  Bilder des slowenisch-französischen Fotografen Evgen Bavcar bringen auf Schloss Ettersburg Licht in die Finsternis zurück.

Dieses Selbstporträt des blinden Fotografen Eugen Bavcar entstand 2017, erstellt unter dem Pseudonym Roseugene (CC BY-SA 4.0). Mehr dazu findet sich im Internet unter der Adresse https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55285177. Foto:

Dieses Selbstporträt des blinden Fotografen Eugen Bavcar entstand 2017, erstellt unter dem Pseudonym Roseugene (CC BY-SA 4.0). Mehr dazu findet sich im Internet unter der Adresse https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55285177. Foto:

Foto: zgt

Mit Augen eines Kindes, ließe sich sagen, blickt Evgen Bavcar bis heute auf die Welt: in dem er in sich hineinsieht und Bilder der Erinnerung heraufbeschwört. Es sind Bilder aus den Zeiten vor und während des „langsamen Abschiednehmens vom Licht“, wie er es beschrieb.

Evgen Bavcar war elf, als er sich in seinem slowenischen Heimatdorf Lokavec das linke Auge an einem Zweig zerstörte. Nur wenige Monate später zündete eine Mine des Zweiten Weltkriegs, die er gefunden hatte, und verletzte das rechte. „Ich bin nicht plötzlich erblindet, sondern schrittweise, über Monate hinweg“, schrieb er im Buch „Das absolute Sehen“, mehr als dreißig Jahre später.

Dann war es dunkel. Doch belichtet er die Welt gleichwohl: „Eines Tages hat mich der Traum von all dem Unerreichbaren dazu gebracht, meine ersten Aufnahmen zu machen.“

Da war er sechzehn. Bavcar ist ein Philosoph der Kunst und Ästhetik geworden, seit er 1972 nach Paris ging, ein Autor poetischer Prosa und ein Fotograf, der weltweit ausstellt: in Mexiko und Brasilien, in Italien und Spanien häufiger als in Frankreich.

Der Germanist und Philosoph Marc Sagnol, der in Erfurt das französische Kulturbüro Thüringen leitet, holt seine Bilder und ihn nun nach Ettersburg. Bavcar, findet Sagnol, sei „ein erstaunlicher Mensch, der es verdient, gekannt zu werden.“

Den Anlass für die Ausstellung, mit der die von Hans Dieter Mück kuratierte „Galerie Schloss Ettersburg“ ihr Jahresprogramm eröffnet, liefert das Bauhausjahr. Denn zum einen sei Bavcars Art zu fotografieren „vom Bauhaus inspiriert“, so Sagnol. Und zum anderen verweisen einige der insgesamt 40 ausgestellten Bilder auf den slowenischen Maler Avgust Cernigoj (1898–1985): ein Konstruktivist, der ein Jahr lang am Weimarer Bauhaus studierte und dabei von Wassily Kandinsky geprägt wurde.

Konstruierte Bilder, konzeptionelle Fotografie

„Und nun“, schrieb Bavcar zwar, „leuchtet für mich etwas anderes, das Licht der Sprache und der Musik.“ In der Welt der Kunst kennt er sich gleichwohl aus: vermittelt durch Lektüren ebenso wie durch die Bildbeschreibungen anderer, idealerweise mehrerer Menschen, aus denen er sein Bild davon zusammensetzt.

Ähnlich beschreibt er die Arbeit mit der Kamera: „Mein Blick existiert nur durch das Schattenbild einer Fotografie, die von einem anderen betrachtet worden ist. Ich brauche den Blick des anderen, damit die Bilder in mir zum Leben erweckt werden.“ Über Tastsinn und Gehör nimmt er Objekte und Modelle in den Fokus. Für das einigermaßen bekannt gewordene Bild eines Mädchens auf einer Wiese hängte er seiner Nichte etwa ein Glöckchen um.

„Natürlich knipst Bavcar nicht nur“, sagt Marc Sagnol. „Das sind konstruierte Bilder.“ Er spricht von konzeptioneller Fotografie.

Sie entsteht zumeist nachts. In der Dunkelheit, die seine Bilder gleichsam grundieren, sucht er nach dem Licht. Und er findet es, zum Beispiel mittels langer Belichtungszeiten. Nicht selten überlagern sich auch mehrere Motive, immer wieder sind Bilder mehrfach belichtet. So entstehe eine Welt der Ideen, meint Marc Sagnol, auf Platon verweisend. „Wenn man Fotos von Bavcar gesehen hat, sieht man die Welt anders.“

Selbstredend hatte Bavcar alles andere als blind werden wollen. Er hat es vielmehr gehasst, auch die „allzu verstandesmäßige Art meiner Wahrnehmung“, die daraus folgte: vermitteltes, intellektuelles Sehen. Doch er lernte, damit zu leben. „Meine Komplizin, die Blindheit“, sagt er heute.

Die Sehnsucht nach dem Licht ist dennoch geblieben. Bavcars Fotografien sind ein Ausdruck dessen. „Die Finsternis“, hat er allerdings notiert, „ist nur Schein, denn das Leben jedes einzelnen, so dunkel es auch sein mag, besteht auch aus Licht.“

Auch insofern bietet Schloss Ettersburg zu Jahresbeginn eine erhellende Ausstellung an, deren latente Bauhaus-Bezüge vielleicht noch das geringste Interesse wecken. Aber sie erlaubt uns die Entdeckung eines nunmehr 72-jährigen Künstlers.

Fünf weitere Ausstellungen werden folgen, darunter zwei, zu denen Mück Künstlern Aufträge erteilte. So werden verschiedene Maler ab März ihre Sicht auf Rosa Luxemburg präsentieren, ab Juni auf Friedrich Nietzsche. Zwischendrin macht der aus Greiz stammende Künstler Peter Zaumseil mit Gemälden, Holzschnitten und Skulpturen „Bella Figura in Aarcadia“. Die Kunstsammlung eines Landwirtes, Bernd Heinichen aus Pegau bei Leipzig, stellt Mück im Herbst vor, mit Impressionisten und Expressionisten. Und Fotografien von Ulf Köhler aus Weimar beschließen dann den Reigen.

Vernissage mit Evgen Bavcar sowie den Botschaftern Frankreichs und Sloweniens: 11.1., um 19.30 Uhr. Zu sehen dann bis zum 25. Februar. Über „Die Konzeptfotografie und die Frage des Bildes“ spricht Bavcar am 10.1., 18 Uhr, im Van-de-Velde-Bau der Bauhaus-Universität.