Mit öffentlichem Konzert im Garten gegen die Wand gefahren

Weimar.  Wie ein Sängerpaar in Weimar versucht, ein öffentliches Gartenkonzert zu veranstalten.

Das Opernsänger-Paar Eleonore Marguerre und Uwe Stickert singt in seinem Garten vorerst alleine.

Das Opernsänger-Paar Eleonore Marguerre und Uwe Stickert singt in seinem Garten vorerst alleine.

Foto: Maik Schuck

Äußerlich entspannt stehen Sopranistin Eleonore Marguerre und Tenor Uwe Stickert in ihrem 1000-Quadratmeter-Garten, hinter ihrem Haus im Weimarer Westen. Innerlich aber scharren sie längst mit den Hufen. „Uns geht’s darum, mal wieder etwas zu machen“, sagt Stickert. „Einfach mal machen!“

Damit Musik stattfindet. Ohne Eintritt. „Damit wir nicht ganz von der Bildfläche verschwinden.“ Sie hoffen, dass den Leuten das kulturelle Live-Erlebnis fehlt. „Ich möchte jedenfalls nicht zu dieser digitalen Flut beitragen“, erklärt Marguerre entschieden. „Ich möchte auch selbst Menschen hautnah erleben !“

Doch so einfach scheint das nicht zu sein. Mit ihrer Idee, für kommenden Freitag im privaten Garten ein öffentliches Konzert zu veranstalten, zu dem vielleicht 50 Leute kommen könnten, sind sie erst mal gegen die Wand gefahren. Sie handelten sich bei Kulturdirektorin Julia Miehe eine Absage ein.

Das liegt durchaus nicht daran, dass Miehe und die Stadt Weimar gar nicht Willens wären. Im Gegenteil. „Eigentlich sind alle guten Willens“, sagt Miehe zuerst über die Künstler in der Stadt. „Die Leute wollen alle etwas machen und anbieten, sie veranstalten regelrecht Kopfstände!“ Ständig landen Ideen auf ihrem Tisch. Auch Marguerre und Stickert hätten sich „wahnsinnig viele Gedanken gemacht, mit ausgefeiltem Hygieniekonzept.“ Miehe findet das großartig und wirkt nun gleichwohl recht ratlos.

Da geht es ihr kaum anders als ihrem Erfurter Amtskollegen Tobias Knoblich. Der fühlte sich in dieser Woche nicht minder allein gelassen von der Thüringer Regierung. „Schwammig und missverständlich formuliert“ nannte er die jüngste, am Dienstag veröffentlichte Verordnung unter anderem „zur Freigabe bislang beschränkter Bereiche“ in der Corona-Pandemie. Dass darin jene konkreten Lockerungsmöglichkeiten für die Kultur, die ja schon avisiert worden waren, fehlen, kritisiert Julia Miehe ebenfalls.

Unkonkrete und widersprüchliche Vorgaben in Thüringer Verordnung

So liest man darin nichts mehr von möglichen Veranstaltungen mit weniger als 1000 Besuchern. Tatsächlich, bestätigt eine Sprecherin in der Staatskanzlei, hat die Regierung konkrete Zahlen wieder herausgenommen. Das sollte, so die Idee, Kommunen „größeren Spielraum“ eröffnen, zumal sich die Pandemie auch in Thüringen längst regional höchst unterschiedlich entwickelte.

Zugleich sind Veranstaltungen nach dem Versammlungsrecht im Freien wieder unbegrenzt möglich, bei Einhaltung geltender Abstands- und Hygieneregeln. Ein Konzert ist zwar im Grunde auch nichts anderes als ein Ereignis, zu dem sich Menschen versammeln. Es fällt aber nicht darunter. „Da wird mit zweierlei Maß gemessen“, findet nicht nur die Weimarer Kulturdirektorin.

Die ganze Absurdität war bereits am 3. Mai deutlich geworden, bei einer „Kundgebung mit Musik“, einem Konzert mit Reden vor der Orangerie im Park Belvedere. Das Opernsängerpaar jedoch will bewusst keine politische Veranstaltung organisieren, sondern „Musik zu den Menschen bringen“ und dabei gleichsam im doppelten Sinne Berührungsängste abbauen: nicht nur ein Virus, sondern eine immer noch als „als elitär und schwer zugänglich geltende Musik“ betreffend. Eine Dreiviertelstunde maximal am späten Nachmittag, das ist der Plan: mit ein bisschen Oper, vielleicht Operette, mit Mozart und Verdi, mit E-Piano und Cembalo sowie Streichquartett.

Besucher müssten sich vorab anmelden und eine Adresse hinterlegen. Sie säßen in Abständen auf Klappstühlen oder mit Kissen auf der Mauer. Bei großem Interesse würde das Konzert am gleichen Tag wiederholt. Insgesamt drei Konzerte bis zum Sommer wären denkbar.

Doch „im Rahmen der jetzigen Gegebenheiten“ scheint derzeit keine solche Veranstaltung möglich, die üblicherweise allenfalls anzeigepflichtig wäre. Julia Miehe fiel in der bis 5. Juni geltenden Verordnung noch auf, dass zwar für den Publikumsverkehr diverse Einrichtungen und Angebote geschlossen zu halten sind, immer aber mit dem Zusatz „soweit in geschlossenen Räumen“ (Paragraf 12, Absatz 5).

Weimars Krisenstab jedoch scheut wohl die Verantwortung, mit Verweis auf Paragraf 2: „Personenmehrheiten“ sind demnach, insbesondere bei Veranstaltungen, eigentlich untersagt. Der Spielraum bleibt ungenutzt. Kein grünes Licht für Marguerre und Stickert, nicht vor dem 5. Juni jedenfalls.

Pop-Art-Austellung in Apolda: Libertäre Lustbarkeiten