Gelingt nicht sofort: Wiederaufbau eines Hauses mit alter Technik

Hohenfelden.  In Hohenfelden werden derzeit für ein Haus Mauern in einer Bauweise errichtet, die in Thüringen vor Jahrzehnten das letzte Mal angewandt wurde - und das gelingt nicht unbedingt sofort.

Im Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden wird derzeit ein aus dem 16. Jahrhundert stammendes Haus aus Abtsbessingen im Kyffhäuserkreis wieder aufgebaut. Im Bild: Michael Gerlach (r.) und Thomas Wendisch vom Atelier Gerlach beim Ausfachen der Gefache im neuen Gebäudeteil. Dabei flechten sie Weiden- oder Eichenruten durch vertikal eingepasste Stakhölzer.

Im Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden wird derzeit ein aus dem 16. Jahrhundert stammendes Haus aus Abtsbessingen im Kyffhäuserkreis wieder aufgebaut. Im Bild: Michael Gerlach (r.) und Thomas Wendisch vom Atelier Gerlach beim Ausfachen der Gefache im neuen Gebäudeteil. Dabei flechten sie Weiden- oder Eichenruten durch vertikal eingepasste Stakhölzer.

Foto: Sibylle Göbel

Der erste Versuch ging leider daneben: Michael Gerlach muss die etwa 70 Zentimeter hohe Lehmwellerwand, die direkt an das original erhaltene, rund 500 Jahre alte Wandstück des Hauses aus Abtsbessingen anschließt, wieder einreißen: Das Stroh-Lehm-Gemisch, das er sich von einer Fachfirma für Lehmbaustoffe liefern ließ, entspricht weder seinen Vorstellungen noch denen des Thüringer Freilichtmuseums Hohenfelden. Das Stroh ist viel zu viel und viel zu lang, die aus einer Art Lehmgemisch-Broten aufgeschichtete Wand deshalb zu uneben.

Aber so ist das eben beim Wiederaufbau eines alten Hauses, wenn man sich für eine Technik entscheidet, die in Thüringen vielleicht vor 60 Jahren das letzte Mal angewendet wurde: Selbst alte Hasen wie der Gothaer Baustoffingenieur und Denkmalpfleger Michael Gerlach müssen sich vorsichtig an das herantasten, was die Altvorderen praktiziert haben. „Aber genau das macht ja auch großen Spaß“, sagt der Gothaer. Gerlach und sein Kollege Thomas Wendisch lassen sich nun eine neue Lehmmischung anliefern und beginnen von vorn. Schließlich ist die etwa 50 Zentimeter starke Lehmwellerwand eine der Besonderheiten des aus dem Kyffhäuserkreis stammenden und im Frühjahr nach Hohenfelden umgesetzten Gebäudes, das als ältestes noch erhaltenes ländliches Wohnhaus Thüringens gilt. Um 1550, als der erste Gebäudeteil entstand, wurde zuerst das Lehmgemisch aufgeschichtet und dann das Fachwerk darüber errichtet - beim Wiederaufbau ist es genau umgekehrt: Auf Stelzen wurde zuerst das Fachwerk zusammengesetzt, dann vorsichtig das noch erhaltene, etwa 2,70 Meter breite Wandstück darunter geschoben, an dem nun zu beiden Seiten weitergebaut wird.

Ökologische Baustoffe sorgen für gesundes Raumklima

Bis der neue Baustoff da ist, sind Michael Gerlach und sein Team nicht untätig. Schließlich müssen auch die Gefache im rund 50 Jahre jüngeren Gebäudeteil sorgsam ausgefacht, also gefüllt werden. Dazu schlagen die Fachleute zunächst Nuten in Ober- und Unterkanten der waagerechten Balken und schieben dann sogenannte Stakhölzer senkrecht hinein. Danach werden durch diese Hölzer Weiden- oder Eichenruten geflochten, auf die anschließend erst eine dicke Lehmschicht und dann Kalkputz kommt. Weil das Wellerholz unter Spannung stehen muss, ist es nicht nur eine Kunst, die Flechtruten unfall- und bruchfrei einzuarbeiten, die Männer brauchen dafür auch viel Kraft. „In die Mucki-Bude? Müssen wir nie“, sagt Michael Gerlach und lacht, während er mit dem Beil ein Stück Wellerholz geschickt halbiert. Gerlach, dessen jüngster Auftrag die Sanierung des Schillermuseums Bauerbach war, ist es seit 25 Jahren ein wichtiges Anliegen, ökologische Baustoffe zu verwenden. Denn diese sind nicht nur verfügbar und ersetzen fossile Rohstoffe, sie sorgen auch für ein gesundes Raumklima.

Museumsleiterin Franziska Zschäck ist froh darüber, für den Wiederaufbau des Hauses Fachleute mit dieser Philosophie gefunden zu haben. „Außerdem hat diese Firma einfach das beste Angebot gemacht“, sagt sie. Franziska Zschäck ist derzeit so oft wie möglich auf der Baustelle auf dem Erweiterungsgelände Am Eichenberg. Nicht nur, weil häufig Detailabsprachen mit den Handwerkern nötig sind. Spannend ist schließlich auch, dass unter dem Putz der alten Decken geometrische Muster aus der Bauzeit zum Vorschein kamen. Anhand dieser Befunde soll die historische Farbfassung rekonstruiert werden.

Sind die Lehmarbeiten beendet, muss das Haus erst einmal gut durchtrocknen. Das wird weit bis ins nächste Jahr hinein dauern. Erst danach kann der Feinschliff im Inneren beginnen und das Haus wie in der Zeit um 1600 ausgestattet werden. Die Museumschefin ist aber zuversichtlich, dass es zum Saisonstart 2022 eröffnet wird.

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