Geschichten gegen das Vergessen

Weimar.  „Haltung und Widerstand“ – Jutta Ditfurths aktuelle Streitschrift gibt vor, was andere Autorinnen und Autoren der Weimarer Lesarten (12. März bis 2. April) auf individuelle Weise aufnehmen und auffächern.

„Your Brown Cage“, eine Installation von Sebastian Hertrich.

„Your Brown Cage“, eine Installation von Sebastian Hertrich.

Foto: Sascha Fromm / TA

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Es geht darum, die Stimme zu erheben und Position zu beziehen gegen Rassismus, Antisemitismus und eine fortschreitende Entbürgerlichung unserer Gesellschaft. Die Soziologin und Publizistin Ditfurth wird zum Auftakt des Festivals am Donnerstag, 12. März, im Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami aus ihrem Essay über die Wurzeln der neuen Rechten vortragen und sich den Fragen ihrer Zuhörer stellen; die Moderation übernimmt die stellvertretende TLZ-Chefredakteurin Gerlinde Sommer.

„Erinnerung“ lautet das Motto der von der Klassikstadt veranstalteten und von der Mediengruppe präsentierten Reihe – und der Blick zurück erscheint in einer Zeit, in der die Verbrechen des Nationalsozialismus und Stalinismus verharmlost werden und der Nationalismus neuen Zulauf bekommt, geradezu als Verpflichtung.

„Erinnerung – Geschichte – Geschichten“ (Weimars OB Peter Kleine), das bieten auf fesselnde Weise die Romane „Metropol“ von Eugen Ruge und „Die Leben der Elena Silber“ von Alexander Osang (21. 3. bzw. 1.4.). Um eine Annäherung an seinen Vater, der als Soldat an der Ostfront kämpfte, geht es in Christian Meyer-Landruts persönlicher Spurensuche „deserta. Ich rufe dich bei deinem Namen“ (13.3.). Und Sabine Bode erinnert in „Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation“ an ein bisher kaum aufgearbeitetes Kapitel (2.4.)

Das Lesarten-Programm entfaltet das Spektrum der Erinnerungskultur noch breiter, indem es auch die Auseinandersetzung mit Diktaturerfahrungen in der DDR einbezieht. So konstatieren die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer und die Publizistin Sabine Rennefanz 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht nur Gräben zwischen Ost und West, sondern auch eine gewisse Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Ihr im Buchtitel anklingendes Fazit „Die Geschichte hat uns wieder“ fordert zur Diskussion (19.3.) heraus.

Das Schicksal einer Holocaust-Überlebenden zeichnet Laura Hillmann mit ihrem Buch „Ich pflanze einen Flieder für dich – auf Schindlers Liste überlebt“ nach (26.3.), während sich Ingeborg Gleichauf in „Poesie und Gewalt: Das Leben der Gudrun Ensslin“ mit den widersprüchlichen Beweggründen einer führenden RAF-Terroristin auseinandersetzt (31.3.).

Weihnachten und Buchenwald schließen sich scheinbar aus. Doch auch aus der Geschichte des NS-Konzentrationslagers ist noch nicht alles erzählt. Zum Beispiel, dass Weihnachten 1944, durch ein „Freizeitkomitee“ organisiert, eine Anzahl Beiträge von französischen Häftlingen, Künstlern und Intellektuellen zur Aufführung kam. Die Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten und Annette Seemann beleuchten dies anhand einiger Lebensläufe von KZ-Insassen (25.3.).

Die Lesarten sind aber kein rein politisches Erinnerungsfestival, bildet es doch in jedem seiner Beiträge eine große Spannbreite des Lebens ab. Mit Axel Hacke, Miku Sophie Kühmel, Klaus Vieweg, Max Annas, Hannes Bajohr und Wolfgang Hegewald sowie den Kinder- und Jugendbuchautoren Margit Auer und Katrin Bongard kommen noch weitere, unterhaltsame Facetten hinzu.

Den Höhepunkt bilden in diesem Jahr die Film-Gesprächsabende im Kino Mon Ami: Am 20. März läuft dort die Doku „Der Fall der Johanna Langefeld“ über die SS-Oberaufseherin der größten Konzentrationslager für Frauen in Ravensbrück und Auschwitz und am 15. März „Wo Bücher die Welt bedeuten – Kolumbien, USA, Indien“. „Swimmingpool am Golan“ (22.3.) und „Deutschstunde“ nach Siegfried Lenz (28./29.3.) beschließen den Leinwandreigen.

Karten über tourist-info@weimar.de, Thüringer Tourismus GmbH (Tel. 0361/ 37420) oder Ticket-Hotline (Tel. 03643/745745); www.lesarten-weimar.de

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