Goldberg: Der Hase, das essbare Wesen

Ein Salon über die Frage, ob Ostern, medizinisch betrachtet, eigentlich ausfallen müsste.

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Nein, diesmal nicht. Nicht der Vom-Eise-befreit-sind-Strom-und-Bäche-Quark, nicht diesen holden-belebenden-Blick-Mumpitz. Weil die Redaktion dieser Kolumne es für möglich hält, dass der österlich saisonale Goethe Ihnen schon länger ein ganz klein wenig auf die Nerven geht, möchte sie Ihnen gern zeigen, dass der Erfolg des Osterfestes die Folge einer literarischen Manipulation durch diesen Dichter und seinen „Osterspaziergang“ ist. Denn ohne Zweifel wird dieses Fest seit und durch Goethe überschätzt, und wir wollen Ihnen zeigen, warum das so ist.

Haben Sie den Stifter dieses Mythos’, den Osterhasen, je gesehen? Sehen Sie. Aber den Weihnachtsmann, das Christkind? Diesen gewiss. Voller Ehrfurcht, respektgesättigt und doch erwartungstrunken haben Sie Ihr „Lieber guter Weihnachtsmann“ vorgebracht, das war schön für das Weihnachtskind und schön für den Weihnachtsmann war es auch. Das Christkind hingegen, das nie zur sinnlichen Anschauung gelangte, blieb ein geheimnisvolles Huschelchen, das lediglich in den Erzählungen meines Fräulein Mutter lebte. So ein männlicher Bass vom Walde ist eben doch etwas anderes als ein androgyner Hauch vom Himmel. Auch hängt der größere Erfolg des Weihnachtsmannes damit zusammen, dass er einen größeren Sack zu tragen vermag.

Was aber ist mit dem Osterhasen? Haben Sie ihn gesehen? Eben. Nicht als Teil der Nahrungskette, nicht mit der Herstellung weiterer Osterhasen befasst, vielmehr in Ausübung seiner poetischen Bestimmung? Es mag die größere Bedeutung des Weihnachtsfestes auch dem Umstand geschuldet sein, dass die Träger dieses Ereignisses weder als Nahrungsmittel vorkommen noch als Ausübende sexueller Lust. Der alte Mann, obschon man noch nie etwas hörte von einer Weihnachtsfrau, hat derlei, wenn überhaupt, bereits hinter sich, das unschuldige Kind ist dafür gar nicht erst vorgesehen. Der Alte war schon immer alt und das Kind bleibt unschuldig für alle Zeit.

Ein Wesen aber, das zeugt und zerkaut wird bei Gelegenheit, will uns nicht recht als das poetische Zentrum einer Festlichkeit taugen. Der Autor, von der Angst befallen, der Leser möge sein poetisch-romantisches Wesen verkennen, versichert, seit Menschengedenken keinen Hasen mehr verzehrt zu haben. Sind Sie, o Leser, der Sie nun womöglich zürnend die Braue heben und ein uns empörtes Ich-liebe-aber-den-Osterhasen! entgegen schleudern, denn überhaupt mental vorbereitet auf eine Begegnung mit Ihrem poetischen Freund? Wir alle wissen, wie man mit dem lieben Weihnachtsmann umgeht, aber mit dem lieben Osterhasen? Nun, der ADAC und andere Hüter und Bewahrer des Straßenverkehrs, darunter auch einschlägige Anwälte, geben immer mal wieder entsprechende Hinweise, die Ihnen wohl zustatten kommen mögen. Also, was tun, wenn der Osterhase kommt? Dieses: Voll draufhalten. Volles Rohr. Denn sonst zahlt die Versicherung nicht. Der Autofahrer, der den Osterhasen nicht umnieten will und beim Ausweichen mit anderen lebenden oder toten Gegenständen kollidiert, kann sich ein ganz schön dickes Ei ins Nest legen. Und hat man je die Aufforderung gehört, den Weihnachtsmann oder das Christkind zu ermorden, weil sich das besser rechnet? So ein Fest kann ja nichts werden. Daraus erhellt die neuerlich sehr zweifelhafte Rolle des Dichters.

Im Übrigen fällt Ostern ja ohnehin aus. Wenigstens, wenn es nach dem Historiker Johannes Fried geht, dessen Arbeit wiederum auf einer medizinischen Studie beruht. Und Mediziner sind, wie wir von der Zeitung sehr genau wissen, bei den Lesern unglaublich angesagt. Also, sagen dieser Mediziner und dieser Historiker, Jesus ist gar nicht tot. Das heißt, er ist doch tot, nur nicht auferstanden. Weil er nämlich damals, am Kreuz nicht tot war, es gab so heißt das Buch, „Kein Tod auf Golgatha“. Nämlich, Sie kennen den Lanzenstich des römischen Soldaten, der den Mann am Kreuz in die Seite stach. Wenn Sie es nicht gelesen haben, dann haben Sie es gesehen. Und dieser Stich habe gewirkt wie ein bestimmter medizinischer Eingriff, mit dem sich in Notfällen eine Blutansammlung im Brustkorb behandeln lässt. Der verabreichte Essig habe ein Übriges getan und so sei der Gekreuzigte nächsten Tages in der Höhle erwacht und habe sich aus dem Staub bzw. dem Grab gemacht. Ist aber, wir sprechen jetzt mit Paulus, um ihn sodann mit unseren eigenen Worten zu ergänzen, ist aber Christus nicht auferstanden..., dann ist das ganze Ostern ein Quark. Wie wohl auch die Abschaffung des Christentums und seiner Geschichte durch Geschichten aus dem Thorax.

Also, pfeifen Sie drauf, wenn Sie Ostern lieben und gehen Sie lieber spazieren. Genießen Sie, sagen wir, des Frühlings holden, belebenden Blick.

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