Gurlitt-Werke - Verscherbelt oder vernichtet?

Erfurt. Es ist jetzt 15 Jahre her, da bekam der Leiter der Kunstsammlung Gera, Holger Saupe, Post vom Bundesarchiv in Berlin. Kopien von Listen jener Werke der Moderne, die 1938 von den Nazis als "entartete Kunst" beschlagnahmt wurden.

Das Angermuseum in Erfurt. Das einstige Städtische Museum beherbergte eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Moderne in Deutschland, bevor die Nazis etwa 800 Werke als "entartete Kunst" aus dem Haus verschleppen ließen. Foto: Marco Kneise

Das Angermuseum in Erfurt. Das einstige Städtische Museum beherbergte eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Moderne in Deutschland, bevor die Nazis etwa 800 Werke als "entartete Kunst" aus dem Haus verschleppen ließen. Foto: Marco Kneise

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Fein säuberlich wurden dort insgesamt 27 Positionen aufgeführt. Neun Blätter des "Totentanz"-Zyklus von Erich Drechsler waren darunter, Arbeiten von Kurt Günther, einem Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Und auch die eines anderen in Gera geborenen Künstlers, der wie kaum ein anderer so verstörend die Schrecken des Ersten Weltkrieges gemalt hatte: Otto Dix. Fünf Werke allein von ihm hatten die Nazis aus der Sammlung verschleppt.

Wenigstens wusste man seitdem, welche Lücken das braune Kunstverständnis in die Bestände der Sammlungen geschlagen hatte. Das Dix-Bild "Neugeborenes auf Händen" konnten Mitarbeiter der Kunstsammlung immerhin im Inventar "Entartete Kunst" der Freien Universität Berlin auffinden. Es hängt heute im Kunstmuseum Stuttgart. Was aus den anderen Werken wurde, ist unbekannt.Verscherbelt oder vernichtet?

Irgendwie wollte Holger Saupe die Hoffnung nie richtig aufgeben, doch noch dem Schicksal der verschollenen Kunst auf die Spur zu kommen.

Da schlug vor einem Jahr die Nachricht vom Fund der Gurlitt-Sammlung wie ein Blitz ein. Nicht nur in Gera wurden die Informationen, die portionsweise an die Öffentlichkeit gelangten, mit angehaltenem Atem verfolgt. Schließlich, ein großer Teil der Gurlitt-Sammlung besteht aus Arbeiten der Moderne, die von den Nazis aus den Museen verbannt wurden.

Von der deutschen Kunstszene im Anfang noch spöttisch belächelt, traf der braune Kahlschlag auch die Bestände anderer Sammlungen. Allein aus dem Städtischen Museum Erfurt, heute das Angermuseum, ließen die Nazis im Sommer 1937 mehr als 800 Arbeiten entfernen.

Besonders bitter: Erfurt beherbergte in jenen Jahren eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Moderne. Liebermann, Franz Marc, die melancholischen Arbeiten von Chagall, die verrätselten Bilder des Italieners de Chirico. - Wer die Moderne sehen wollte, der kam nach Erfurt.

Nicht, dass man sich in Thüringen nach dem Gurlitt-Fund übergroße Hoffnungen gemacht hätte, das eine oder andere Werke zurückzubekommen. Dagegen sprach schon allein die Eigentumslage.

Doch die Erwartung, dass nun zumindest das Geschick von Werken an Licht kommt, von denen bislang jede Spur fehlte, die war groß. Immerhin war bekannt, dass die Nazis versuchten, aus den beschlagnahmten Bildern Kapital zu schlagen. Und einer der Kunsthändler, die mit dem Verkauf beauftragt wurden, hieß Hildebrand Gurlitt.

Sieben verlorene Werke aus Kunstsammlung Jena

Es geht, erklärt der Kurator der Kunstsammlung Jena, Erik Stephan, hier auch um das Wissen um die eigene Geschichte. In Jena hatte zum Beispiel Ernst Ludwig Kirchner, einer der wichtigsten Protagonisten des Expressionismus, 1917 mehr als 200 Arbeiten dem Kunstverein geschenkt. Auch in der dortigen Sammlung hatten die NS-Machthaber kräftig zugelangt.

Doch die Hoffnung auf Aufklärung hat sich bisher nicht erfüllt. Schon kurz nach Bekanntwerden des Fundes von Schwabing hatte Erik Stephan dem Erfurter Kultusministerium eine Liste zukommen lassen, mit sieben verschollenen Werken aus dem Bestand, die irgendwann durch die Hände Hildebrand Gurlitts gegangen sind. Darunter eine "Blaue Badende" von Kirchner, eine Lithografie von George Grosz, ein Holzschnitt von Erich Heckel.

Fündig wurde man bislang nicht. Dabei, so Erik Stephan, wären etwa die Blätter, die Kirchner einst dem Kunstverein übergab, leicht am Markierungsstempel zu identifizieren.

Fehlanzeige ist bislang auch aus Gera zu verbuchen. Er habe, erzählt Holger Saupe, Stunden am PC verbracht, nachdem die bayrischen Behörden begonnen hatten, Werke aus der Gurlitt-Sammlung ins Netz zu stellen. Er hat sie mit der Beschlagnahmeliste abgeglichen - vergeblich. Es wäre, bedauert er, zu schön gewesen.

Wenigstens hatte ein Bild aus der Sammlung für eine kleine Überraschung im eigenen Dix-Haus gesorgt. Ein Selbstporträt, das den rauchenden Otto Dix zeigt, ähnelt in seiner Komposition stark einem Porträt, dass zum Bestand des Geraer Museums gehört. Gewissermaßen ein "Bruderbild", man hatte nicht geahnt, dass es ein so eng verwandtes Dix-Bildnis gibt.

Ansonsten liegt noch immer vieles im Dunkel. Man wisse nicht einmal, sagt Holger Saupe, unter welchen Umständen genau die verfemten Bilder damals aus der Sammlung geholt wurden - und wie man in Gera darauf reagierte.

Solches dieses Wissen gehört für den Sammlungsleiter zur Rückbesinnung auf die eigene Geschichte. Doch um die zu erforschen, bräuchte man mehr Personal. In Thüringer Museen, klagt er, sei der Personalbestand derart heruntergefahren worden, dass gerade mal der laufende Betrieb aufrechterhalten werden kann.

Aufwendige Forschung nach der Herkunft

Der Gurlitt-Fund rückte indes vor allem ein anderes Thema in den Fokus: Wie deutsche Museen mit Kunst umgehen, die Nazis ihren jüdischen Besitzern abpressten oder raubten. Bevor sie die Menschen ins Gas von Auschwitz trieben. Eine Debatte fast 70 Jahre nach Kriegsende, was neben den vielen Ungereimtheiten im Umgang mit dem Fall Gurlitt der eigentliche Skandals ist.

In Jena durchforstet seit Januar eine Kunsthistorikerin den Hintergrund von Kunstwerken, deren Herkunft unklar ist. Möglich ist diese aufwendige Suche, weil sich Kurator Erik Stephan bei der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung um Förderung bemühte.

Nicht, dass dieses Thema bislang in der Sammlung komplett ausgeblendet geworden wäre. Man habe, so der Kurator, bei den Arbeiten immer auch die Frage nach der Herkunft im Blick gehabt. Doch es sei schon unübersehbar: Seit dem Fall Gurlitt habe man bei Behörden und Politik für eine solche Forschung ein offeneres Ohr.

Demnächst erwartet er Besuch aus Berlin. Er hofft, dass die Forschungsstelle die Förderung verlängert.

Im Erfurter Kultusministerium liegt derweil die Verlustliste aus Jena auf Eis. Man habe damals, so Sprecher Stefan Schuhmacher, in den Museen angefragt, um gerüstet zu sein für den Fall einer möglichen Rückgabe. Nur Jena habe eine Liste geschickt.

Doch der verworrene Verfahrensstand hat sich seitdem immer wieder geändert. Im Mai diesen Jahres starb der schwer kranke Cornelius Gurlitt, für seine Sammlung hatte er das Kunstmuseum Bern als Alleinerben eingesetzt. Dort denkt man derzeit noch darüber nach, ob man das Erbe überhaupt antreten will.

Je nach Lage der Dinge, wenn vielleicht eine Rückgabe möglich werde, wolle man im Erfurter Ministerium sein Bestes tun. Vorausgesetzt natürlich, man kommt einem verschollenen Werk aus Thüringen in dieser Sammlung auf die Spur.

Für eine solche glückliche Fügung indes gibt es wohl einige Fragezeichen zu viel.

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