Heiße Liebesbriefe unter Männern

Weimar  Rosa von Praunheim hat soeben in Weimar und Gotha sein Dokudrama über Homoerotik in der Goethezeit abgedreht.

Rosa von Praunheim am Rande erster Dreharbeiten zu seinen „Männerfreundschaften“, im September vergangenen Jahres am Römischen Haus im Weimarer Ilmpark. Zu diesen Dreharbeiten gehörte damals auch ein Workshop. Foto: Mitteldeutsche Medienförderung

Rosa von Praunheim am Rande erster Dreharbeiten zu seinen „Männerfreundschaften“, im September vergangenen Jahres am Römischen Haus im Weimarer Ilmpark. Zu diesen Dreharbeiten gehörte damals auch ein Workshop. Foto: Mitteldeutsche Medienförderung

Foto: zgt

Der junge Goethe träumt, so schreibt er im August 1774 in Frankfurt, den Augenblick: „habe deinen Brief und schwebe um dich.“

Und: „Du hast gefühlt, dass es mir Wonne war, Gegenstand deiner Liebe zu seyn. – O das ist herrlich dass jeder glaubt, mehr vom andern zu empfangen als er giebt! O Liebe, Liebe!“

Dergleichen schrieb er keiner Frau, nicht irgendeiner Lotte etwa, sondern dem „lieben Fritz“, dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi.

Der Brief kommt vor im Dokudrama „Männerfreundschaften“, das Rosa von Praunheim soeben in Weimar und Gotha abgedreht hat. Goethe tritt darin als die durchgehende Figur auf; Matthias Luckey vom Staatsschauspiel Dresden spielt ihn.

Der 74-jährige Filmregisseur, eine Ikone der Schwulenbewegung, wiederholt mit Goethe jedoch nicht, was er einst mit Alfred Biolek oder Hape Kerkeling in einem „Verzweiflungsschrei“ tat: Er outet ihn nicht als schwul. „Ob er eine homosexuelle Erfahrung hatte, ist ja auch schwer nachzuvollziehen“, sagt von Praunheim im Gespräch mit unserer Zeitung. „Auf jeden Fall hat er aber eine große Toleranz gehabt.“ Die Briefe an Männer waren „sehr viel liebevoller und inniger“ als jene an Frauen: eine Mode der Zeit, die „nicht als schwul empfunden“ worden ist.

Von Praunheim befasst sich in seinem Film, so heißt es auch in der Synopsis, mit einem in der Weimarer Klassik sehr verbreiteten Freundschaftskult unter Männern. Als Quellen dafür dienen demnach leidenschaftliche Briefwechsel, intime Tagebucheinträge und homoerotische Auszüge aus literarischen Werken.

„Goethe hat viele schwule Gedichte geschrieben“

Der Regisseur verweist auf „eine gewisse Freiheit“ im Zeitalter der Aufklärung, das die Religion in ihrer Bedeutung zurückdrängte oder aber doch veränderte. Das zeitigte „etwas Erstaunliches“, sagt er: dass deutsche Männer heiße Liebesbriefe austauschten. „Von heute aus gesehen klingt das alles sehr schwul, aber natürlich war es das nicht immer.“ Im 19. Jahrhundert ging es mit der Romantik dann „wieder spießiger“ zu.

Rosa von Praunheim beruft sich unter anderem auf das Buch „Warm Brothers“ (warme Brüder), das ihm zu einer Initialzündung wurde. Der Literaturwissenschaftler Robert Tobin brachte es 2000 bei der Pennsylvania-Universität heraus. Darin wendete er die Queer-Theorie aufs Goethe-Zeitalter an, also den Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht sowie dem sexuellen Begehren dazwischen.

Ein anderes Buch zum Thema veröffentlichte der Berliner Literaturprofessor Andreas Kraß 2016: „Ein Herz und eine Seele. Geschichte der Männerfreundschaft“. Kraß, der die Forschungsstelle „Kulturgeschichte der Sexualität“ an der Humboldt-Universität gründete und am dortigen Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien mitarbeitet, tritt in von Praunheims Film als einer der Experten auf. Mit der Weimarer Literaturwissenschaftlerin und Autorin Annette Seemann hat der Regisseur ebenfalls gesprochen.

„Man hat Goethe und seine Zeitgenossen immer heterosexuell gesehen“, sagt er nun, „und kam gar nicht darauf, den Bezug zu Männern zu untersuchen. Das fand ich sehr spannend: weil Goethe ja als großer Frauenliebhaber galt, aber nach allem, was man wissen kann, erst mit 36 erstmals Sex hatte; die Frauengeschichten waren Schwärmereien.“

Dafür aber habe Goethe „viele schwule Gedichte“ geschrieben. Literatur ist ein Bezugsrahmen des Filmes. Von Praunheim verweist unter anderem auf die androgyne Mignon im Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, die Goethe mal als sie, mal als ihn beschrieb. Oft als Zwitterwesen betrachtet, nennt von Praunheim sie „nach heutiger Auffassung eine Transgender-Figur“.

Schwule Szenen sind aber schon mehrfach auch in „Faust II“ ausgemacht worden: „Die Racker sind doch gar zu appetitlich“, ließ Goethe dort seinen Mephisto sagen.

Ähnliches gilt für Schillers letztes, Entwurf gebliebenes Drama „Die Malteser“. Ein Trauerspiel in „griechischer Manier“ sollte es werden, in dem eine homosexuell gedeutete Beziehung zweier Ritter vorkommt. „Aber auch die Männerfreundschaft in ,Don Karlos‘ ist ja sehr intensiv“, erinnert Rosa von Praunheim.

Der erste Schwulenroman der deutschen Literatur indes stammt aus Gotha: „Kyllenion – Ein Jahr in Arkadien“. Autor war Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg.

Herzog August, die Tunte aus Gotha

Von ihm ist überliefert, dass er nicht nur exzentrische Kostüme gerne trug, sondern auch Frauenkleider. „Von heute aus betrachtet“, so von Praunheim, „würde man vielleicht sagen: Das war eine Tunte.“

Solchen und anderen Figuren nähert sich der Film seinem Regisseur zufolge stets von der Gegenwart aus: Schauspieler von heute verwandeln sich sichtbar in Menschen von damals. In historischen Kostümen schlugen sie am 26. August auch beim Erfurter „Christopher Street Day“ (CSD) auf. Dabei entstand „ein interessanter Kontrast“.

Die meisten Schauspieler übernahmen mehrere Rollen. So auch die aus Gotha stammende Petra Hartung, bis 2013 am Deutschen Nationaltheater in Weimar engagiert. Als Caroline Gräfin Görtz drehte sie zum Beispiel im Kirms-Krackow-Haus. Die Gattin eines häufig verreisten Prinzenerziehers übermittelte diesem in Briefen stets den neuesten Tratsch aus Weimar; heute gilt sie als eine Zeitzeugin für den Beginn der Klassik-Epoche.

War diese bei den einen von Andeutungen und Spekulationen geprägt, wusste man bei anderen deutlich mehr: Den Begründer der Kunstgeschichte, Johann Joachim Winckelmann, dem soeben eine große und großartige Ausstellung im Neuen Museum gewidmet war, kannten seine Zeitgenossen bereits als Homosexuellen. Ähnliches gilt für den Dichter August von Platen, der seine Sexualität in Literatur goss. Der intime Briefwechsel der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Johann Georg Jacobi in Halberstadt wurde damals schon zum Skandal. Sie alle tauchen in von Praunheims Film ebenso auf wie Heinrich von Kleist oder Alexander von Humboldt.

Finanziert unter anderem von der Mitteldeutschen Medienförderung, drehte der Regisseur bereits im September 2016 eine Woche in Weimar für sein Dokudrama. Nun folgten im August zwei weitere Wochen auch in Halberstadt und Gotha.

Hauptquartier der Produktion war die „Other Music Academy“ um Alan Bern in Weimar. Dort ist unter anderem der Berliner Performer, Tanzwissenschaftler und Kulturaktivist Valentin Schmehl verortet, den von Praunheim gut kennt. Schmehl verkörpert im Film einige der Rollen.

Bis Ende des Jahres soll das Werk fertiggestellt sein und dann auf einem Festival Premiere feiern. In die Kinos kommt es, prognostiziert Rosa von Praunheim, im nächsten Frühjahr.