Ilmenau: Mit Vortrag den Opfern der Bücherverbrennung gedacht

Ilmenau (Ilmkreis). Schriftsteller und Rezitator Gerd Berghofer las in der Ilmenauer Stadtbibliothek. Einrichtung plant Neuanschaffung.

Gerd Berghofer zeichnete in seinem Vortrag zum Gedenken an die Bücherverbrennung der Nazis 1933 ein beeindruckendes Erinnerungsbild von den "verbrannten Dichtern". Foto: Karl-Heinz Veit

Gerd Berghofer zeichnete in seinem Vortrag zum Gedenken an die Bücherverbrennung der Nazis 1933 ein beeindruckendes Erinnerungsbild von den "verbrannten Dichtern". Foto: Karl-Heinz Veit

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Die Stadtbibliothek wird drei aktuelle Bücher zum Thema "Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten" in ihren Bestand aufnehmen und so die Erinnerung an Dichter und Schriftsteller bewahren helfen, deren Bücher am 10. Mai 1933 in Berlin öffentlich den Flammen übergeben wurden. Dieser Entschluss war ein ganz wichtiges Ergebnis nach dem beeindruckenden Vortrag von Gerd Berghofer aus Franken am Donnerstagabend.

Jene gespenstige Situation eines mit viel Benzin entfachten, lodernden Scheiterhaufens in regennasser Nacht – das Foto kennt man aus Geschichtsbüchern, die bewegten Bilder mit Ton aus Filmdokumenten - holte Gerd Berghofer zurück, als er die "Feuersprüche" mit 24 Namen deutscher Dichter und Schriftsteller rezitierte, deren Bücher verbrannt wurden.

"Es war nicht der Pöbel, sondern es waren völkisch geprägte Professoren und Studenten in SA-Uniformen, also Intellektuelle, von denen diese Aktion ausging", erinnerte Gerd Berghofer und zitierte Heinrich Heine: "Erst verbrennt man Bücher, dann Menschen!"

Der Bibliothekar Wolfgang Herrmann hatte im Auftrag der Nazis eine Liste mit 125 Namen von Persönlichkeiten erstellt, deren Werke im Deutschland des Dritten Reiches keine Existenzberechtigung mehr haben sollten. "Mit der Bücherverbrennungsaktion wurden Existenzen vernichtet", sagte Berghofer und verwies auf vier von den Dichtern gewählten Auswegmöglichkeiten. Dieses hießen "Exil", "Gefängnis oder KZ mit üblicher Todesfolge", "Freitod" oder "innere Emigration". Für jede dieser Gruppe stellte Gerd Berghofer namentliche Beispiele vor.

Erich Kästner, der einzige, der sich in Berlin die Verbrennung anschaute und später darüber schrieb, wie der "kleine, abgefeimte Lügner, das gestikulierende Teufelchen" sein schändliches Feuerwerk zelebrierte, gehörte zu den innerlich Emigrierten, weil er die Mutter nicht verlassen wollte. Sein warnendes Gedicht, "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?", bleibt in Erinnerung, wie Tucholskys Auflistung des rechten und linken Terrors 1921 und dessen Vergleich. 314 von den Rechten verübten Mordtaten ahndete die deutsche Justiz mit einem Todesurteil. Für 13 linksterroristische Morde im gleichen Zeitraum wurden acht Todesurteile gefällt, recher-chierte Tucholsky.

Das Schicksal von Erich Mühsam, der als "Bürgerschreck" galt und führend an der Münchner Räterepublik beteiligt war, schilderte Berghofer als unvorstellbares Martyrium. Mit dem fingierten Erhängen Mühsams im Gefängnis war dieses nicht zu Ende. Die Warnung, seine Tagebücher nicht in Stalins Hände zu geben, befolgte Mühsams Frau "Zensl" nicht. Ihre Übergabe in Moskau endete für sie im sowjetischen Gulag. "Verbrennt mich!", forderte in einem öffentlichen Aufruf Oskar Maria Graf aus dem New Yorker Exil und solidarisierte sich so mit den "verbrannten Dichtern". Else Lasker-Schüler, der in die Schweiz und nach Israel emigrierten Jüdin, widmete Berghofer freundliche Worte und gedachte Ernst Toller, Walter Benjamin und Ernst Weiß, die den Freitod wählten.

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