In Meiningen geht das Kino in die Operette

Meiningen.  Und beide verändern sich dabei: Paul Abrahams wiederentdecktes „Märchen im Grand Hotel“ sorgt am Staatstheater Meiningen für einen Publikumserfolg.

Carolina Krogius als Infantin Isabella und Jonas Böhm als Albert im Meininger "Märchen im Grand Hotel".

Carolina Krogius als Infantin Isabella und Jonas Böhm als Albert im Meininger "Märchen im Grand Hotel".

Foto: Marie Liebig

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Schlechte Zeiten fürs Filmgeschäft. Ihm gehen die Ideen aus. Das Geld auch. „Alles ist schon dagewesen, alles hat man schon gedreht“, so geht ein Klagelied im Büro des Produzenten Makintosh (Peter Liebaug), in dem ein Oscar an goldenere Zeiten erinnert.

Das Verrückte ist nur: Dieser Text, diese Musik, diese Szene stammen von 1934, als sich gerade der Übergang zum Tonfilm vollzogen hatte, Tonträger und Radio die Musikindustrie ankurbelten – und der Oscar fünf Jahre alt wurde.

Damals brachte Paul Abraham, mit seinen Stammtextern Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Benda, das Kino ins Theater. Seine Lustspieloperette „Märchen im Grand Hotel“ kam, in Wien, inhaltlich wie auch musikalisch sehr modern daher. Und sie wirkt heutzutage angestaubt allenfalls insofern, als sie seitdem vergessen wurde.

Abraham, jüdischer Komponist aus Ungarn, wirbelte als effektsicherer Schlagerkönig kurz, aber heftig durch die Berliner Operette („Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“, „Ball im Savoy“), mit internationalem Erfolg. Dann zwangen ihn die Zeitläufte ins Exil (Wien, Paris, New York) sowie schlussendlich gleichsam in die Zwangsjacke.

Die Komische Oper Berlin entdeckte ihn vor wenigen Jahren wieder. Seitdem sind seine Jazz-Operetten landauf, landab wieder Publikumserfolge.

Auf diesen Zug springt jetzt das Meininger Staatstheater auf. Nach Berlin, Mainz und Hannover präsentiert es das zwischen Hollywood und Cannes (noch ohne Filmfestspiele) angesiedelte „Märchen im Grand Hotel“ als ein Stück der Stunde.

Das Moderne braucht keine Modernisierung

Musikalisch und szenisch gelingt das glänzend: lustvoll, witzig, pointiert. Gewiss verdankt sich das auch der auf den Punkt genauen Inszenierung Roland Hüves. Nur bedeutet sie zugleich ein konzeptionelles Ärgernis, weil Hüve glaubt, eine nicht allzu geläufige, aber so modern wirkende Operette modernisieren zu müssen.

Er verlegt sie mit seiner Textfassung sowie mit Tablets und Smartphones in unsere Zeit der Streaming-Dienstleister für Filme und Serien („Fletnix“), der Handyvideos und der „Scripted Reality“. Er bläst Staub dort weg, wo keiner liegt. Eine sinnfreie Oberflächenpolitur.

Wie viel interessanter, die zeitliche Distanz zu spüren und zugleich zu erleben, wie die Zeit stehen geblieben oder gar rückwärts zu laufen scheint. Immerhin stellt sich hier eine emanzipierte junge Frau, Makintoshs Tochter Marylou, marodierend und parodierend dem Wandel im Filmgeschäft – derweil sich die soeben erfolgte Oscar-Verleihung vorwerfen lassen muss, Frauen als Filmemacherinnen zu ignorieren.

Marylou reist ins Grand Hotel nach Cannes, wo Isabella, verhinderte Thronfolgerin im Republik gewordenen Spanien, hier „Spananien“, als verarmende Monarchin auf Operettenstaat macht. Und der vermeintliche Zimmerkellner Albert macht ihr dort den Hof: in Wirklichkeit ein Spross bürgerlichen Geldadels. Marylou plant mit ihnen und der ganzen Entourage ein Reality-Format.

Operette trifft Musical, der Walzer den Jazz

Hier treffen Welten aufeinander: die alte und die neue, Monarchie und Republik, Operette und Musical, Walzer und Jazz. So, als ein Aufeinandertreffen und Ineinandergreifen, hat es Abraham komponiert. Und so lotet es Kapellmeister Harish Shankar mit der Meininger Hofkapelle aus: eben noch schmissig, jetzt schon wieder schwelgerisch; manchmal beides zugleich, immer mit ironischem Augenzwinkern.

Für die vereinbaren Gegensätze stehen auf der Bühne zwei Protagonistinnen, die auch Antagonistinnen sind: Musicaldarstellerin Nathalie Parsa, Gast des Hauses, singt und swingt, tanzt und steppt als Marylou ausgelassen und unberechenbar durch die Handlung. Die Isabella der Mezzosopranistin Carolina Krogius aus dem Meininger Ensemble versucht die mondäne Fassade aufrecht zu erhalten. Als träfe Sally Bowles auf die lustige Witwe. Beide spielen ihre Rollen mit komödiantischem Ernst und heiterer Hinterlist.

Bariton Jonas Böhm gibt als Albert einen glänzenden Einstand im Ensemble; er ist verliebter Trottel, tollkühner Verehrer und beherztes Mannsbild in Personalunion. Er macht sich mit Größe klein und wächst dabei über sich hinaus. Sonja Freitag befleißigt sich als Gräfin und Isabellas Hofdame ganz trocken einer Gossensprache, Giulio Alvise Caselli scharwenzelt als eitler Wiener Prinz durch die Hotellobby.

Diese hat Bühnenbildner Christian Rinke großzügig sowie mit Oberlicht eingerichtet; ihren vorgeblichen Naturalismus bricht er mit gemalten Hintergründen auf. Siegfried E. Mayers Kostüme verbinden die Zeiten; sie changieren zwischen 1934 und 2020 und lassen eine modische Renaissance durchschimmern, in der das Gestern und das Heute zusammenfallen.

Derart behauptet Meiningen die Operette als ein (wieder) zeitgemäßes und zeitkritisches Genre. Sie hätten das schon deshalb nicht noch extra betonen müssen.

Wieder am Mittwoch, 12., und Sonntag, 23. Februar, sowie am 7. und 22. März

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.