Intendant für Eisenach & Meiningen: „Ich bin der falsche Feind“

Eisenach/Meiningen.  Jens Neundorff von Enzberg will den Aufbruch für 2021. Mit seiner Art eckt er dabei aber überall an. Auch Corona spielt eine Rolle.

Jens Neundorff von Enzberg aus Südthüringen, aktuell Intendant am Theater Regensburg, bereitet seinen Wechsel nach Meiningen und Eisenach vor. Das läuft alles andere als geräuschlos ab.

Jens Neundorff von Enzberg aus Südthüringen, aktuell Intendant am Theater Regensburg, bereitet seinen Wechsel nach Meiningen und Eisenach vor. Das läuft alles andere als geräuschlos ab.

Foto: Michael Reichel / picture alliance/dpa

In zwei Städten wird gestritten, eine dritte freut sich. Theaterleuten in Meiningen und Eisenach wird die Brust eng, während Kollegen in Regensburg aufatmen.

Das ist eines der Bilder, die man sich nach vielen Gesprächen zu Jens Neundorff von Enzberg machen kann. In Regensburg, wo er seit 2012 Intendant ist, überrascht es offenbar niemanden, dass ihr Chef in Thüringen auf Befremden und Unverständnis stößt. „Autoritärer Leitungsstil“ und „unkollegialer Umgang“ werden ihm attestiert.

Kollegen in Thüringen sprechen von einer „unglaublich arroganten Art“ und „Alleinherrscher“-Attitüden. Nach einer Belegschaftsversammlung mit ihm in Eisenach war demnach „die Stimmung im Keller“. Dagegen steht mindestens das Selbstbild des Betroffen, der sich für einen „echt kommunikativen Typen“ hält. „Ich fühle mich auf eine gewisse Art und Weise merkwürdig behandelt“, sagt Neundorff und beschreibt einen Widerspruch zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung: „wenn man eigentlich selbst das Gefühl hat, viele Dinge richtig zu machen – und keiner merkt’s.“

Zustand des Landestheaters „extrem besorgniserregend“

Er sei „der falsche Feind.“ Er habe große Lust auf dieses Theater und diese Stadt, sagt er über Eisenach. Der gebürtige Südthüringer erinnert sich an ein tolles, funktionierendes Theater früherer Jahre, dessen Zustand heute extrem besorgniserregend sei. „Ich kenne kein anderes Theater in Deutschland, das so skalpiert wurde.“ Er trete nicht an, es endgültig zu Grabe zu tragen, sondern es neu zu beleben.

Meiningen brauche nach am Ende 17 Jahren unter Intendant Ansgar Haag Veränderungen. „Ich glaube, das war auch extrem so gewollt“, sagt Neundorff, da Haags Vertrag ja früher beendet werde als geplant.

Die Kulturstiftung Meiningen-Eisenach hatte Neundorff im März zum Intendanten des Meininger Staatstheaters ab Sommer 2021 gekürt sowie drei Monate später, nach einigem Hickhack und vielen Irritationen, auch zu jenem des Landestheaters Eisenach. In dieser Doppelfunktion agierte bereits Haag, zwischen 2008 und 2018.

Wie‘s der Brauch ist, begann Neundorff längst damit, beide Häuser neu zu sortieren. Er setzt, nach aktuellem Stand, in Meiningen insgesamt sechzehn Leute vor die Tür, in Eisenach zehn. „Es ist ein üblicher Vorgang, dass sich mit einem Intendantenwechsel das künstlerische Personal verändert“, sagt er.

Dieses Recht bestreitet ihm auch niemand. Der zwischen Bühnenverein und Künstlergewerkschaften ausgehandelte Normalvertrag (NV) Bühne sieht unbegründete Nichtverlängerungen bei Intendantenwechseln bis 31. Oktober des Vorjahres vor. Das soll Verkrustungen verhindern, frischen Wind bringen.

Dennoch wird diese Praxis längt infrage gestellt: „Warum kann ein Ensemble nicht auf Dauer angelegt sein, selbst wenn die Intendanten von Haus zu Haus weiterziehen“, fragt etwa Thomas A. Schmidt in seiner umfassenden Kritik des deutschen Theatersystems; Schmidt war einst Geschäftsführer des Weimarer Nationaltheaters und ist Professor für Theatermanagement.

So grundsätzlich fragen das eine Petition in Meiningen und ein offener Brief in Eisenach allenfalls zwischen den Zeilen. Jeweils initiiert von außen, aber im Dunstkreis der Ensembles, fragen sie nur, „inwiefern es sozial vertretbar und gerechtfertigt ist, in Zeiten einer globalen Pandemie an diesem Prinzip festzuhalten“ (Eisenach), oder kritisieren, dass Künstler „ohne Berücksichtigung der aktuellen coronabedingten Situation abserviert“ werden (Meiningen). Das zielt mindestens auf Schonfristen ab.

Neundorffs Antwort ist klar: „Das ist die Brutalität unseres Jobs. Der ist im wahrsten Sinne des Wortes asozial. Aber alle, die sich darauf einlassen, wissen davon.“ Gleichwohl habe er darüber nachgedacht, wie man mit der Situation umgeht.

Der Zufall wollte es, dass ihn Covid-19 inzwischen selbst lahmlegte. Zwei Wochen lang kämpfte Neundorff mit hohem Fieber und lag darnieder, als sich in Meiningen und Eisenach was gegen ihn zusammenbraute. Auch jetzt ist er noch nicht wieder so fit, wie er es bräuchte.

Für Eisenach will er nun Übergangsmodelle diskutieren. Deshalb telefonierte er mit Kulturstaatssekretärin Tina Beer, die dem Stiftungsrat der Kulturstiftung vorsteht. Er will eine Sonderförderung locker machen, um den Neustart „mit vorhandenen Kräften zu verbinden, meinetwegen in einem Probejahr“.

Tina Beer ist da erst einmal zurückhaltend. Zunächst werde man schauen, um wie viele Personen es am Ende wirklich geht, dann prüfen, was möglich ist. „Ich kann verstehen, dass viele in der jetzigen Situation Angst haben und nicht wissen, wie es weitergeht“, sagt sie. Gleichwohl sei ein Personalwechsel „erst mal ein normaler Vorgang“.

Das Ballett ist für Neundorff einstweilen tabu. Es geht ums Junge Schauspiel. Sich dessen sechs Spieler anzuschauen, war ihm bislang nicht möglich gewesen. Neundorff hat noch in Regensburg zu tun, Corona-Schließungen kamen dazwischen, dann eine neuerliche Brandstiftung im Eisenacher Theater.

Neue Leiterin für Junges Schauspiel in der Szene bestens vernetzt

Nichtverlängerungen wurden fristgerecht ausgesprochen. „Ich habe aber in allen Gesprächen betont, dass es noch eine Chance geben wird, sich auf der Bühne künstlerisch zu begegnen“, sagt Neundorff. Damit beginnt man dieser Tage.

In Meiningen gab es Gelegenheit zu solchen Begegnungen, zumindest der Form halber. Anfang Oktober schrieb das Schauspielensemble aber einen Brief an Neundorff und die Kulturstiftung. Darin habe man sich „zur aktuellen Situation, dem Intendantenwechsel sowie zu den damit einhergehenden, geplanten und bereits erfolgten Nichtverlängerungen inmitten der Pandemie sehr kritisch geäußert“.

So heißt es in einem kurzen Statement, das „der Großteil“ dieses Ensembles unserer Zeitung schrieb. Der Brief blieb ohne Antwort. Aktuell liege nun ein Gesprächsangebot der neuen Theaterleitung vor.

Ein Neuanfang beim Jungen Schauspiel Eisenach galt indes als ausgemacht, noch bevor Neundorff überhaupt ins Spiel kam. Die Leiterin, Regisseurin Christine Hofer, agiert ohne Fortune und künstlerisch nicht überzeugend. Die Sparte steht profillos da, auch zerrieben zwischen den unterschiedlichsten Ansprüchen und Aufgaben.

Neundorff hat eine Nachfolgerin gefunden, die in der Szene demnach bestens vernetzt ist. Bislang sei die Sparte ja nicht mal bei „Assitej“ präsent, der internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche, über das sich Drittmittel akquirieren ließen.

Der Intendant setzt eben auf Leute, denen er vertraut, sagt er. Dass man auch ihm vertrauen kann, muss er wohl erst noch beweisen.