Ausstellung

20 Pfennige für ein Stockbett: 100 Jahre Jugendherberge Leuchtenburg

Seitenroda.  Sonderausstellung „Vom Kopf- bis zum Fußende – 100 Jahre Jugendherberge Leuchtenburg“ ist bis 4. Februar 2021 zu sehen. 20 ganz persönliche Geschichten.

Zur neuen Ausstellung „100 Jahre Jugendherberge auf der Leuchtenburg“ gehören originale Aufnahmen von 1965.

Zur neuen Ausstellung „100 Jahre Jugendherberge auf der Leuchtenburg“ gehören originale Aufnahmen von 1965.

Foto: Lutz Rosenbusch

Es war ein historischer Moment auf der Leuchtenburg, als im August 1920 die Umbauarbeiten an der ehemaligen Kaserne abgeschlossen waren und die Burg neu genutzt wurde. Wieder einmal. Denn nachdem zuvor Straftäter, Kranke oder arme Menschen im Zuchthaus weggesperrt wurden, hielten nun vor 100 Jahren singende Jugendliche Einzug auf der Burg, genossen ihr Leben, ihre Freiheit und nicht selten auch ihre Nacktheit. Allen voran der charismatische Anführer der „Neuen Schar“, Muck Lamberty, der mit seiner Truppe im Winter 1920/21 auf der Leuchtenburg kostenlos Quartier bezog und dafür Innenausstattung, Wandvertäfelung und das Herstellen allerlei Gebrauchsgegenständen übernahm. Der eigentliche Herbergsbetrieb begann dann Ende 1923 – mit immerhin 120 Schlafplätzen und einigen Reservestrohsäcken.

Es folgten erlebnisreiche Herbergsjahre mit Zehntausenden Jugendlichen pro Jahr und eine Erweiterung in die Räumlichkeiten des ehemaligen Burg-Hotels. Ab 1969 etablierte die Jenaer Universität auf der Leuchtenburg ein zweiwöchiges sogenanntes „Kulturpraktikum“ für jeweils 70 bis 80 Studenten.

2014 zog die neue Porzellanwelten-Ausstellungen ein

Noch heute berichten die Teilnehmer von damals von diesen intensiven Tagen und der tiefen kulturellen Prägung. Nach der Wende wurde der erhebliche Sanierungsstau immer deutlicher, bis im Winter 1997 die Heizung aus dem Jahr 1936 gänzlich den Geist aufgab und das Ende der Jugendherberge besiegelt war. Die letzte Herbergsmutter, Helga Klüger aus Seitenroda, entsorgte nach 28 Dienstjahren mit ihren Kollegen noch Hunderte Matratzen, bevor das Gebäude für 14 Jahre leer stand. 2014 zog schließlich die neue Porzellanwelten-Ausstellungen in die sanierten Räume ein.

Erinnerungen an Herbergseltern und Hagebuttentee

Das Kapitel Jugendherberge, übrigens die zweitälteste in Thüringen, lebte seither nur in den privaten Erinnerungen und Fotoalben der einstigen Besucher fort. Doch das 100-jährige Gründungsjubiläum sei ein würdiger Anlass, fanden Direktorin Ulrike Kaiser und ihr Team, diese wundervollen Erinnerungen an strenge Herbergseltern und Hagebuttentee, an Stockbetten und fröhliche Wanderungen öffentlich zu machen. Mehrere deutschlandweite Medienaufrufe brachten altes Foto- und Textmaterial zurück auf die Burg, aus dem die Sonderausstellung „Vom Kopf- bis zum Fußende – 100 Jahre Jugendherberge Leuchtenburg“ entstanden ist, die bis 4. Februar 2021 im Bergfried der Burg zu sehen ist.

Geschichten werfen Blick auf eine wundervolle Herbergszeit

Neben alten Utensilien auf der Herbergszeit sind es vor allem die 20 persönlichen Geschichten, die den Blick nochmals auf eine wundervolle Herbergszeit werfen. „An das Rodeln habe ich auch schöne Erinnerungen. Torhaus raus, rechts rum und dann ab bis runter ins Dorf. Am Anfang war gleich ein Tante Emma Laden, die alles verkaufte, auch heißen Tee oder Kinderpunsch. Und wenn wir Glück hatten, sind wir dann mit dem Traktor von ihrem Mann hoch gezogen worden“, schreibt Lutz Rosenbusch, der mit seinen Kameraden zwischen 1965 und 1967 zweimal die Herberge besuchte.

Und Ingrid Pretschold aus Stadtroda, die 1961 als 18-Jährige auf einem Bäcker-Lkw zur Leuchtenburg trampte, teilt nun ihre akribische Buchführung von damals mit den Besuchern – als ganz lebendiges Stück Geschichte: 20 Pfennig für ein Stockbett, 10 Pfennig für rohes Sauerkraut, 30 Pfennig für Limanode und 46 Pfennige für Wurst.