Kunstfest Weimar: Puppen pendeln zwischen Parlament und Psychoanalyse

Weimar  Kunstfest Weimar Suse Wächter und Ensemble inszenieren Bauhaus-Protokolle aus dem Thüringer Landtag. Daraus wird im E-Werk ein sehr unfertiger Abend.

Suse Wächter, Veronika Thieme und Ulrike Langenbein (von links) spielen mit dem dreifaltigen deutschnationalen Giftzwerg alias Emil Herfurth Landtagsdebatten zum Bauhaus 1923.

Suse Wächter, Veronika Thieme und Ulrike Langenbein (von links) spielen mit dem dreifaltigen deutschnationalen Giftzwerg alias Emil Herfurth Landtagsdebatten zum Bauhaus 1923.

Foto: Thomas Müller

„Jetzt“, ruft der Conférencier, „geht‘s richtig los! Denn jetzt kommen wir ans Eingemachte.“ Da ist mehr als eine halbe Stunde vergangen, mehr als zwei weitere folgen.

Immerhin, wir werden vorgewarnt: „Kann ein bisschen länger dauern“, sagt Emil Herfurt, deutschnationaler Abgeordneter im Landtag, süffisant-grantig interpretiert von Puppenbauerin und -spielerin Suse Wächter. „Wollt ihr den totalen Papierkrieg“, fragt er (oder sie), rein rhetorisch. Niemand äußert sich. Hilft ja nichts: Eben erst eingeführte parlamentarische Demokratie wird eingeübt. Ein mühsames Geschäft.

Verhandelt wird, in Haushaltsdebatten 1923, das Bauhaus Weimar, namentlich die erste Ausstellung. Es ist das Jahr der Hyperinflation, in dem ein Brot eben Millionen kostete, jetzt Milliarden. Da erinnert Herfurth, Realpolitik spielend, an den Rahmen finanzieller Möglichkeiten.

Doch „der große Streit von Weimar“, den Suse Wächter und Janek Müller erneut anzetteln mit den Protokollen, die wie alle Dokumente des Landtags wie Bauhauses im Hauptstaatsarchiv Weimar liegen, geht viel tiefer: vom bewusst hinterm Berg Gehaltenen bis ins Unterbewusstsein, wo Hass und Ekel schlummern.

Suse Wächter, die besonders mit ihren „Helden des 20. Jahrhunderts“ bekannt wurde, nicht nur lebensechten, sondern auch wiedererkennbaren Personen der Geschichte, verfremdet Herfurth als Protagonisten der Bauhausgegner zum dreifaltigen Garten- und Giftzwerg. Der darf sich übers Klischee beschweren („Haha, sehr witzig!“), als aufgespaltene Persönlichkeit aber andere Abgeordnete und Minister als Luschen parodieren. „Arschloch“ ist sein Standard für jeden – als das größte erscheint er selbst. Was am Rednerpult sachpolitisch unterdrückt wird, darf sich auf der gegenüberliegenden Seite des mehrdeutigen E-Werk-Raumes Luft verschaffen: auf der Psychoanalyse-Couch einer Sigmund-Freud-Puppe.

Das ist, im Kern, glänzend angelegt sowie von Suse Wächter, Veronika Thieme und Ulrike Langenbein gespielt und geführt. Doch fällt der dramaturgisch überfrachtete und ungeschickt gebaute Abend auseinander, zumal er zur Premiere sicht- und hörbar nicht aufführungsreif war. Der Rahmen eines letzten Bauhausfestes, auf dem die exzentrische Expressionistin Else Lasker-Schüler (Sachiko Hara) noch mal auftritt – historisch verbürgt ist ihre Teilnahme am ersten – funktioniert überhaupt nicht. Der Weimarer Musiker Vincent Hammel überzeugt zwar als Ein-Mann-Bauhauskapelle, sein „Foxy Chor“ aber wirkt akustisch unterrepräsentiert.

Pascal Lalos Conférencier unterläuft den Verteidigungsgestus von Bauhauschef Walter Gropius, der als „Regierungskommissar“ Rederecht im Landtag hat; es lässt sich aber nie sagen, ob sein Gestammel Prinzip oder Textunsicherheit bedeutet. Das Publikum, auf Zuruf für parlamentarische Zwischenrufe zuständig, kommt ohnehin nicht in Stimmung.

Der Abend kämpft Kulturkämpfe von gestern. Eine kunstfeindliche Gegenwart, in der „unser deutsches Volkstum“ wieder virulent wird, lässt er allenfalls erahnen. „Das Dach fehlt“, ätzen Bauhausgegner über das flache Musterhaus Am Horn. Diesem Stück aber fehlt ein Fundament.

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