Kunstsammlungen durchforsten ihre Bestände nach NS-Raubgut

Wie langwierig und mühsam dieses Verfahren auch für die Thüringer Museen ist, erklärt der Jenaer Kurator Erik Stephan.

Michael Knoche, Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek (r.), und Tomas Pedro Goldschmidt mit der Almanach-Sammlung von Arthur Goldschmidt. Foto: Marc Tirl/dpa

Michael Knoche, Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek (r.), und Tomas Pedro Goldschmidt mit der Almanach-Sammlung von Arthur Goldschmidt. Foto: Marc Tirl/dpa

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Es ist keine vier Wochen her, dass der Kurator der Kunstsammlungen Jena, Erik Stephan, Post vom Jüdischen Weltkongress bekam. Ob es in seinem Haus Kunstwerke aus jüdischem Besitz gebe und Nachforschungen darüber, auf welchen Wegen sie in die Sammlung gelangten.

Erik Stephan konnte zumindest mit gutem Gewissen antworten, dass man derzeit dabei sei, die Bestände auf ihre Herkunft zu überprüfen.

Ein Unterfangen, das nur möglich ist, weil sich Kurator Stephan bei der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung um Förderung bemühte. Seit Januar erforscht nun eine Kunsthistorikerin den Hintergund von Kunstwerken, deren Herkunft unklar ist.

Sollten sich im Bestand tatsächlich Kunstwerke finden, die jüdischen Besitzern geraubt oder weit unter Wert abgepresst wurden, sei man fest entschlossen, die Erben ausfindig zu machen und mit ihnen eine saubere Klärung zu finden.

Natürlich erhofft sich Erik Stephan auch einen wissenschaftlichen Mehrwert aus dem Vorhaben. Doch vor allem geht es um etwas, was der Kurator als "moralisches Gütesiegel" einer Sammlung beschreibt.

Solche Bemühungen gibt es bei der Klassik Stiftung Weimar bereits seit 2010. Man rechnet damit, das es sich bei etwa einem Drittel der während der NS-Zeit erworbenen Kulturgüter um Raubgut handelt. Allein in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek müssen etwa 10 000 Bände überprüft werden, so Provenienz-Forscher Rüdiger Haufe.

Zum Beispiel jene kostbare Almanach-Sammlung aus der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. 2000 Bände von Jahrbüchern aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, die der jüdische Unternehmer Arthur Goldschmidt 1936 verkauft hatte. Nicht freiwillig und weit unter Wert. Als Jude geschäftlich enteignet, zwang ihn die pure Not zum Verkauf. Das Goethe- und Schiller-Archiv griff beherzt zu.

Vor gut einem Jahr wurde dem Enkel des einstigen jüdischen Unternehmers eine Ausgleichssumme gezahlt.

Solche Beispiele später Wiedergutmachung sind selten.

"Die wenigen Überlebenden des Holocaust und ihre Nachkommen erhielten nach dem Krieg nur einen Bruchteil ihres ursprünglichen Besitzes zurück", konstatiert der Publizist Stefan Koldehoff. In seinem Buch "Die Bilder sind unter uns" erzählt er vom lukrativen Geschäft mit der geraubten Kunst, an dem bis heute der deutsche Kunstmarkt beteiligt ist. Und wie es dazu kam, dass in deutschen Museen bis heute Raubkunst ausgestellt ist.

Seit 1998 gibt es eine "Washingtoner Erklärung", die verpflichtet, Raubkunst zu identifizieren und deren Besitzer oder Erben zu finden. Es gibt seit 1999 eine Selbstverpflichtung Deutschlands in diesem Sinne.

Doch ein verbindliches Regelwerk gibt es dafür nicht. Juristisch gelten Rückgabeansprüche als verjährt. Und vor allem für kleinere Sammlungen, notorisch klamm an Geld und Personal, ist die aufwendige Durchforstung der Bestände aus eigener Kraft nicht zu stemmen. Denn fast 70 Jahre nach Kriegsende ist Provenienzforschung ein mühseliges Stochern in der Geschichte. Häufig sind Akten verschwunden, Quellen versiegt. In Jena ist die Forschung auf ein Jahr ausgelegt. Sie muss aber in den Museen verstetigt werden, fordert Rüdiger Haufe.

Als im vergangenen Herbst der Fund der Gurlitt-Sammlung bekannt wurde, geriet auch der Umgang Deutschlands mit NS-Raubgut in die Schlagzeilen. Vor allem Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen kritisierten das schleppende Verfahren.

Zu Recht. Es geht hier nicht nur um finanzielle Werte. Für die wenigen Holocaust-Opfer, die heute noch leben, könnte ein Bild kostbare Erinnerung an eine Familie sein, die ausgelöscht wurde. Und ihnen läuft die Zeit davon.

Im Windschatten der Gurlitt-Debatte hatte Bayern eine Gesetzesinitiative gestartet, die unter anderem für bestimmte Fälle die Verjährungsfrist der Rückgabeansprüche aushebeln will. Die sogenannte "Lex Gurlitt" soll im April Thema im Bundesrat sein. Dort wurde, auch mit Zustimmung aus Thüringen, in der vergangenen Woche eine Entschließung verabschiedet, die im Kern die Bundesregierung in die Pflicht nimmt. Die soll prüfen, wie man Ansprüchen besser gerecht wird. Das klingt nach viel gutem Willen aber wenig Entschlusskraft.

Immerhin soll in Magdeburg eine Stelle für Provenienzforschung gegründet werden. Aus dem Thüringer Museumsverband heißt es, man werde noch im Sommer eine Weiterbildung zum Thema anbieten.

Der Gurlitt-Fund scheint im deutschen Kunstbetrieb neue Bewegung in Sachen NS-Raubkunst gebracht zu haben. Fast 70 Jahre nach Kriegsende, und das ist der eigentliche Skandal.

In der Tourist-Information Weimar findet am Freitag 19.30 Uhr eine Diskussion mit Stefan Koldehoff zur NS-Raubkunst statt.

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