Kunstverein Jena: Wiedergeburt nach jahrzehntelangem Totschweigen

Jena.  Der Jenaer Kunstverein feiert mit einer Jubiläumsschau seine Wiedergründung vor 30 Jahren.

Jürgen Conradi, zweiter Vereinsvorsitzender, beim Aufbau der Jubiläumsausstellung "Vielfalt". 

Jürgen Conradi, zweiter Vereinsvorsitzender, beim Aufbau der Jubiläumsausstellung "Vielfalt". 

Foto: Ulrike Merkel

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In der Wendezeit treffen sich im Jenaer Lichtspielhaus „Palasttheater“ diverse Kulturinitiativen. Die einen interessieren sich für Film, die anderen für Theater. Und es gibt eine Gruppe, die davon träumt, den 1903 gegründeten legendären Jenaer Kunstverein wieder zu beleben. 1987 hatte Publizist Volker Wahl in seinem Band „Jena als Kunststadt“ die kunsthistorischen Verdienste dieser Vereinigung erstmals gewürdigt. „Für uns war das damals wie eine Bibel“, erinnert sich Jürgen Conradi. Er gehörte zu jenen Akteuren, die am 20. April 1990 den Jenaer Kunstverein erneut aus der Taufe heben. Zum 30-jährigen Jubiläum eröffnet der Verein am Freitag, 19 Uhr, eine Jubiläumsausstellung.

Sie zeigt Werke von 30 Künstlern, die seit 1990 präsentiert wurden. Überschrieben ist die Schau mit „Vielfalt“. Der Titel ist programmatisch; denn der neue Verein trat zu Beginn mit dem Ziel an, der Einfalt, die 40 Jahre lang die DDR-Kulturpolitik dominiert hatte, die Vielfalt gegenüberzustellen. So widmeten sich die Ausstellungen der Anfangsjahre einerseits totgeschwiegenen und vertriebenen Künstlern, wie Vereinsvize Jürgen Conradi berichtet. Andererseits holte man westdeutsche Kunst nach Jena – Positionen, die hinter der Mauer kaum jemand kannte, wie die Informel-Malerei oder Videokunst.

Die erste Ausstellung im ersten Domizil Zwätzengasse 16, der ehemaligen Liebknecht-Gedenkstätte, wird in Kooperation mit städtischen Institutionen zum 1. Jenaer Kunstpreis gestaltet. Kurzzeitig scheint die Schau durch die Währungsunion in Gefahr. Denn das ausgelobte Preisgeld musste im Herbst 1990 in harter Westmark aufgebracht werden. Gar nicht so einfach bei mehreren Tausend Mark.

In den vergangenen 30 Jahren hat der Kunstverein mehr als 150 Ausstellungen realisiert, zunächst noch in der Zwätzengasse, danach im Roten Turm, später im Optischen Museum und nun im Jenaer Stadtspeicher. Darüber hinaus ermöglicht die 170 Mitglieder starke Institution jeden Sommer Freilicht-Expositionen im Frommannschen sowie im Botanischen Garten.

Galt zu Beginn, den Facettenreichtum der Kunst des 20. Jahrhunderts aufzufächern, steht mittlerweile – ganz im Sinne der Altvorderen – die Förderung zeitgenössischer Positionen wieder im Vordergrund. Vorzugsweise jungen Kunstschaffenden aus dem mitteldeutschen Raum möchte man in Jena eine Plattform bieten.

So sind unter den 30 Künstlern der aktuellen Retrospektive auch zahlreiche Vertreter aus Thüringen, darunter Walter Sachs und Ulrike Theusner aus Weimar, Volkmar Kühn aus Mildenfurth, Erik Buchholz aus Gera, Waltraud Ehrlich-Schmidt aus Jena und Tanja Pohl aus Greiz. Sie alle haben aktuelle Arbeiten beigesteuert.

Sehr glücklich ist Jürgen Conradi beispielsweise auch über die Skulptur „Es war, als konnten wir fliegen“ des Hallenser Bildhauers Christoph Reichenbach. Sie zeigt einen Vogelmenschen, der niemals abheben wird, da seine Flügel aus grobem Drahtgeflecht bestehen. Das farbige Werk ist das Modell für eine deutlich größere Figur, die anlässlich der zentralen Feierlichkeiten zur deutschen Einheit in Halle eingeweiht werden soll.

Galerie im Stadtspeicher Jena (Markt 16), bis 21. März, geöffnet: Mi, Fr, Sa 12-16 Uhr, Do 12-19 Uhr

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