Lutherhaus Eisenach wird wiedereröffnet

Eisenach. Nach zweijähriger Sanierung und Erweiterung wird das Lutherhaus an diesem Samstag feierlich wiedereröffnet. Die Dauerausstellung „Luther und die Bibel“ macht Kulturgeschichte mit zeitgenössischem Blick und heutigen Mitteln sichtbar.

Kurator und Museumsleiter Jochen Birkenmeier begrüßt uns in der vorderen der beiden „Lutherstuben“. Als solche werden die zwei Räume seit Mitte des 19. Jahrhunderts inszeniert. Foto: Sascha Willms

Kurator und Museumsleiter Jochen Birkenmeier begrüßt uns in der vorderen der beiden „Lutherstuben“. Als solche werden die zwei Räume seit Mitte des 19. Jahrhunderts inszeniert. Foto: Sascha Willms

Foto: zgt

Wer nach Herzenslust isst und trinkt oder aber jemandem sein Herz ausschüttet, wer Perlen vor die Säue wirft oder sein Licht unter den Scheffel stellt, wer die Zähne zusammenbeißt oder dienstbare Geister bemüht, der tut es mit der Bibel Luthers.

Sie ist uns auch nach bald 500 Jahren noch „Richtschnur“ und „Fallstrick“, selbst wenn „Krethi und Plethi“ nicht ahnen, wessen Wort sie da im Munde führen.

Aber wir bekommen mehr als eine Ahnung davon, wenn wir nun durchs neu gestaltete Lutherhaus zu Eisenach wandeln. Dort treffen wir unter anderem auf eine Wand mit lauter Wörtern und Wendungen, wie sie uns Martin Luther hinterließ.

Wir treffen auch ein Kupferstich-Porträt Johann Gottfried Herders, der zu Luther festhielt: „Er ist‘s, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgewecket und losgebunden.“

Wenn nun also diese neue Dauer­aus­stellung, angeregt durch den Kirchenhistoriker Volker Leppin, „Luther und die Bibel“ thematisiert, so beschäftigt sie sich mit mehr als dem, was ihr Titel auf den ersten Blick verspricht. Sie beschäftigt sich mit unserer Herkunft und beglaubigt die Bibel auch jenseits des Theologischen als Buch der Bücher: Weil sie gelesen werden will, wenn wir uns selbst verstehen wollen, und weil es ohne sie viele andere Bücher überhaupt nicht gäbe, die wir heute unserer Kultur zurechnen.

Das reicht, wie man in Eisenach sieht, von Goethe bis Brecht – und auch bis Walter Ulbricht, der 1958 zehn Gebote der sozialistischen Moral formulierte, ziemlich erfolglos übrigens.

„Luthers Sprache“, lesen wir in der Ausstellung, „hat viele inspiriert: Dichter, Philosophen und Komponisten. Luthers Bibel ist Teil unserer Kultur geworden. So hat sie auch Menschen geprägt, die sich nicht als Christen verstehen. . .“

Das nahm hier seinen Anfang, zumindest symbolisch. 23 Jahre, bevor Martin Luther auf der Wartburg begann, das Neue Testament zu übertragen, kam er unten in der Stadt an. Er war 14 Jahre alt und ging in die hiesige Lateinschule, wo er auf die „Vulgata“ traf, die Bibel des heiligen Hieronymus von Stridon.

Luther kam 1498 als Lateinschüler in die Stadt

In dem Haus, das man seit 1817 das Lutherhaus nennt, soll er drei Jahre lang gelebt haben: bei Familie Cotta, soviel ist sicher. Denen gehörten allerdings noch andere Immobilien in Eisenach als nur dieses 1356 auf Mauern und Balken eines bald 100 Jahre älteren Vorgängerbaus errichtete Haus.

Hier aber befand man sich in beinahe direkter Nachbarschaft zum Franziskanerkloster, wo damals eine Pietà stand, die „Beweinung Christi“ zeigend. Diese Schnitzplastik aus Lindenholz dürfte Martin Luther höchst-wahrscheinlich gekannt haben . Nun steht sie in diesem nach ihm benannten Haus.

Viele Kunstschätze werden folgen auf dem Rundgang. Denn wir sollen uns, ließe sich sagen, ein umfassende Bild machen dürfen von diesem Mann und seinem Werk, das doch so ganz dem Wort verpflichtet ist.

Die allerersten Bildnisse sind nicht echt, aber echt hilfreich, um den Reformator in seiner Zeit zu verstehen: Da stehen Papst- und Kaiserkrone, Michelangelos David, Kopernikus‘ Umlauf der Planeten um die Sonne, Magellans Schiff Victoria, auf dem er als Erster die Welt umsegelte und ein Dreschflegel, der im Bauernkrieg Waffe wurde.

Wir sind zu Gast in der Renaissance, in einer Zeit der Umbrüche, zu denen Luther beitrug. Es war eine Zeit, in der man begann, sich ein Bild zu machen von der Welt, anstatt ihr göttliches Abbild anzubeten: so wie die Madonna auf der Mondsichel, einer Lindenholz-Skulptur aus Saalfeld, um 1515 geschaffen. Sie steht hier hinter einer „goldenen Wand“ aus Glas, die alte Kirche bedeutend, die den äußeren Glanz verbreitete, weniger das Wort Gottes.

Es ist das Umfeld, in das sich Luther zwangsläufig begibt: zunächst als Schüler in Eisenach, bald darauf als Mönch in Erfurt.

Es ist das Umfeld einer weltabgewandten tiefen Religiosität, aus dem er sich schließlich wieder zu befreien weiß – was ihn nach dem Reichstag zu Worms unversehens zurück vor die Tore Eisenachs bringt: in den Untergrund, auf die Wartburg.

Dort beginnt er die Bibel zu übersetzen, nicht weil der „Junker Jörg“ gerade nichts besseres zu tun hättte. Wenn die Welt dem Evangelium folgen soll, wenn sie die frohe Botschaft des Glaubens vernehmen soll, muss sie sie verstehen können.

An dieser Stelle führt uns die Ausstellung , auch an Medienstationen und in einer Hör-Lounge, in die Umstände hinein: in die Welt der vielen regionalen Dialekte, die ein Hochdeutsch noch nicht einte. Dieser Sprache ebnete Luther eher aus Versehen den Weg, indem er die Bibel aus althebräischer, aramäischer und altgriechischer in eine Kunstsprache übertrug: in die sächsische Kanzleisprache, aus der sich dann erst das Hochdeutsche entwickeln würde.

An einer Station darf sich der Besucher selbst spielerisch den Problemen des Übersetzens nähern. Er erfährt, dass es dabei stets um Interpretationen geht, die fortwährend Entscheidungen für und gegen eine Auslegung treffen. Es gibt verschiedene Bedeutungsmöglichkeiten. So steht auf dem Weg vom Hebräischen übers Griechische zum Deutschen die Frage im Raum: War Maria, die Mutter Jesu, tatsächlich eine Jungfrau oder einfach nur eine junge Frau?

Die erste Übersetzung des Neuen Testamentes erschien 1522 (Septembertestament), die erste Gesamtausgabe 1534. Martin Luther blieb mit den Texten, unterstützt von einer ganzen Reihe Mitarbeitern, aber bis ans Lebensende beschäftigt.

Derweil war Doktor Luther zum ersten Kirchenlehrer der Nation geworden. Als solcher ist er gemeint, wenn seine Statuette von 1535/40 eine von sechs Heiligenfiguren ersetzte: Im Altarflügel aus der Dorfkirche zu Kromsdorf, die hier einen der kunsthistorischen Höhepunkte darstellt. Wie eine ganze Reihe anderer Objekte entstammt er der einzigartigen Schnitzplastiksammlung des Thüringer Museums in Eisenach.

Zwei Luther-Porträts aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Jüngeren hängen auch im Lutherhaus: Das eine zeigt ihn im Pelzumhang und fasst die akademische Karriere als Magister, Lehrstuhlinhaber und Träger der Doktorwürde zusammen.

Beim anderen handelt es sich um ein Totenbildnis. Es wird in der Ausstellung begleitet von Luthers zwei Tage vor seinem Tod gefallener Bemerkung: Auch die besten Ausleger der Bibel bleiben „Bettler“.

Johann Sebastian Bach: „Komponist als Prediger“

Weil Menschen aber auch so gleichsam ein Volk von Bettlern waren und sich jedenfalls keine Bibel wie etwa die hier gezeigte „Hamburger Polyglotte“ 1596 leisten konnten, dauerte es seine Zeit, bis Luthers Bibel das Land und die Welt und schließlich jedes Hotelzimmer eroberte.

Sie ergriff die Massen erst nach 1710. Damals gründeten Carl Hildebrand von Canstein und August Hermann Francke eine Bibelanstalt in Halle (Saale). Sie verwendeten den Stehsatz und konnten Bibeln daher sehr preiswert drucken.

Das Modell der Bibelgesellschaften wurde dann im 19. Jahrhundert ein Erfolg. Es ermöglichte zum Beispiel auch die „Neue illustrierte heilige Schrift für häusliche Erbauung und Belehrung“, die 1889 in Philadelphia herauskam. Die weltweite Verbreitung der Lutherbibel als Massenprodukt fand statt.

Und bis dahin? Gab es die Musik! Zufall oder nicht, dass ausgerechnet in Eisenach Johann Sebastian Bach zur Welt kam und dort getauft wurde, wo Luther Messdiener war: in der Georgenkirche. Das Kirchenbuch mit Bachs Taufeintrag steht in einer der Vitrinen.

Bach ging in die nämliche Schule wie Luther und wurde zum vornehmsten Verkünder des Wortes, das jener für hiesige Ohren formuliert hatte. Er wurde, was die Ausstellung „Der Komponist als Prediger“ nennt.

Das Lutherhaus Eisenach, seit 2013 getragen von einer Stiftung bei der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, macht Kulturgeschichte mit zeitgenössischem Blick und ebensolchen Mitteln sichtbar und erlebbar.

Es huldigt ihr aber nicht. Es zeigt vielmehr, wie sie sich wandelte und weiter wandelt, dass sie kein abgeschlossenes Sammelgebiet umfasst und stets den kritischen Blick braucht.

So thematisiert die Ausstellung sowohl „Eingriffe“ als auch „Übergriffe“ Luthers und seiner Erben. Dass er die Bücher der Bibel neu anordnete, ihre Reihenfolge veränderte, „um ihre Botschaft verständlicher, eindeutiger und klarer zu machen“, mag ja noch angehen. Dass er, „in einer langen antijudaistischen Tradition im Christentum“ stehend, gegen Juden ausfällig wurde, wohl eher nicht.

Neue Lutherbibel erscheint 2016

So hatten es, wiederum in Eisenach, sogenannte Christen in der NS-Zeit leicht, ihren Antisemitismus auf Luther zu beziehen. Die Ausstellung reißt fast an ihrem Ende das Eisenacher Institut zur „Entjudung“ an, in dem die Kirche das Neue Testament zu „säubern“ gedachte.

Künftig soll eine der Sonderausstellungen, für die im erweiterten Lutherhaus nun Platz ist, diese Seite näher beleuchten.

Am Ende des Rundgangs begegnen wir, auf Monitoren, Margot Käßmann und Christoph Kähler. Käßmann versucht, die Bedeutung der Lutherbibel heute zu beschreiben. Kähler, ehemaliger Thüringer Landesbischof, beschreibt die jüngste Durchsicht der Bibel.

Diese hatte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland 2010 beschlossen und dafür einen Lenkungsausschuss eingesetzt; Kähler leitet ihn.

Ziel der Übung war und ist es, die Lutherbibel nach etlichen Revisionen der Vergangenheit wieder mehr nach Luther klingen zu lassen. 70 Fachleute beteiligten sich daran, rund 12.000 Verse zu überarbeiten.

Das vorläufige Ergebnis der Korrekturen liegt vor. Kähler übergab das Manuskript soeben auf der Wartburg an Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands.

Unweit des Lutherhauses, in der Georgenkirche, wird die neue Bibel am Reformationstag 2016 mit einem Gottesdienst eingeführt werden. Man darf dies wohl als Verlängerung dessen ins Heute verstehen, was uns die Dauer­aus­stellung erklärte: „Hätte Luther länger gelebt, dann hätte er seine Bibel wohl immer weiter verbessert.“

Wer das Lutherhaus am Ende des Rundganges verlässt, „hat hoffentlich ein paar Impulse mitgenommen.“ Das ist der Anspruch, den Kurator und Museumsleiter Jochen Birkenmeier beschreibt – ohne sein Licht unter den Scheffel zu stellen.

Er wird, unterstützt von den Berliner Ausstellungsgestaltern Tobias Neumann und Moritz Schneider, seine Perlen hier wohl kaum vor Säue werfen.

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