Mathias Rusts Friedensmission zum Kreml

Vor 25 Jahren blamierte Mathias Rust mit seiner Landung auf dem Roten Platz die hochgerüstete Sowjetunion. Hanno Müller fragte ihn, was ihn damals antrieb und wie er seinen Flug als inzwischen Mittvierziger sieht.

Der deutsche Pilot Mathias Rust landete am 13. Mai 1987 mit einer einmotrigen Cessna auf dem Roten Platz in Moskau. Foto: EuroAPHS/dapd

Der deutsche Pilot Mathias Rust landete am 13. Mai 1987 mit einer einmotrigen Cessna auf dem Roten Platz in Moskau. Foto: EuroAPHS/dapd

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Herr Rust, wie geht es Ihnen heute?

Mir persönlich geht es gut. Innerlich wie äußerlich. Über die Jahre gelang es mir, ein stabiles Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele herzustellen. Ich mache seit 10 Jahren Yoga und meditiere, das trägt mich durchs Leben.

Wovon leben Sie?

Ich arbeite seit mehreren Jahren als Finanzanalyst für die Investmentfirma eines Freundes. In diesem Rahmen beurteile ich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Firmen, an denen sich unsere Kunden beteiligen möchten.

In den Augen vieler haben Sie mit Ihrem Flug die Supermacht Sowjetunion herausgefordert und vorgeführt. Graust Sie noch manchmal, was alles hätte passieren können?

Der Flug nach Moskau war riskant und hätte schnell zu einem Himmelfahrtskommando werden können. Himmelfahrt hatten wir ja am 28. Mai 1987 ohnehin. Gemacht habe ich es, weil ich von der Richtigkeit überzeugt war. Eine Mission für den Frieden sollte es sein. Mein persönlicher Beitrag zum Weltfrieden. Eine imaginäre Brücke wollte ich mit dem Flug nach Moskau schlagen, zu dem Ort, wo Gorbatschow rührig wurde.

Gorbatschow nutzte die Blamage, um über 300 Amtsträger in die Wüste zu schicken. Der Anfang vom Ende der Sowjetunion. Wie fühlt man sich so als Weltveränderer?

Große Ereignisse werfen große Schatten voraus. Obwohl 25 Jahre vergangen sind, sind meine Erinnerung an die Zeit des Fluges noch lebendig. Ich hatte für mich erkannt, dass wir in der Zeit des Kalten Krieges Kriegstreibern auf den Leim gegangen waren. Auf beiden Seiten. Dass wir Leuten Glauben geschenkt haben, deren Interesse einzig und allein darin bestand, sich zu bereichern. Da wurde Angst geschürt.

Sie hatten auch Glück. . .

Ich glaubte schon damals nicht an das Feindbild des bösen Russen. Das wurde geschaffen, damit kein Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Bedrohung aufkam.

Es hieß sogar, Sie seien Teil eines großen Geheimdienstkomplottes gewesen.

Menschen neigen dazu, Mythen zu schaffen und Gerüchte in Umlauf zu bringen, wenn Ereignisse ihr Vorstellungsvermögen übersteigen. Am Anfang wusste niemand etwas Genaues. Da mussten eben Fantasie und Gerüchte aushelfen. Dran war nichts.

Immerhin mussten Sie dafür in russische Haft.

Wie sich zeigte, haben sich die Entbehrungen gelohnt. Mein Flug läutete das Ende der UdSSR ein und ebnete so auch den Weg zur Wiedervereinigung. Erst nachdem Gorbatschow sich wegen des Fluges seiner Widersacher und Bremser entledigen konnte, kamen Perestroika und Glasnost richtig in Fahrt.

Als es im Prozess darum ging, Gnade walten zu lassen, lehnte dies Gorbatschow mit dem Hinweis ab, dass Generäle ihren Hut nehmen mussten. Fühlten Sie sich benutzt?

Für Gorbatschow war ich ein Glückfall, den er zu nutzen wusste. Ich hatte damit nie ein Problem. Gorbatschow war ein Segen für die Reformbewegung, der Erste, der es wagte, die vereiste Brücke gen Westen zu beschreiten, ohne nach dem ersten Rutscher umzukehren. Ihm verdanken wir das neue Deutschland, in dem unsere Kinder ohne Angst vor atomarer Konfrontation aufwachsen.

Sind Sie ihm begegnet?

Nein, weder Gorbatschow noch anderen Schlüsselfiguren der Zeit des Umbruches.

Welches Interesse hatten all die Politiker, die hinter den Kulissen die Strippen zogen, an Ihnen?

Selbst Ronald Reagan hat sich damals persönlich bei Gorbatschow für meine Entlassung aus der Haft eingesetzt. Und als Reagan dann sagte, dass die UdSSR nicht mehr das Reich des Bösen war, wurde offensichtlich, dass mein Flug nach Moskau nicht vergeblich war.

Was hat Ihnen der Flug eingebracht - wirtschaftlich, finanziell, persönlich?

Der Stern zahlte 100.000 DM für die Exklusivberichterstattung. Eine verhältnismäßig kleine Summe, wenn man bedenkt, dass Zeitschriften wie die Bunte über eine halbe Million DM geboten hatten. Es ging mir niemals darum, Geld zu verdienen. Mein Ziel war die Verbesserung der Beziehung von Ost und West.

Auch später machten Sie Schlagzeilen, Sie mussten sogar erneut ins Gefängnis - Gutachter sprachen von Folgen der Haft.

Es tut mir leid, was passiert ist. Ich kann, auch im Nachhinein, nicht nachvollziehen, wie ich so etwas tun konnte.

Wie viel vom Kreml-Flieger Rust steckt noch heute im Mittvierziger Rust?

Der Idealismus ist geblieben, die Begeisterung, die Lebensfreude und die Suche nach dem Goldenem Pfad, dem Weg zur Erleuchtung. Der Flug nach Moskau hat mich von inneren Zwängen befreit, hat mir gezeigt, dass es jenseits der sogenannten Realität ein höheres Selbst, eine andere Welt gibt, die unser eigentliches Zuhause ist.

Was machen Sie am bevorstehenden Jahrestag?

Ich werde ihn teilweise im Kreise meiner Familie verbringen. Wir werden zurückblicken und uns erinnern an eine Zeit, als die Realität über Nacht eine andere wurde.

Das Glück des jungen Abenteurers Rust

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