Nel: „Trumps Tolle erinnert mich an Elvis“

Erfurt.  Der Erfurter Karikaturist Nel blickt mit einem Buch und im Gespräch auf das „verrückte“ Jahr 2020 zurück.

Der vielfachpreisgekrönte Karikaturist Nel (Ioan Cozacu) wurde 1953 in Cluj geboren und lebt seit 40 Jahren in Erfurt. (Archivfoto)

Der vielfachpreisgekrönte Karikaturist Nel (Ioan Cozacu) wurde 1953 in Cluj geboren und lebt seit 40 Jahren in Erfurt. (Archivfoto)

Foto: Peter Michaelis

Nel, der eigentlich Ioan Cozacu heißt, einst aus Rumänien in die DDR kam, auf der Kunstburg Giebichenstein studiert hat und seit vielen Jahren für die TLZ, die WAZ und überregionale Magazine zeichnet, nimmt kein Blatt vor den Mund – als Karikaturist nicht und auch nicht als Mensch. Ich habe ihn bisher nur einmal sprachlos erlebt, kurz nach dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Jetzt schüttelt er ungläubig den Kopf – über das „verrückte“ Jahr 2020.

Was waren Ihre ersten Karikaturen in diesem Jahr?

Na, ich habe wie immer mit den guten Vorsätzen angefangen. Einer hieß: Mehr Zeit für die Familie.

Gleich ein Volltreffer! Wir sind ja jetzt alle viel öfter zu Hause. Also ein gutes Jahr?

Gut nur für den Karikaturisten. Meine Kinder und Enkel sehe ich jetzt leider noch seltener.

Corona-Krise, Lockdown, Terror, Trump – wie schaffen Sie es, Ihren Humor nicht zu verlieren?

Nun, man kann sich auch über Dinge lustig machen, ohne herzhaft zu lachen.

Zum Beispiel?

Corona. Als die Pandemie in China ausbrach, haben wir uns noch über die restriktiven Maßnahmen in der Diktatur mokiert. Wir waren ahnungslos. Als dann das Virus bei uns war und die Infektionszahlen in die Höhe schnellten, blieb uns das Lachen im Halse stecken. Ich bin trotzdem nicht für Sarkasmus, denn der ist trocken. Humor ist feucht.

Wie bitte?

Humor kommt aus dem Lateinischen und heißt Feuchtigkeit. Damit ist eine heiter-gelassene Gemütsverfassung gemeint. Schwierig wird es damit, wenn etwas zu lange dauert.

Was denn?

Die Pandemie. Oder die US-Wahl. Dingen, die chronisch zu werden drohen, versuche ich mit Geduld und Tinte zu begegnen.

Vier Jahre lang hat Donald Trump mit seinem wahnhaften Narzissmus die Welt genervt...

Die Welt, aber nicht mich. Unser Leben wird vielmehr von Corona beherrscht: Maske auf, Hände waschen, Kontakte vermeiden, keine Kneipenbesuche, kein Kino, kein Theater…! Das Virus ist in meinen Alltag eingedrungen. Den Trump kann ich vor der Tür warten lassen.

Viele Ihrer Karikaturen handeln vom Homeoffice. Da kennen Sie sich wahrscheinlich am besten aus.

Das stimmt.

Aber jetzt geht es plötzlich vielen so. Das nennt man dann Isolation.

Richtig. So lange du dein Heim jederzeit verlassen und gehen kannst, wohin du willst, um deine Kontakte zu pflegen, ist das okay. Wenn das aber wegfällt und das Homeoffice zur Pflicht wird, wird es irgendwann zum Zwang. Für mich bedeutet das ein Lust-Verlust, ich betrete meine Zeichenstube mit weniger Freude. Ein bisschen habe ich die Befürchtung, dass wir alle unsere Lebensfreude verlieren könnten.

Das merkt man Ihren Zeichnungen aber nicht an. Wenn ich mir den Söder, den Merz, den Johnson, den Trump oder „Mutti“ Merkel anschaue, spüre ich: Sie haben immer noch großen Spaß am Zuspitzen und Übertreiben!

Den lasse ich mir auch nicht nehmen. Dennoch: Corona verdrängt so vieles. Dass wir andere Probleme wie den Klimawandel, die Umweltverschmutzung, den Hunger, den Waffenexport, die Flüchtlinge und viele kriegerische Konflikte kaum noch wahrnehmen, darin sehe ich eine Gefahr.

Aber Sie haben doch die Macht des Zeichenstifts und können sie thematisieren!

Das tu ich ja auch. Aber man sollte die Wirkung der Karikatur nicht überschätzen. Die Themen werden von der Gesellschaft gesetzt. Ich greife sie auf und befördere im besten Falle den Diskurs. Man könnte natürlich auch fragen: Was noch, Herr Nel?

Ja, was noch, Herr Nel?

Mich bewegt sehr stark die Situation der freischaffenden Künstler, der Gastronomen, der Kultur- und Sportvereine, die unser Zusammenleben außerhalb unserer vier Wände bisher bestimmt haben.

Was Corona nicht aus unserer Wahrnehmung verdrängen konnte, war die US-Präsidentenwahl. Zumindest kommt Donald Trump häufig in Ihrer Jahresauswahl vor.

Klar. Polarisierer sehen die Welt in Schwarz und Weiß, was schon an und für sich eine Übertreibung ist. Da muss man als Karikaturist gar nicht mehr viel zuspitzen.

Warum widmen Sie sich Trump mit so viel Hingabe?

Hingabe?

Zumindest wirkt er in Ihren Zeichnungen manchmal recht niedlich. Ein netter, verstörter Junge...

Ich würde sagen, er ist ein stattlicher, großer weißer Mann, der sich gut verkauft. Ohne seine aggressive Föhn-Frisur wäre er unter Karikaturisten nur die Hälfte wert. Die Tolle erinnert mich an Elvis. Scheinbar ist Trump auch in der Zeit von Elvis Presley steckengeblieben.

Ein Rock’n’Roll-Star der US-Politik?

Jedenfalls bewegt er sich bei seinen Tanzeinlagen nicht ungeschickt. Da kommt, in etwas gedämpfter Form, der Elvis durch.

Ich habe das Gefühl, Donald Trump ist eine Ihrer Lieblingsfiguren?

Auch wenn ich ihn nicht ausstehen kann, als Zeichner fände ich es schade, wenn er verschwände. Aber er bleibt uns ja noch eine Weile erhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Mensch mit diesem Geltungsdrang auf sein Altenteil zurückzieht.

Wir wollen Trump nicht verharmlosen. Er hat sich seine Geltung auch durch permanentes Lügen verschafft.

Öffentlichkeit erzeugst du heute eben nicht durch ein gut gebügeltes Hemd und korrekte Statements, sondern durch Frechheiten, die du dir herausnimmst und von dir gibst. Ich fürchte, auch ein abgewählter Präsident Trump wird nicht damit aufhören, Störfeuer zu twittern.

Was sagen Sie zu den „Einwürfen“ des Kolumnisten Bodo Baake?

Ich mag seinen Wortwitz und diesen spielerischen Umgang mit der Sprache. Wenn ich seine Texte lese, spüre ich zwischen uns so etwas wie Seelenverwandtschaft.

Nel 2020 – Der Jahresrückblick. Mit Einwürfen von Bodo Baake, Klartext-Verlag, Essen, 128 Seiten, 16,95 Euro. Erhältlich in allen Servicecentern Ihrer Tageszeitung, unter Tel. 0361/2275859 und www.lesershop-thueringen.de.