Neugier ohne Ende und Augen für einen Eisbären

Stadtschreiberin: Birgit Ebbert lebt normalerweise im Ruhrgebiet. In diesem Jahr erkundet sie Gotha und will ihre Zeit nicht mit Negativem vertun.

Birgit Ebbert ist Kurd-Laßwitz-Stipendiatin der Stadt Gotha im Jahr 2019.

Foto: Claudia Klinger

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„Sei nicht so neugierig“, war der Satz, den ich als Kind vermutlich am häufigsten zu hören bekam. Nicht auf Hochdeutsch, sondern im Plattdeutsch meiner Heimatstadt im Münsterland. Den Dialekt habe ich im Laufe meines Lebens zwischen Borken und Hagen verloren, die Neugier ist geblieben.

Sie ist es, die mich als Stadtschreiberin nach Gotha geführt hat. Nach einem kurzen Arbeitsaufenthalt im Schwarzwälder Schnee und dem Abschluss meines Studiums in Münster und Bonn habe ich zehn Jahre in Württemberg gelebt, zehn Jahre in Bochum und zehn Jahre in Hagen. Im letzten Jahr hatte ich das Gefühl, dass meine Neugier neues Futter brauchte. Von Hagen wollte ich mich aber nicht trennen, also habe ich ein Stipendium gesucht, das mir ermöglicht, eine neue Region, ihre Menschen und Traditionen kennenzulernen. So habe ich mich um das Kurd-Laßwitz-Stipendium der Stadt Gotha beworben. Da bin ich nun als Stipendiatin und Stadtschreiberin der Stadt Gotha im Jahr 2019!

Schlüssel für Wohnung im Brühl

Seit ich offiziell die Urkunde als Stadtschreiberin vom Oberbürgermeister bekommen habe und mir der Schlüssel für die Wohnung im Brühl übergeben wurde, war ich immer mal wieder ein paar Tage in Gotha. So habe ich schon einige Menschen aus der Stadt getroffen. Dann wurde ich oft gefragt, was eine Stadtschreiberin eigentlich macht. Das Stipendium ist wirklich mit ein paar Aufgaben verbunden: Ich werde ein Kinderbuch schreiben, regelmäßig über meine Erlebnisse in den Lokalzeitungen berichten, Lesungen und Workshops durchführen. Aber vor allem, denke ich, will ich als Stadtschreiberin die Stadt sehen lernen und lehren. Ja, genau, die Stadt betrachten und meine Entdeckungen weitergeben.

Ich beobachte die Stadt mit der Neugier, die meine Eltern in den 1960er-Jahren angestrengt hat. Ich schaue, höre, rieche und schmecke mit dem Blick einer Fremden und stelle Fragen über Fragen. Aber indem ich die Fragen stelle, erinnere ich hoffentlich Sie, die Menschen in Gotha, daran, welche spannenden Schätze es in Ihrer Stadt gibt. Das ist es, was für mich die Aufgabe einer Stadtschreiberin ausmacht. Zum ersten Mal habe ich das erlebt, als ich vor gut fünf Jahren in Albstadt als Albschreiberin war. In zwei Wochen wollte ich möglichst viel von der Stadt sehen und kam mir vor wie im Paradies, weil mir jeder Antworten gab und ich oft hinter die Kulissen schauen durfte. Das hat mich nicht nur schlauer über Albstadt gemacht, sondern auch neugierig auf meine Heimatstadt und meinen Wohnort.

Eisbär-Graffiti am Hauptmarkt

Manche Menschen in Hagen sagen, ich hätte sie mit meiner Neugier erst auf Besonderheiten in der Stadt aufmerksam gemacht. Wenn manche Gothaer das am Ende des Jahres auch sagen könnten, würde ich mich freuen. Einen Vorgeschmack hatte ich bei einem der ersten Gespräche in Gotha. Ich schwärmte von der alten und neuen Fassadenkunst, den schönen Hauszeichen und dem interessanten Eisbär-Graffiti am Hauptmarkt. Fragen Sie sich auch, wo denn am Hauptmarkt ein Eisbär-Graffiti ist? Schauen Sie beim nächsten Einkauf genau hin. Sicher sind Sie alle schon daran vorbeigegangen, in ihrem Heimat-, Wohn- oder Arbeitsort. In der Fremde sieht man eben anders. Und wundern Sie sich nicht, wenn ich mich auf die schönen Dinge des Lebens und der Stadt konzentriere. Negative Dinge gibt es überall, ich finde die Zeit zu schade, um sich damit zu beschäftigen und sammele stattdessen lieber Tag für Tag große und kleine Freuden und Begegnungen, vielleicht demnächst auch mit Ihnen.

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