Nordhausens verborgener Schatz

Die Stadt besitzt eine Sammlung kostbarer Bücher, die bisher so gut wie unbekannt ist. Die Werke schlummerten Jahrzehnte im Stadtarchiv. Die historische Bibliothek dürfte die Öffentlichkeit erstaunen, gibt sie doch Zeugnis von frühester Wissenschaft.

Ein Holzschnitt aus Leonhard Fronspergers "Kriegs Buch". Foto: Peter Kuhlbrodt

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Nordhausen. Es muss zwar leider davon ausgegangen werden, dass insbesondere durch die Wirren des letzten Krieges nicht wenige der historischen Bücher vernichtet wurden oder in fremde Hände gelangt sind.

Dennoch ist das, was noch vorhanden ist, mehr als beachtenswert. Von den erfassten Titeln entfallen etwa 180 auf das 16. Jahrhundert, 170 auf das 17. und 515 auf das 18. Jahrhundert. Jedoch befinden sich nicht selten mehrere Titel in einem Band.

Die ältesten Exemplare sind ein halbes Jahrtausend alt und stammen als sogenannte Postinkunabeln aus der Frühzeit des Buchdruckes. Darunter befinden sich Meisterwerke der Buchdruckerkunst und Einbandgestaltung der Renaissance aus den Druckereien des Aldus Manutius oder Louis Elsevier. Manche Bände sind gebunden in mit Pergament bezogene Holzdeckeln, mit kunstvollen Initialbuchstaben und Holzschnitten verziert und versehen mit fein gearbeiteten Schließen, aus Kupfer zusammengehalten.

Werke bedeutendster Gelehrter

Aber auch das Barockzeitalter ist mit prächtigen Ledereinbänden, Kupferstichen und Goldprägungen vertreten. Die Gymnasialbibliothek ist in den folgenden Jahrhunderten auf allen Wissensgebieten erweitert worden. Untersucht man die einzelnen Titel genauer, so wird man respektvoll anerkennen müssen, dass sich darunter die bedeutendsten Werke der europäischen Gelehrtenwelt befinden: die größten und wichtigsten Lexika, die geschichtsphilosophischen Werke eines Francis Bacon, Hugo Grotius, eines Descartes, Thomas Hobbes, Pierre Bayle oder Montesquieu, bedeutende Arbeiten zur Geschichte der europäischen Staaten, zur Mathematik, Astronomie, Botanik und Medizin.

Die ältesten Exemplare sind vom Begründer der Stadt- und Lateinschule, Johannes Spangenberg, und den ersten Rektoren, Lehrern und Schülern angekauft, benutzt oder selbst verfasst worden. Diese Bücher sollten die Schüler lehren, die lateinische, griechische, ja sogar die hebräische Sprache immer besser zu beherrschen, um auf das Studium vorzubereiten.

Die Werke vermittelten Literatur, Philosophie, Geschichte, Geographie und Naturkunde der klassischen Antike, die neuen Ideen des europäischen Humanismus und die theologischen Grundsätze der Wittenberger Reformation.

Aber auch Bücher der ehemaligen Ratsbibliothek sind erhalten geblieben, vor allem juristische Werke und Schriften der großen Reformatoren, die vom Bekenntnis des Rates zu den Lehren Luthers und seiner Mitstreiter Zeugnis ablegen.

Charakteristisch für eine ehemaligen Gymnasialbibliothek sind frühe Drucke der antiken Autoren, Dichter, Rhetoriker, Philosophen, Geographen, Ärzte und Geschichtsschreiber, die hier nicht namentlich aufgeführt werden können. Hergestellt wurden die Bücher in den führenden Druckereien Europas – Venedig, Leiden, Paris, Basel, Frankfurt am Main oder Wittenberg.

Von den mathematischen Werken sollen hier nur Jacob Kölbels Rechenbuch auf Linien und Ziffern (1531) und das Rechenbuch auf Linien und Ziffern von Adam Ries, dem bedeutendsten Rechenmeister des 16. Jahrhunderts, von 1558 erwähnt werden.

Frühe Standardwerke aller Disziplinen

Das wohl bekannteste Astronomie-Lehrbuch des Mittelalters, "Libellus de Sphaera", von Johannes de Sacrobosco, ist in einer Wittenberger Ausgabe von 1545 vorhanden; ebenso Erasmus Reinholds "Theoricae Novae Planetarum". Der Astronom und Mathematiker war einer der ersten Verfechter des kopernikanischen Weltbildes.

Die Medizin ist nicht nur durch Hippocrates und Celsus vertreten, sondern auch durch die frühneuzeitlichen Ärzte Quintus Apollinaris und Tarquinius Schnellenberg oder Valentin Kreutermanns Büchlein "Curieuser und vernünftiger Urin-Arzt" von 1738.

Besonders selten sind auch zwei Bücher, die über die Anfänge des europäischen Sports informieren. Hieronymus Mercurialis’ (1530-1606) "De Arte Gymnastica Libri VI" berichtet in sechs Bücher von der Kunst der Gymnastik. Es gilt als erstes illustriertes Buch zum Thema Sport überhaupt, als früheste Quelle zum Sport in der Antike und seiner Weiterentwicklung.

Zu erwähnen sind auch die Tierbücher des Albertus Magnus (1545) und Michael Herr (1546) mit schönen Holzschnitten oder Athanasius Kirchers großes Werk "China monumentis" (1667), eine Enzyklopädie über das Kaiserreich China mit vielen Kupferstichen.

Mit einer bibliographischen Erfassung dieser Bücher wurde ein erster Schritt getan, um sie in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu rücken, sie vor weiteren Verlusten zu schützen und den teils erschreckenden Zustand vieler Bücher durch eine schrittweise vorzunehmende Restaurierung zu verbessern.

Die Errichtung der neuen Stadtbibliothek kann neue Möglichkeiten einer besseren Aufbewahrung, Sicherung und Erhaltung eröffnen.

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