Parole des Weimarer Kulturforums: „Kein Verpissertum zulassen!“

Weimar  „Was tun?!“ forderte ein Weimarer Kulturforum im DNT. Man diskutierte über Beiträge von Kunst und Kultur für eine offene Gesellschaft.

Debatte mit(v.l.) der Katarzyna Wielga-Skolimowska, Moderatorin Tina Mendelsohn, Außenminister Sigmar Gabriel, Lanna Idriss und Intendant Hasko Weber.

Debatte mit(v.l.) der Katarzyna Wielga-Skolimowska, Moderatorin Tina Mendelsohn, Außenminister Sigmar Gabriel, Lanna Idriss und Intendant Hasko Weber.

Foto: Thomas Müller

Kein Wundenlecken, kein Auf-die-Schulter-Klopfen, kein typischer Kulturkongress: Über ein Ausschlussverfahren stellte sich Martin Roth vor, was und wie das werden sollte in Weimar. Er forderte Kultur und Wissenschaft auf zum Widerstand: „nicht nur gegen rechtsradikale Horden, auch gegen die, die Zerstörungswut bei G20 gezeigt haben.“ Gegen nationalistische Tendenzen.

Der Brexit, den er als Niederlage empfand, wurde sein Weckruf. Roth gab seinen Job als Direktor des Victoria und Albert Museums in London auf, sah sich in Deutschland von AfD und Pegida zum Handeln herausgefordert und engagierte sich in der, von der Allianz-Kulturstiftung finanzierten Initiative „Die offene Gesellschaft“. Die lud nun mit dem Kunstfest zum Kulturforum „Was tun?!“.

Roth schrieb am 9. Juli die Eröffnungsrede. Vier Wochen, bevor er sie halten sollte, starb er.

So ist aus der Rede ein Vermächtnis geworden, nicht nur für diese vier im doppelten Sinne erschöpfenden Stunden im DNT. Mascha Roth, die Tochter, trug sie dort vor.

Martin Roth warf Kultur und Wissenschaft vor, sich kaum zu brennenden Zukunftsfragen zu positionieren. „Die Parole muss lauten“, so Roth, „und ich drücke es drastisch aus: Kein Verpissertum zulassen!“

Einen Referenzpunkt für das, was andernfalls droht, hat Polen geliefert. Als Kronzeugin tritt Katarzyna Wielga-Skolimowska auf. Sie leitete das Polnische Institut in Berlin, bis die ultrarechte Regierung Warschaus sie im Dezember 2016 wegen „übermäßiger Beschäftigung mit polnisch-jüdischen Themen“ entließ.

Wielga-Skolimowska, eine von insgesamt einem Dutzend Diskutanten in drei Runden, warnt in Weimar: Es kommt die Zeit, wo kulturelle Institutionen aus politischen Gründen angegriffen werden. „Aus polnischer Erfahrung kann ich Ihnen sagen: Es geht blitzschnell!“

DNT-Intendant Hasko Weber untermauert das in nämlicher Runde: mit einem Vorgang in Potsdam. Dort forderte die AfD-Fraktion das Hans-Otto-Theater auf, sein Programm „zu überdenken“; denn das dokumentarische Stück „Illegale Helfer“ feiere „Gesetzesbrecher“. Hasko Weber begibt sich auf der Bühne in eine Kontroverse mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD), der vom Wahlkampf ins Theater eilte, um zu erklären, dass die „offene Gesellschaft“ mal ein politischer Begriff der sozialliberalen Ära war, als Frauen noch ihre Ehemänner fragen mussten, ob sie arbeiten gehen dürfen und Homosexualität unter Strafe stand. Seitdem habe sich die Gesellschaft zu mehr Liberalität und Offenheit entwickelt, die jetzt unter Druck stünden. „Aber irgendwie finde ich es doch erstaunlich, wie das Land trotz dieser enormen Herausforderung (er meinte die Flüchtlinge) seine Balance hält.“

Hasko Weber aber teilt die Erfahrung mit, dass er Stuttgart 2013 nach elf Jahren Intendanz gen Weimar verließ, während die AfD inzwischen mit 15 Prozent in den Stuttgarter Landtag einzog. Das sah er nicht kommen. „Da habe ich gepennt.“

Seine Erkenntnis: besser hinhören. „Die Gesellschaft lässt viel zu wenig Extrempositionen zu.“ Sie lande daher „in der gemütlichen Mitte“.

Gabriel, der in Dresden Anhängern und Gegnern von Pegida zugehört hatte, ist das zu indifferent. „Es gibt in diesem Land keine absolute Meinungsfreiheit!“ Man müsse klar machen, wo die Grenzen sind. Dass wir eine doppelte Integrationsaufgabe haben, sei aber richtig.

Als wäre er zum Lackmustest bestellt, tritt ein Mann aus dem Publikum mit einer Extremposition auf: Hier werde mit Verbrechern diskutiert, weil die Bundesregierung völkerrechtswidrige Auslandseinsätze vom Kosovo bis nach Syrien befehle. Mit ihm, der Frust loswerden wollte, war schlecht zu reden.

Das erinnert Lanna Idriss ungut an eine Positionierung. Die Frankfurter Bankdirektorin, die sich in Flüchtlingsprojekten in Syrien, im Libanon, in der Türkei, in Jordanien, im Irak und Deutschland engagiert, hatte sich der Debatte mit dem Vertriebenenverband gestellt. Dort beschwerte man sich demnach, dass Flüchtlinge heute besser behandelt würden als deutsche aus den Ostgebieten 1945. „Ich wurde niedergeschrien“, so Idriss. „Seitdem wackle ich und weiß nicht, ob ich es noch mal kann.“

Auch eine offene Gesellschaft kann wohl keine grenzenlose sein. Wie sehr man anderen Positionen eine Tür aufmachen kann, fragt sich der Filmemacher Jakob Preuss: „Auch in dieser Veranstaltung habe ich das Gefühl, wir sind ein bisschen unter uns.“

Der Stuttgarter Schauspielintendant Armin Petras, Webers Nachfolger, übersetzt das in eine satte Gesellschaft, die unpolitisch sei und sich nur für Ökonomie und Kultur interessiere, Letzteres auch nur im Sinn von Trend- und Tourismusmarketing. Appelle finde er aber unsinnig: „Wir müssen gar nichts!“

Schauspielerin Katja Riemann, seit 20 Jahren Unicef-Botschafterin, besteht auf jedes Einzelnen „Verantwortung für sein eigenes Leben in einer demokratischen Gesellschaft.“ Kunst müsse zwar nicht politisch sein. „Ob man als Künstler ein politisches Bewusstsein haben muss, ist aber eine ganz andere Frage.“

Es kommt in Weimar alles auf den Tisch, auf dem der Themenberg wächst und wächst – und am Ende liegen bleibt, weil alle erschöpft kapituliert haben. Eine Verabredung zum Handeln findet nicht statt. Das Kulturforum ist einstweilen grandios gescheitert. Rettung finden wir bei Katja Riemann, die allen Widerständen zum Trotz seit Jahr und Tag den Auftrag empfindet, nicht aufzuhören.