Preis der deutschen Theaterverlage in Gera an Theater & Philharmonie Thüringen verliehen

Die Jury lobt die über Jahre hinweg konsequent umgesetzte Spielplanpolitik.Die Preisverleihung war am Sonntag im Rahmen der Wiederaufnahme der Oper Oedipe.

Szenenfoto aus der Lyrischen Tragödie Oedipe von George Enescu: Timo Rößner (Laios, König von Theben mit dem eben geborenen Oedipe auf dem Arm), hinter ihm Ulrich Burdack (Hohepriester), Frank Ernst (Ein Hirte), rechts knieend Damen und Herren des Opernchors.

Szenenfoto aus der Lyrischen Tragödie Oedipe von George Enescu: Timo Rößner (Laios, König von Theben mit dem eben geborenen Oedipe auf dem Arm), hinter ihm Ulrich Burdack (Hohepriester), Frank Ernst (Ein Hirte), rechts knieend Damen und Herren des Opernchors.

Foto: Ronny Ristok

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Herr Kuntze, Ihnen wurde am Sonntag der Preis der deutschen Theaterverlage zugesprochen, der jährlich wechselnd an ein Schauspiel- oder Opernhaus im deutschsprachigen Raum geht. Können Sie den Stellenwert dieses Theaterpreises in der Vielzahl anderer erläutern?

Von einer Jury als preiswürdig eingestuft zu werden, setzt zunächst einmal voraus, von dieser wahrgenommen zu werden. Theater, die in Regionen stehen, in denen viele Theaterkritiker zu Hause sind, haben bei auf Kritikervoten basierenden Preisen einen deutlichen Standortvorteil gegenüber Regionen mit geringerer „Kritikerdichte“, wie zum Beispiel in Thüringen. Man kann das gut zum Beispiel beim Berliner Theatertreffen beobachten, wo eigentlich immer nur Produktionen aus den Metropolen eingeladen werden. Einen sehr umfassenden Blick über sämtliche Spielpläne haben hingegen die Theaterverlage, bei denen ja alle Theater gleichermaßen die Stücke „bestellen“. Darum würde ich sagen, ist dieser Preis besonders hoch zu bewerten und für uns nach dem Theaterpreis des Bundes 2017 eine große Anerkennung.

Die Jury begründet ihre Entscheidung mit Ihrer über Jahre hinweg konsequent umgesetzten Spielplanpolitik, die einer Verengung des Repertoires auf vermeintlich publikumswirksame Titel entgegenarbeite. Das ist eine schwierige Gratwanderung, denn ein Theater sollte ja immer auch sein Haus voll bekommen. Wie haben Sie das geschafft?

Das ist doch kein Widerspruch! Woher kommt eigentlich diese scheinbare Gewissheit, die Theaterbesucher seien nicht genauso neugierig wie die Theatermacher? Ich denke eher, dass wir da Komplizen sind. Es ist längst nicht so, dass bei Repertoire-Werken automatisch das Theater voll und bei Ausgrabungen leer ist. Man kann zwar einen Genre-Trend beim Musical feststellen, das seit 20 Jahren an den Deutschen Theatern boomt, aber auch da können Produktionen floppen. Und sicher geht „Die Zauberflöte“ irgendwie immer. Das sollte man allerdings auch von „La Boheme“ denken, die bei uns aber schlechter besucht war, als die Opernausgrabung „Rübezahl“ – nur, um nur ein Gegenbeispiel zu nennen. Letztlich geht es um Vertrauen in die Qualität. Und gerade, wenn man offen ist für Unbekanntes, gibt es besonders viel zu entdecken. Nach einer Vorstellung von „Masepa“, einer völlig unbekannten Oper von Tschaikowsky, sprachen mich zwei Zuschauerinnen an mit den Worten: „Eigentlich gehen wir nicht gerne in Opern, in denen es um Krieg und Gewalt geht, aber wir kannten das Stück nicht und als wir gelesen hatten, dass Sie es inszenieren, wollten wir es unbedingt sehen und sind nun begeistert und tief bewegt von der Aufführung“. So sehr ich mich auch über den Preis freue, so freuen mich solche Reaktionen doch fast noch mehr.

Welche Ansprüche hat generell die Theaterleitung beim Erstellen des Spielplans?

Relevanz und Identifikation – im Dreieck von Kunst, Bildung und Sozialem. Wir haben die große Chance, mit den vielen Sparten unseres Theater eine Kraft zu entfalten, die keiner der künstlerischen Einzeldisziplinen alleine möglich wäre. Wir nähern uns darum Themen, die von gesellschaftlicher, regionaler oder kultureller Relevanz sind, dialektisch von verschiedenen Seiten, mit den verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. In dem Zusammenwirken von Spartenleitern und Dramaturgie entstehen so ganze Aufführungs-Zyklen, die sich ergänzen, befruchten und kommentieren. Aktuell etwa gibt es beispielsweise die Spielplan-Reihe „Wider das Vergesse“ mit Stücken, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Nationalsozialismus beschäftigen.

Ein Schwerpunkt liegt ja auf der Beschäftigung mit Komponisten des 20. Jahrhunderts, denen aufgrund politischer Gründe der große Erfolg versagt blieb.

Natürlich schwingt da etwas von dem Versuch einer Wiedergutmachung an den Werken mit, die nicht etwa aufgrund mangelhafter Güte, sondern lediglich aufgrund von Herkunft oder politischer Ausrichtung ihrer Autoren den Sprung über die historische Schwelle nicht schaffen konnten. Durch die NS-Zeit ist einer ganzen Komponisten-Generation versagt geblieben, künstlerische Wirkung zu entfalten. Viele Komponisten hatten nur ein kurzes Leben und dennoch gibt es hier nach wie vor einiges zu entdecken. Es sind übrigens häufig auch Werke, die uns mit ihrem post-romantischen Gestus sehr liegen.

In diesem Zusammenhang standen in Gera und Altenburg zahlreiche Werke Weinbergers, Haas‘, Braunfels‘, Sommers und anderen auf dem Spielplan. Da lässt sich ja nie vorhersehen, wie das ankommt?

Wie etwas ankommt, kann man am Theater zum Glück nie vorhersagen. Jede Neu-Produktion ist eine Nachtwanderung, bei der man nicht weiß, ob man das Ziel erreicht, sich unterwegs verläuft oder gar abstürzt. Erst- und Uraufführungen sind allerdings Nachtwanderungen ohne Taschenlampe in unbekanntem Gelände. Letztlich sind diese gemeinsamen Entdeckungsreisen aber gerade deshalb so spannend. Es gibt keinerlei „Vorbelastungen“, keine ausgeschrittenen Wege, weder beim Zuschauer noch bei uns. Bei bekannten Werken entsteht die Werk-Kenntnis in der Regel aus dem Eindruck des Erstkontaktes durch eine beliebige Aufführung. In der Regel ist das eine positive Prägung, weil man interessiert, offen und neugierig auf den Theaterabend war. An diesem Ersteindruck muss sich dann jede weiter Aufführung messen lassen, was häufig Frustrationen auslöst. Das führt zu dem immer wieder zu beobachtendem Effekt, das der Kenner und über diese moderne Inszenierung Verärgerte neben dem überwältigten und begeisterten Erstkontaktler sitzt. Bei einer Erstaufführung ist dieser Effekt ausgeschlossen.

Wie experimentierfreudig ist denn das Geraer und Altenburger Publikum?

Dieser Preis richtet sich zwar an die Spielplangestaltung des Musiktheaters ist aber in viel größerem Kontext zu bewerten. Gäbe es nicht die fantastischen Arbeiten und Möglichkeiten der vielen Sparten unseres Theater, könnten wir gar nicht solche Wirkung entfalten. Und würde unser Publikum diesen Weg nicht mitgehen, wären wir auch nicht so weit gekommen. Für mich ist es darum auch ein Preis, der sich an unser aufgeschlossenes Publikum wendet, das von Jahr zu Jahr zahlreicher in unsere Vorstellungen geht. Der Preis geht übrigen überhaupt erst das zweite mal an ein Theater in den neuen Bundesländern – nach der Oper Chemnitz 2010 – und ist für mich auch eine Auszeichnung für das begeisterungsfähige Publikum in Ostthüringen.

Die Kooperation mit Deutschlandfunk sorgt für eine noch größere Reichweite und Aufmerksamkeit. Wird dieser Weg so auch künftig fortgeführt?

Unbedingt! Wir sind sehr dankbar über das Interesse von Deutschlandfunk an unserer Arbeit. Am 14.Februar wird übrigens unser 4. Philharmonische Konzert übertragen. Mit Stefan Lang von Deutschlandfunk sind wir bereits über Projekte der nächsten Spielzeit in engem Kontakt.

Haben Sie noch ein paar Geheimtipps für 2019 auf dem Spielplan, die Sie Ihrem Publikum ans Herz legen wollen?

Ein „must-do“ ist Enescus Monumental-Oper „Oedipe“. Miecyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“: Ein bedeutendes, wichtiges, ja notwendiges Werk, das erst vor wenigen Jahren uraufgeführt wurde. Die Uraufführung der Schauspiel-Satire „Als der Herzog über den Herzog herzog“, das Ballett „Forever Lennon“, die Puppentheater-Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ und das Open-Air-Konzert mit französischen Chansons. Und natürlich alle anderen Konzerte und Premieren, die wir in dieser Spielzeit noch herausbringen! Über die Spielzeit 19/20 kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass sie ganz im Zeichen der sanierungsbedingten Schließung unseres Altenburger Theaters steht. Ab Sommer wird dort Theater im Zelt zu erleben sein und wenn die Zuschauer auch hier genauso neugierig sind, wie wir.

Theatertipps zum Wochenende 9. bis 10. Februar in Altenburg und Gera

Erneut über 150.000 Theater-Besucher

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