Unbehaustes aus dem Bauhaus: Was einen Comic mit einer Spurensuche in Russland verbindet

Weimar  Der Erfurter Erich Borchert, im Gulag umgekommen, ist Bindeglied zwischen grafischen Geschichten und deutsch-russischer Geschichte.

Szene aus „Nicht hier, nicht dort“ von Daniela Danz und Carsten Weitzmann, im Band „Bauhaus Graphic Shorts“.

Szene aus „Nicht hier, nicht dort“ von Daniela Danz und Carsten Weitzmann, im Band „Bauhaus Graphic Shorts“.

Foto: Literarische Gesellschaft

„Wo soll ich denn hin“, fragt Erich Borchert, 1937 in Moskau, in dieser grafischen Geschichte . „Nach Erfurt kann ich nicht zurück, da hat sich die Gestapo schon nach mir erkundigt.“ Sieben Jahre und acht Bilder später vollendet sich sein Schicksal: „Es gab zu seiner Zeit keinen Platz für einen wie ihn, einen deutschen Kommunisten, einen Bauhauskünstler, nicht in Deutschland und nicht bei den Kommunisten.“

Autorin Daniela Danz, gebürtige Eisenacherin, in Kranichfeld lebend, hat’s so aufgeschrieben, Carsten Weitzmann aus Erfurt, in Gotha zu Hause, zeichnete die Schwarz-Weiß-Bilder. Sie sind eines von fünf Duos, die „Bauhaus Graphic Shorts“ lieferten, gezeichnete oder illustrierte Kurzgeschichten für den gleichnamigen Band, den Schriftsteller Stefan Petermann aus Weimar bei der Literarischen Gesellschaft Thüringen herausgab. Petermann selbst erzählt, mit Olivia Vieweg, am Ende vom Anfang: „Der Tag eine Eisscholle“ lässt einen jungen Mann aus alten Höllen des Krieges und der Großfamilie, ins Offene, Unbekannte, Neue gehen: zu Weimars „bunten Bauhütten“.

Mit einem Ende aber beginnt der Band: mit dem Erich Borcherts, geboren 1907 in Erfurt, umgekommen 1944 im Arbeitslager „KarLag“ in Karganda, kasachische Sowjetrepublik. In das neue Land, nach Moskau, war der Maler 1930 gegangen. Gerade erst schloss er am Bauhaus Dessau sein Studium der Wandmalerei bei Klee, Kandinsky und Feininger ab und erhielt eine Personalausstellung im Angermuseum Erfurt.

In Moskau arbeitete er als Farbgestalter im Städtebau, verliebte sich in die Malerin Sofja Matwejewa und bekam mit ihr eine Tochter: Erika.

Im vergangenen April sitzt diese Erika, eine Architektin, 84-jährig zu Hause im Rollstuhl und freut sich über Besuch aus Weimar. Die Gäste interessieren sich für ihren Vater, den sie als Sechsjährige zuletzt sah. Borchert, inzwischen ohne Stellung, meldete sich, nun Sowjetbürger, zur Roten Armee, durfte aber nur ins Baubataillon im Ural, wo er Kulturarbeiter und Kartenabreißer wurde.

Borchert-Ausstellung wird in Weimarer Galerie „Unartig“ eröffnet

Erika Kolchenko und ihr Sohn Ivan öffnen Familienalben und holen Bilder aus Borcherts Nachlass hervor, für die Weimarer. Die kommen von der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft und/oder vom deutsch-russischen Kunstverein Museion, den das aus St. Petersburg stammende Malerpaar Jury Romanov und Tamara Jeliaskova ins Leben rief. Beide Vereine brachten, gefördert vom Auswärtigen Amt, das Projekt „100 Jahre Bauhaus - Spuren und Zeugnisse in Russland“ auf den Weg. Sie reisen nun gleichsam den Architekten Philipp Tolziner und Konrad Püschel hinterher, die 1930 mit der Roten Bauhausbrigade um Hannes Meyer nach Moskau gingen, sowie Erich Borchert. Der Maler ist dabei unversehens zum Bindeglied zu den „Bauhaus Graphic Shorts“ geworden. Das Buch wird im Herbst in einer Borchert-Ausstellung präsentiert, die am 4. Oktober in der Weimarer Galerie „Unartig“ eröffnet und tags darauf von einem deutsch-russischen Symposium auch zu Tolziner und Püschel begleitet wird.

Originale wird man nicht zeigen können. Allein die Transportkosten übersteigen das Budget. Aus ähnlichen Gründen nehme auch das Angermuseum bislang Abstand, Borchert zu zeigen, berichtet die Projektbeteiligte Heidrun Sedlacik.

Allerdings hielt Kunsthistorikerin Astrid Volpert 2017 in einer Broschüre der Landeszentrale für politische Bildung fest: „Der Museumsdirektor in Borcherts Heimatstadt Erfurt hielt diesen ihm ,unbekannten Bauhäusler‘ kurzum für nicht ausstellbar.“ Das war demzufolge, nachdem das Moskauer Puschkin-Museum Borchert „vielbeachtet“ ausstellte und vier Bilder ankaufte; alle anderen sind in Familienbesitz.

Eine Welle stalinistischer Säuberungen spülte Borchert 1942 ins Gefängnis, verhaftet wegen angeblicher Sabotage und Verrat. Der „Feind des Volkes“ sollte erschossen werden, kam aber nach über einem Jahr ins KarLag. Zwanzig Jahre sollte er dort bleiben. Er überlebte nicht mal das erste. „Herzstillstand“, hieß es. Seine Frau Sofia erfuhr erst vier Jahre danach von der Verhaftung, vierzehn Jahre danach, dass er tot war. 1962 erreichte sie seine Rehabilitierung.

Bereits 1938 war Philipp Tolziner, der als Jude nicht zurück in die Heimat konnte, als „Spion“ verhaftet und ins Arbeitslager in Solikamsk gesteckt worden. Er überlebte es, weil ihn seine Aufseher als Architekten ihrer privaten Blockhäuser beschäftigten. Später wurde er in Solikamsk Chefrestaurator für sakrale historische Bauten. Mit 89 Jahren starb der Münchner 1996 in Moskau.

Ein Jahr später starb, im gleichen Alter, Konrad Püschel in Weimar. Kurz darauf erschienen seine Erinnerungen „Wege eines Bauhäuslers“. Museion bereitet für das Symposium im Herbst deren russische Übersetzung als Gastgeschenk vor.

Püschel floh 1937 den Stalinismus, geriet in Gestapo-Hände, wurde zur Wehrmacht einberufen, kam in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In Weimar wurde er Stadtplaner und Hochschullehrer. Die DDR-Regierung schickte ihn ins nordkoreanische Hamhung, zwecks Wiederaufbau. Erst Ende der 70er-Jahre wurde er Professor: als das Bauhaus plötzlich als Vorgriff sozialistisch-funktioneller Bauweise galt.

Zuvor kam es in Weimar offiziell nicht gut an, so wie seit 1919 schon. „Es gab gehörige Proteste aus dem erzkonservativen Lager“, hält Joshua Schößler in fiktiven Tagebuchaufzeichnungen eines Itten-Schülers namens Wolfgang Heresbach fest. Mit den Bildern Stefan Kowalczyks entwickelte er für die „Bauhaus Graphic Shorts“ zugleich eine ins Totalitäre weisende Lehre des Esoterikers und Rassisten Johannes Itten...

Was uns das Bauhaus heute auch sonst noch sein mag, es steckt offensichtlich voller unbekannter oder vergessener Geschichten, die eine alte Frage immer wieder neu aufwerfen: Wo soll ich denn hin?

  • „Die Fliege in der Zeit. Bauhaus Graphic Shorts“, Literarische Gesellschaft Thüringen, 17 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren:

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.