Publizist Georg Aescht: Sprachgrenzen überwinden

Leipzig  Der Übersetzer rumänischer Literatur ins Deutsche, verbindet mit der Leipziger Buchmesse manche Hoffnung. Im Interview erzählt er zudem, welche rumänischen Autoren man kennen sollte.

Der Übersetzer und Publizist Georg Aescht.

Der Übersetzer und Publizist Georg Aescht.

Foto: Geert Maciejewski

Georg Aescht, 65, stammt aus Siebenbürgen in Rumänien, lebt seit 1984 als Publizist in Bonn und gehört zu den profiliertesten Übersetzern rumänischer Literatur ins Deutsche. Neben philosophischen und kulturgeschichtlichen Sachbüchern hat er seit 1980 über zwanzig Romane und Gedichtsammlungen rumänischer Autoren für das Lesepublikum im deutschen Sprachraum erschlossen.

Auf der morgen beginnenden Leipziger Buchmesse (bis Sonntag) mit ihrem Schwerpunktland Rumänien wird Aescht einer der gefragtesten Vermittler und Moderatoren zwischen den beiden Kulturen sein. Wir sprachen mit ihm darüber.

Herr Aescht, Rumänien ist nach 1997 wieder Gastland auf der Leipziger Buchmesse und die jetzigen Hoffnungen, nämlich die rumänische Literatur und Kultur im deutschen Sprachraum bekannter zu machen, sind die gleichen wie vor über 20 Jahren. Hat sich denn nach 1997 nichts getan?

Da hat sich einiges getan, allerdings nur im literarischen Bereich. Wir, damit schließe ich die Literaturbewegten jenseits aller Sprachgrenzen ein, begrüßen das. Dabei müssen wir allerdings den Wermut mittrinken, der in Form von Sturzbächen aus den politischen Gewässern über uns hereinbricht. Rumänien ist das Land sowohl der Dichter als auch der korrupten Politiker. Die einen stehen im Konflikt zu den andern, und es ist eine schier unlösbare Aufgabe, Differenzen und Differenzierung in die westliche Wahrnehmung einzubringen. Wenn die von dort kommen, wo das Wort nicht gilt, was gilt denn deren Wort? Ihrem, der Dichter Wort, muss Geltung verschafft werden jenseits des begründeten Misstrauens gegenüber Wort und Tat jener anderen, die dort immer noch oder wieder das Sagen haben.

Hat es Rumänien hierzulande schwerer als andere osteuropäische Literaturen und Kulturen?

Schwer haben es alle. Die rumänischen Schriftsteller haben es nicht schwerer, allerdings gibt es ein spezielles Problem. Sie sprechen Französisch oder Englisch, aber zumeist nicht Deutsch und kommen deshalb in der auf live gepolten deutschen Medienlandschaft kaum zu Wort. Gravierender noch ist ein Meta-Problem, und das betrifft vor allem Erzähler: Sie leisten sich eine ins Essayistische ausufernde Langatmigkeit, die ein Leser in Kenntnis der Anspielungen nicht als langweilig empfindet – diesen Leser gibt es im deutschen Sprachraum allerdings kaum. Deshalb ist es für einen Übersetzer schwer, einem Verleger anhand eines Textfragments zu demonstrieren, dass ein Buch so viel Substanz transportiert, dass eine deutsche Veröffentlichung sich lohnen würde. Die rumänischen Schriftsteller stehen sich mit ihrem rumänisch geprägten Qualitätsanspruch selbst im Weg.

Wer verlegt überhaupt profiliert oder konsequent rumänische Literatur im deutschen Sprachraum?

Deutschsprachige Verlage haben sich lange Zeit der allgemeinen Ignoranz anbequemt. Der Ludwigsburger Pop Verlag ist da eine löbliche, wenngleich wenig beachtete Ausnahme. Die verlegerischen Dickschiffe reagieren kaum oder mit der ihnen eigenen Trägheit. Hanser und Suhrkamp, auch Ullstein haben einzelne Bücher herausgebracht, aber Abstand davon genommen, rumänische Literatur in ihrem Programm zu etablieren. Die Hanser-Tochter Zsolnay in Wien zeigt sich da eher offen und ist erquicklich produktiv, wie überhaupt in Österreich eine lebendige Aufmerksamkeit für alles gepflegt wird, was aus dem Südosten kommt. Es gibt auch in kleinen deutschen Häusern wie Matthes & Seitz in Berlin oder Wallstein in Göttingen die Bereitschaft, Europas Südosten heranzuholen.

Die in der DDR erfolgte Vermittlung der rumänischer Literatur durch den damaligen Verlag Volk und Welt soll beispielhaft gewesen sein. Stimmt dieser Eindruck?

In der Tat ist zwischen den einstigen Bruderländern auch kulturell kommuniziert worden. Je nach Professionalität derer, die da beteiligt waren, hat dieser Austausch auch zu beachtlichen Ergebnissen geführt. Diese Ergebnisse sind jedoch meines Wissens nicht aufgegriffen und fruchtbar gemacht worden.

Welche rumänischen Autoren sollte man kennen?

Die rumänischen Klassiker des 19. und 20. Jahrhunderts sind keine weltliterarisch sanktionierten Größen. Ihr spezifischer Reiz hält allerdings manche Überraschung bereit, gerade das Spezifikum aber ist eine Herausforderung für Übersetzer. An den volkstümlich doppelbödigen Erzähler Ion Creanga oder den rumänischen Nestroy Ion Luca Caragiale hat man sich deshalb nur hin und wieder herangewagt. Die Lyrik des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts ist, wie Lyrik überhaupt, ein Stiefkind übersetzerischer Vermittlung. Es gibt hier viel zu tun. Allerdings ist es schwer, Verlage unter der ständig sich verschärfenden wirtschaftlichen Anspannung dafür zu begeistern. Ernest Wichner hat eine mit deutschen und rumänischen öffentlichen Mittel geförderte Bibliothek der rumänischen Literatur nach dem Muster der von der Robert-Bosch-Stiftung getragenen polnischen und tschechischen Reihen angeregt, aber schon die Vorbereitungen gestalten sich schwierig.

Mitunter wird von den nach Deutschland eingewanderten rumäniendeutschen Autoren eine Mittlerrolle zwischen den Kulturen erwartet. Ist dieser Anspruch realistisch?

Deutsche Autoren aus Rumänien, die dort zumeist Brotberufe im Rücken hatten, stehen in Deutschland neuen Herausforderungen gegenüber. In der Mitte des Lebens sind diese nicht leicht zu meistern, und für eine Vermittlerrolle, wie man sich das ausmalen mag, bleibt kaum Kraft. Es gibt löbliche Aus­nahmen, von Elisabeth Axmann und Hans Bergel über Werner Söllner bis Ernest Wichner, Letzterer ein selbst­loser Matador. Sogar Paul Celan hat diesem Anliegen seinerzeit nicht gleichgültig gegenübergestanden, aber die Zeit ist um. In kapitalistisch-unternehmerische Termini gefasst: Die Personaldecke ist ausgedünnt, es besteht eine verschärfte Nachfrage nach freiwilligen Selbstausbeutern.

Mit welchen Übersetzungen sind Sie auf dem Markt, mit welchen neuen Arbeiten auf der Leipziger Buchmesse vertreten?

Es hat Jahre gedauert, ehe man uns glaubte, dass rumänische Literatur in den Programmen deutschsprachiger Verlage ihren Platz verdient. Mit Gellu Naum, Alexandru Vona und Mihail Sebastian habe ich selbst eher mühselig zu dieser Aufklärung beigetragen. Bücher von Norman Manea und zuletzt Gabriela Adamesteanu und Filip Florian haben einige Überzeugungskraft ent­faltet und werden das hoffentlich weiter tun. Gerhardt Csejka hat dazu beigetragen, dass Mircea Cartarescu, der den Thomas-Mann-Preis 2018 erhält, zu einem europäischen Autor wurde. Gar manche Hoffnung setzen wir alle, die rumänischen Autoren und ihre deutschsprachigen Vermittler, in die diesjährige Leipziger Buchmesse. Ich bin an zwei Anthologien beteiligt und mache mit Traian Pops gleichnamigem Verlag eine Gedichtsammlung von Emil Hurezeanu und mit Lojze Wiesers ebenfalls gleichnamigem Verlag den Roman „Die Begegnung“ von Gabriela Adamesteanu. Mitstreiter wie Alexandru Bulucz, Jan Cornelius und Ernest Wichner sowie jüngere tun nach Kräften mit. Wir alle aber sind uns der Einsicht inne, die nicht nur in der DDR galt: Die Partei hat uns nichts versprochen, und das wird sie auch halten.