Puppentheater auf dem Puppentheater: Spiel um Existenz und Realitäten in Erfurt

Erfurt  „Die Liebe der kleinen Mouche“ inszeniert Ulrike Quade im Erfurter Waidspeicher als ein Spiel um Existenz und Realitäten

Tomas Mielentz als Puppenspieler Michel mit dem von Steffi König geführten Mädchen Mouche und seinen Handpuppen.

Tomas Mielentz als Puppenspieler Michel mit dem von Steffi König geführten Mädchen Mouche und seinen Handpuppen.

Foto: Lutz Edelhoff

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„An einem Tag im Frühling war ein junges Mädchen in Paris drauf und dran, sich in die Seine zu stürzen, ein schmächtiges, unbeholfenes Ding mit breitem Mund und kurz geschnittenem schwarzen Haar.“ So begann der aus New York stammende Schriftsteller Paul Gallico vor über sechzig Jahren seine Meisterzählung „Love of seven dolls“, hierzulande als „Die Liebe der kleinen Mouche“ veröffentlicht.

Das Stück, das Susanne Koschig und Ulrike Quade daraus destillierten, beginnt ein wenig anders. Ein Mädchen mit langem rotem Haar hat den Sprung offenbar gewagt. Steffi König, Karoline Vogel und Heinrich Bennke lassen Ulrike Langenbeins in der Tat mädchengroße Ganzkörperpuppe mit vielen Drehungen in der Luft schweben, als gleite sie durchs Wasser. Sie vollführen mit ihr einen poetischen Totentanz.

Marelle aus der Bretagne, die alle nur die kleine Mouche (Fliege) nennen, ist in Paris untergegangen: zuerst in den Halbwelten von Varieté und Jahrmarkt, dann in der Seine.

Aber ist das schon der Untergang?

Woher der Ruf, der eine erste Wendung bringt, erschallt und wohin er sie lockt, weiß niemand so genau: Geht es zurück ins pralle Leben oder ist der Untergang ein Übergang in eine andere Wirklichkeit?

Regisseurin Ulrike Quade, die mit ihrer Amsterdamer Company auch als Koproduzentin dieser Arbeit am Theater Waidspeicher auftritt, setzt an diesem Abend entschieden aufs Unentschiedene, aufs Mehrdeutige. Sie hält die Erzählung viel stärker als der Autor selbst: in der Schwebe.

Sieben geliebte Puppen und ein verhasster Puppenspieler

Gallico hatte zunächst eine Menschenfeind-Erzählung über einen Puppenspieler verfasst („The Man Who Hated People“), aus der Hollywood einen Film mit Mel Ferrer und Leslie Caron machte. Erst danach wurde Literatur von Rang daraus.

Geblieben ist die durch – letztlich sieben – Handpuppen vermittelte Begegnung einer reinen Unschuld mit vollendeter Niedertracht, die den Betrachter ganz unmittelbar trifft. „Er“, heißt es am Ende des Buches über den Puppenspieler Michel, „der nur das Böse und die Verderbtheit liebte, war von dem Guten in seinen eigenen Geschöpfen bestochen worden. Die sieben Puppen seiner wahren Natur waren seine Herren und er ihr Opfer geworden. Zu leben vermochte er nur durch sie, verborgen hinter dem Vorhang seiner Bude.“

Ulrike Quade aber zieht ihn Stück für Stück hervor. Wenn Tomas Mielentz als Michel alias Capitaine Coq die erste Puppe führt, erahnt man ihn schemenhaft hinter der ersten zweier hintereinander gehängter, latent transparenter Wände mit Spielfenstern. Auf Kobold Rotkopf, den Chef der Holzköpfe, die Florian Schmigalle lustig grobschlächtig schuf, folgt der Rest der Familie: der Fuchs Monsieur Reynardo, der Pinguin Dr. Duclos, die Concierge Madame Muskat, der Spielzeugmacher Monsieur Nicolas, das Puppenmädchen Gigi und der Riese Alifanfaron.

Sie alle ziehen Mouche in ihren Bann und eröffnen ihr eine neue eigene Welt, als führten sie ein Eigenleben. Mouche wird Mitglied und Star der Truppe, hin- und hergerissen zwischen den geliebten Puppen und dem verhassten Puppenspieler.

Der verändert kaum die Stimme, wechselt er von einer Figur in die nächste; er bleibt bei Mielentz akustisch erkennbar als der Mann, der ihnen Geist einhaucht. Und sichtbar als Spieler mit einer Puppe auf der Hand, wird er, anders als bei Gallico, irgendwann auch für Mouche. Das verschärft die Hassliebe, die den Raum füllt, und spitzt die Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen zu.

Der Stoff taugt zum seltenen und nicht unkomplizierten Vorgang von Puppentheater auf dem Puppentheater: wo Handpuppen nicht nur vorkommen, sondern solche darstellen. Damit berührt der Abend facettenreich grundlegende Existenz- und Realitätsfragen – und er macht den Menschen jenseits allen Spielens zum Schatten seiner selbst. Allerdings, das ist eine kleine Falle der Form, dürfte die Begegnung eines Menschenmädchens mit den Puppen das berührendere Ereignis sein.

Aus diesem eine Puppe zu machen, dafür spricht gleichwohl das sehr besondere Wesen dieser Mouche: hier schon formal eine Einzelgängerin. Steffi König, die ihr eine zarte Stimme der Behutsamkeit leiht, und Karoline Vogel führen sie bewegungsgenau und mit großer Dynamik.

Behutsam bringt Quade in diesem Puppentheater für Leute ab 14 auch die Brutalität unter: Mouches Vergewaltigung fällt im Wortsinn wie ein Schatten über die Szene – und zum Schattenboxen wird der Kampf Michels mit dem Akrobaten Balotte (Heinrich Bennke), der Mouche keine Liebe, aber einen Ausweg bietet.

Paul Günther ist bei alledem als hinkendes Faktotum Golo ein treuer Diener seines Herrn Michel wie auch dieser Aufführung.

Ein kollektiver Puppenselbstmord wird deren Höhepunkt. Er könnte eine Befreiung zum Leben sein oder eine Erlösung durch Tod einleiten.

Die Seine hüllt das ins Schweigen.

Wieder am 13. & 17.10., 19.30 Uhr, sowie 18. & 19.10. um 10 Uhr.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren