Rathaus von Mühlhausen war keine Synagoge

Ist es eine oder ist es keine? Die Frage, ob das Rathaus von Mühlhausen einst eine Synagoge war, bildete die Grundlage mehrfacher öffentlicher und privater Diskussionen. Simon Paulus von der Universität Braunschweig lieferte am Dienstagabend mit seinem Vortrag eine wissenschaftliche Antwort auf offene Fragen.

Hobby-Forscher Roland Lange, der mit seinen Thesen zur Synagoge für Aufsehen sorgte, bei der Bergung eines jüdischen Grabsteins . Foto: Daniel Volkmann

Foto: zgt

Mühlhausen. "Mittelalterliche Synagogen. Irrungen und Wirrungen über eine wieder entdeckte Baugattung" – ein Thema, das Referent Paulus seit über zehn Jahren beschäftigt. Heute wissenschaftlicher Mitarbeiter der Braunschweiger Universität, schrieb er über mitteleuropäische Synagogen im Mittelalter seine Dissertation – "ein Forschungsfeld, dass 60 bis 70 Jahre lang brach lag" berichtet der junge Mann. Paulus erklärte anhand der Grundrisse etlicher ausgewählter Synagogen, dass ein einheitlicher Typus fehlt und wenig einheitliche Merkmale jüdischer Gotteshäuser existieren. "Profane und sakrale Elemente sind nicht so fest zu machen, wie in der christlichen Kirche", erklärt Paulus.

"Es ist immer spannend, wo neue Bauten entdeckt oder gemutmaßt werden. Es ist nämlich selbst heute nicht selbstverständlich, dass schon alle mittelalterlichen Synagogen bereits bekannt sind", berichtet er weiter. Anhand zweier Pole innerhalb der Synagoge lässt sich diese dennoch eindeutig identifizieren. Diese blieben in Mittelalter und in der Neuzeit die Gleichen: In der Mitte des Bauwerks befindet sich grundsätzlich das Lesepult, auf dem die Thora verlesen wird. An der Ostseite befindet sich der dazugehörige Thoraschrein, in dem die Thorarollen aufbewahrt werden. "Die Synagoge erklärt sich von innen, lebt von diesen Polen", sagte Paulus.

Für das Rathaus der Kreisstadt steht fest: Es war sehr wahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt eine Synagoge, wie Paulus in seinem gut einstündigen Vortrag bewies. Neben diesem Fakt deckte er noch eine andere Tatsache auf: Adolf Hitler stellte eigens eine österreichische Synagoge unter Denkmalschutz, da er sie für eine Kapelle hielt – die beste Bestätigung für den Fakt, dass es kaum einheitliche Merkmale der Baugattung der Synagoge gibt.

Die Frage, warum ein Gebäude so aussieht, wie es aussieht, stellt sich Referent Paulus regelmäßig. Sie ist Kernbestandteil der Architekturgeschichte. Initiiert wurde die Veranstaltung im Puschkinhaus durch den Mühlhäuser Geschichts- und Denkmalpflegeverein. Für dessen Vorsitzenden, Martin Sünder, steht dennoch fest: "Die frühere Nutzung des Mühlhäuser Rathauses gibt nach wie vor Rätsel auf." Für Januar nächsten Jahres plant der Verein eine Ausstellung im Rathaus zu jüdischem Leben im Mittelalter.

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