Sarah Kirsch zum 75. Geburtstag

Ihren heutigen 75. Geburtstag verbringt die Dichterin Sarah Kirsch einmal mehr in ihrer "norddeutschen Einsiedelei".

Im Frühjahr 2006 wurde Sarah Kirsch in der Erfurter Staatskanzlei der Thüringer Verdienstorden verliehen. Foto: Marco Schmidt

Im Frühjahr 2006 wurde Sarah Kirsch in der Erfurter Staatskanzlei der Thüringer Verdienstorden verliehen. Foto: Marco Schmidt

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Erfurt. Im zu Thüringen gehörenden Harzdörfchen Limlingerode, wo die wohl bedeutendste Lyrikerin der deutschen Gegenwartsliteratur geboren wurde, lädt man zu einer Lesung von Gedichten und Prosaminiaturen ein. Mit Rücksicht auf die von weiter her anreisenden Gäste findet diese Feier aber erst am Samstag statt.

"Ich bin 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode geboren worden, in einem südländisch anmutenden Fachwerkbau auf einer Anhöhe am Rand des Waldes." So lautet der erste Satz des kaum 100 Seiten umfassenden autobiografisch gefärbten Büchleins "Kuckuckslichtnelken". Weiter geht es in der Zeit bis zum 17. Juni 1953, da ihnen die Alten zuriefen, "Kinder, fahrt schnell nach Hause, es gibt Krieg". Der blieb aus, aber die Zweifel an der neuen, "noch nicht fertigen Ideologie" waren gewachsen, seit neben all dem Unbeschwerten der Kindheit und Schulzeit auch die Schattenseiten des Nachkriegs-Alltags ins Bewusstsein drängten: Republikflucht ihr nahestehender Mitschüler, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, das Freihalten eines Stuhles für den großen Stalin bei jeder Versammlung.

Nach dem Schulbesuch arbeitete Sarah Kirsch in einer Zuckerfabrik, studierte Forstwissenschaft und Biologie und von 1963 bis 1965 am Literaturinstitut Leipzig. Fortan lebte sie als freie Schriftstellerin. Im November 1976 unterschrieb sie die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns; Ausschluss aus der SED sowie aus dem Schriftstellerverband der DDR waren die Folge. Ein Jahr später verließ Sarah Kirsch die DDR und lebt seit 1983 – mit vielen Preisen geehrt – in Tielenhemme in Schleswig-Holstein.

!Wenn der Wind ungebremst ankommt, stellt sich schnell die nötige Demut ein", brachte sie auf den Punkt, was ihr die Abgeschiedenheit und die raue norddeutsche Natur für das Schreiben und Malen bedeuten. Nach der Wende verurteilte sie die Vereinigung des ost- mit dem westdeutschen PEN-Club und machte dies auch mit ihrem Austritt öffentlich.

Zaghafte Versuche, im Osten wieder Fuß zu fassen, startete sie jedoch sehr bald in Richtung Thüringer Heimat. Ein Erinnern, Schwärmen und Planen war das, als wir gemeinsam im Sommer 1997 das schwer geschädigte Pfarrhaus besuchten, in dessen Obergeschoss Ingrid Hella Irmelinde Bernstein geboren wurde, die sich später den Künstlernamen Sarah Kirsch zulegen wird. Am Ende der vom Rundgang durch das Haus genährten Kindheitserinnerungen stand natürlich der Wunsch: "Hoffentlich bleibt es!" Als erste Aktivitäten Anlass zu Hoffnung gaben, schloss sich die bange Frage an, ob sie nicht schon uralt sein werde, bis das Gebäude, das der Besucher aus der Ferne früher als den Kirchturm sieht, je mal wieder fertig sein könnte? Alles ist relativ, Lebens- und Bauzeit auch. Fünf grüne Juni später jedenfalls war das damals eher Unwahrscheinliche Realität geworden, öffnete das rundum sanierte Pfarrhaus in Limlingerode sein aufgearbeitetes, zweiflügeliges Eingangsportal als "Dichterstätte Sarah Kirsch." In dem Haus, dessen Räume gerade renoviert worden sind, wird morgen Nachmittag der 75. Geburtstag gefeiert – ohne die Jubilarin. Mit Lesungen von Gedichten und aus Prosaminiaturen begibt sich der Dichterstätten-Verein auf eine biografische Reise.

Über die Dichterin und ihr Werk haben sich prominente Kollegen bewundernd geäußert. Peter Hacks erhebt das Unverwechselbare an Kirschs Sprache kurzerhand zum "Sarahsound". Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald entdeckte gelegentlich einer öffentlichen Würdigung der Dichterin in Weimar in dem Nachdenklichkeit und Geduld erfordernden vielgestaltigen Werk ein Bild des Menschen, "der sich immer gleich bleibt und sich doch revolutionär verändert und eine Sprache spricht, die geeignet ist bis ins Magma der Erde zu sehen". Der Dichter Günter Kunert, den Sarah Kirsch charakteristisch ihren Freu(n)d genannt hat, weil er Freund und Seelenanalytiker zugleich sei, weist auf die ungeheure Sanftheit der lyrischen Sprache der Jubilarin hin: "In ihrer Sanftheit sprechen die Gedichte Erschreckendes, ja, das Schreckliche mit schöner Naivität aus, als bestände es in Wirklichkeit nicht, sondern sei eigentlich eine Erfindung unseres Kollegen Hans Christian Andersen."

Die Büchner-Preisträgerin Sarah Kirsch sagt von sich, "Mobilität ist mein Segen gewesen". Doch die Lust unterwegs zu sein gehört nicht mehr zum Wichtigen in ihrem Leben. Weswegen sie auch den heutigen 75. in ihrem Zuhause feiert. Dorthin gehende Grüße und Wünsche beinhalten sicher vor allem eines: Möge sie bei guter Gesundheit bleiben und Kraft genug haben, ihrem Werk noch so manch weitere Seite hinzuzufügen.

Sarah Kirsch: "Gedichte und Prosa. Werke in fünf Bänden", dtv, 19,90 Euro. (Sonderpreis zum 75. Geburtstag)

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