Seltener Kunstschatz in Arnstadt: Das barocke Schmelzzimmer

Arnstadt. In den gänzlich unsanierten Nordflügel des Schlosses führt der Weg. Die Beletage ist hier kein schönes Geschoss, allenfalls eine ganz schön große Aufgabe für kommende Jahre.

Museumschefin Antje Vanhoefen steht vor einem Paneel im Schmelzzimmer. Der obere Teil ist original, der untere eine Ergänzung aus DDR-Zeit. Foto: Marco Kneise

Museumschefin Antje Vanhoefen steht vor einem Paneel im Schmelzzimmer. Der obere Teil ist original, der untere eine Ergänzung aus DDR-Zeit. Foto: Marco Kneise

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Am Zielort angelangt, ist es dort kalt und finster. Die Fenster in dem leeren Raum sind zugehangen, Tageslicht dringt nicht vor.

Was hier geschützt wird, lässt der Lichtkegel einer Taschenlampe erahnen. Museumsdirektorin Antje Vanhoefen leuchtet eine Wand an. Zum Vorschein gelangt roter Seidenstoff, rund drei Meter hoch, mit Stickereien versehen. Man entdeckt aufgenähte längliche Glasperlen, Flitter, Schildpatt, Pailletten. Daraus entsteht das Abbild eines Porzellankabinettes; dessen reale Entsprechung findet sich in sanierten Schlossteil. Im Zentrum des Bildes: zwei Papageien mit Hauswappen. Links und rechts wird das Arrangement flankiert von imitierten marmorierten Säulen, um die sich Blumenranken winden. Wir stehen im Schmelzzimmer. Der Thüringer Landeskonservator Holger Reinhardt nennt es "ein echtes Schätzchen" . Kunsthistorisch ist es von europäischem Rang.

Bekannt sind auf dem Kontinent drei Vergleichsstücke. So umfassend erhalten wie die Arnstädter Bespannung auf 35 Quadratmetern findet sich diese auf mittelasiatischer Textiltechnik beruhende Kunst aber nur auf Schloss Favorite in Rastatt.

Einzelne Paneele gibt es auf Waddesdon Manor, nordwestlich Londons, und im chinesischen Palais in Oranienbaum bei St. Petersburg, erbaut für Katharina die Große.

Internationale Fachleute treffen sich im Herbst

Was aber hat eine so seltene Wandoberfläche in Arnstadt zu suchen, an einem Witwensitz? Als solcher, so die landläufige Meinung, wurde das Neues Palais doch 1729 bis 1734 erbaut. Fürst Günther I. von Schwarzburg-Sondershausen ließ es demnach für seine Gemahlin Elisabeth Albertine errichten. "Dafür ist es viel zu groß", sagt Antje Vanhoefen, "gemessen am Haus der Schwarzburger in Sondershausen". Vertraglich zugesichert worden war der Witwe in spe zudem längt ein ganz anderer Ort: die mittelalterliche Burg Großbodungen im Eichsfeld.

Die Nebenresidenz Arnstadt aber wurde mit Aufwand neu gebaut und eingerichtet. Sie geriet zum "modernesten und komfortabelsten Sitz der Fürstenfamilie", so die Museumschefin. "Hier muss was anderes gemeint gewesen sein, als der Alterssitz einer alleinstehenden Dame."

Das doch sehr außergewöhnliche Schmelzzimmer im Fürstinnenflügel ist letztlich nur ein weiterer Beleg für ein immer unterschätztes Arnstadt. "Am Fuße der großen Leuchttürme ist es noch verdammt dunkel", sagt Antje Vanhoefen und meint den langen Schatten von Gotha, Weimar und Erfurt. Absichtsvolle Ignoranz meint sie nicht. Erst aufgrund jüngerer Forschungsergebnisse im europäischen Kontext könne man die Bedeutung des Neuen Palais neu bewerten. Im gesamten Ensemble spiegelt sich demnach das neue Selbstverständnis einer Familie wider, die unter ihren Ahnen einen Gegenkaiser vorweisen konnte und eine Ehe-Verbindung ins Haus Oranien.

An der Schwelle vom 17. zum 18. Jahrhundert wurden die Grafen von Schwarzburg-Sondershausen in den Reichsfürstenstand erhoben. Ihr Lehnsherr, der Herzog von Sachsen-Weimar, erkannte das erst 1731 an - für 3500 Taler jährlich. Schwarzburg-Sondershausen demonstrierte in Arnstadt: Macht. Man zeigte, wer man ist und was man hat. Dafür stehen der repräsentative Festsaal, die Kunstsammlungen, das einzigartige Kabinett chinesischer und japanischer Porzellane. Dafür steht erst recht das Schmelzzimmer, dessen Name die Glasschmelze meint. Während Stuckaturen, Fußböden, Raumstrukturen im Palais zwar von hoher Qualität sind, aber doch Stereotype, "ist diese Oberfläche ein Alleinstellungsmerkmal". So formuliert es Restaurator Veit Gröschner, der hier planerisch tätig ist.

Gröschner schwärmt von der "vollplastischen Illusion", die hier einst mit Licht und Schatten geschaffen wurde. Zusammen mit Antje Vanhoefen weist er auf den kerzenbestückten Kronleuchter hin, der hier mal hing. So ergab sich im Raum der "Effekt des unglaublichen Glitzerns und Funkelns". Alles schien in Bewegung zu geraten. Allein die Konservierung der Wandbespannung kostet mindestens einen sechsstelligen Betrag. Landeskonservator Reinhardt sieht hier "eines der wichtigsten Restaurierungsprojekte der nächsten Jahre".

Vor allem aber weiß man noch zu wenig über den Schatz. "Sein Ausgangspunkt und Weg sind nicht erforscht und dokumentiert", so Veit Gröschner. Niemand weiß, woher die Materialien kamen und wer sie verarbeitete. Die internationalen Fachliteratur schweigt sich generell aus über diese Kunst. Neue Erkenntnisse erhofft man sich von einem Arbeitskolloquium, das in diesem Herbst in Arnstadt Fachleute aus den USA, England und Baden-Württemberg sowie womöglich auch aus Russland vereinen soll.

Die gesamte zweite Schlosshälfte in Schuss zu bringen, ist unterdessen ein Millionenprojekt. Es bräuchte zehn bis zwölf Jahre - wenn das Geld da wäre.

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