Spektakulärer Kunstraub aus DDR-Zeit noch immer unaufgeklärt

Am Mittwoch stellt Gotha eine umfängliche Verlustdokumentation vor. Es geht dabei auch um den Diebstahl von fünf Gemälden im Millionenwert.

Gestohlen wurden "Leben auf der Landstraße" von Jan Brueghel und Anthonis van Dycks "Selbstbildnis mit Sonnenblume" Fotos: Stiftung Friedenstein

Gestohlen wurden "Leben auf der Landstraße" von Jan Brueghel und Anthonis van Dycks "Selbstbildnis mit Sonnenblume" Fotos: Stiftung Friedenstein

Foto: zgt

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Gotha. "Wir spinnen uns schon lange nichts mehr zurecht", sagt Bernd Schäfer. Natürlich könnte es irgendwo jenen vielbeschworenen, einsamen Sammler geben, der sich ein in Gotha gestohlenes Gemälde in seine Privatgalerie gehängt hat. "Aber solche Spekulationen helfen uns nicht weiter," resümiert der Direktor des Gothaer Schlossmuseums.

Wirklich weiterhelfen kann ihm und dem 1979 beraubten Museum wohl nur der Zufall. Zum Beispiel, wenn ein unrechtmäßiger Besitzer stirbt und dessen Erben vor allem Interesse an Geld und nicht an Kunst hätten. Dann könnten die fünf Gothaer Gemälde eventuell einem Auktionshaus angeboten werden. . .

Es wäre die erste wirklich heiße Spur nach über 32 Jahren.

Gotha, in der Nacht auf Freitag, den 14. Dezember 1979. Während Regenschauer auf das Städtchen niedergehen, klettern vermutlich zwei Täter eine Dachrinne am Schloss Friedenstein empor. Sie steigen durch ein ungesichertes Fenster in der zweiten Etage ein. In diesem Moment ist es ziemlich genau 2.30 Uhr. Ein Feuchtigkeitsmelder hält den Zeitpunkt exakt fest: wegen der plötzlich hereinströmenden, feuchten Luft schlägt er kräftig aus.

Was danach geschieht, beschäftigt bis heute die Fantasie. Von Dieben aus dem damaligen Westen geht immer mal wieder die Rede oder auch von einem Auftragsklau im Namen der Firma "Kommerzielle Koordinierung". Die sogenannte Koko war von der DDR eigens zur Beschaffung von Devisen gegründet worden. Der Verkauf von musealen Kunstwerken gehörte zu den Koko-Aufgaben.

Etwa 4,5 Millionen DM hätte man für diese Bilder seinerzeit auf dem westlichen Kunstmark erlösen können. Das jedenfalls besagte eine zeitgenössische Expertise. Und heute? Wenigstens 50 Millionen Euro, munkeln Kunstexperten.

Tatsächlich fanden sich bis heute keinerlei verwertbaren Hinweise auf eine Tatbeteiligung der Koko. Lediglich eines weiß man ganz genau: die Zahl der gestohlenen Gemälde. Es waren fünf. Außerdem ist sich Bernd Schäfer sicher, dass die Gemälde "nicht wahllos ausgewählt worden sind".

Immerhin hätten die Täter auch andere, berühmtere Bilder stehlen können. Sie aber holten sich aus drei Räumen vier niederländische bzw. flämische Meister sowie als fünftes Bild ein Werk von Hans Holbein.

Am Mittwoch stellt die Stiftung Friedenstein eine Verlustdokumentation ihrer Sammlungen vor. Dieser Katalog listet weit mehr Fälle auf als nur jenen Kunstraub, der als der spektakulärste aus DDR-Zeiten gilt. Es geht um Kriegsverluste und um Beutekunst, um Diebstähle und um einen nach Bayern verbrachten Rembrandt. Insgesamt 435 Gemälde verlor die Stadt.

Dennoch spielen gerade die anno 1979 geraubten Gemälde eine Sonderrolle. Gotha verlor sie bereits zum zweiten Male. Bereits 1946 waren sie von den sowjetischen Besatzern nach Moskau abtransportiert worden. 1958 kehrten sie zurück.

Seit 2009 gilt der Raub von 1979 als verjährt. Im Umfeld dieses symbolischen Datums keimte kurzzeitig Hoffnung auf eine Heimkehr der Gemälde. Immerhin konnte den Tätern oder ihren Auftraggebern nun nicht mehr allzuviel passieren.

Doch nichts geschah.

Sollten die Bilder jetzt wieder auftauchen, so ahnt Bernd Schäfer, "gibt es kein sofortiges Zurück nach Gotha". Man müsste sie den jetzigen Besitzern abkaufen oder sie wie auch immer abfinden. Hohe Millionenbeträge sind denkbar.

Aber es gibt durchaus andere Möglichkeiten, wie ein Fall des letzten Jahres zeigt. Da wurden zwei 1945/46 in Gotha gestohlene Majolika-Schälchen dem britischen Auktionshaus Christie’s angeboten. Die Auktionatoren glichen die Keramik routinemäßig mit Verlustlisten ab und stießen auf Gotha.

Da nach britischem Recht ein Kunstraub nicht verjährt, erklärte sich der Anbieter bereit, die Majoliken entschädigungslos zurückzugeben.

Zumindest eines scheint gewiss. Sollten die Bilder auf dem offiziellen Kunstmarkt auftauchen, würde eine Überprüfung ihrer Herkunft erfolgen. Da die Gemälde in allen gängigen Datenbanken als gestohlen registriert sind, müssten spätestens dann Erben oder Auktionatoren hellhörig werden.

Eigentlich sollte dafür bereits ein Blick auf die Rückseite der Bilder genügen. Dort ist deren Herkunft eindeutig aufgestempelt: Zentralmuseum Gotha.

Vom Autoren ist das Buch "Tatort Thüringen" erschienen. Darin geht es unter anderem um aus Gotha verschwundene Kunst sowie um den Raub von Cranach-Bildern in Weimar

Odyssee eines geraubten Kunstwerks

  • 1946 verschwand im Gothaer Schloss das Gemälde "Maria mit dem Kinde" von Joachim Wtewael.
  • Das Ölbild - es misst lediglich 21 mal 16 Zentimeter - soll ein Offizier als Souvenir in die Sowjetunion mitgenommen haben.
  • Mitte der 80er Jahre tauchte das Bild in Westberlin auf. Es wurde von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Gotha wurde nicht informiert, man gab das Bild wieder frei.
  • 1992 tauchte "Maria mit dem Kinde" in einem Auktionskatalog von Sotheby’s auf. Sein damaliger Schätzpreis: rund zwei Millionen Mark.
  • Sowohl die Stadt Gotha als auch die Bundesrepublik klagten daraufhin gegen Sotheby’s und den Einlieferer des Bildes, die in Panama registrierte Firma Cobert Finance, auf dessen Herausgabe.
  • 1999 kehrte das Bild nach Gotha zurück.

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