Stadtschreiber Arne Hirsemann genießt seine Zeit in Heiligenstadt

Heiligenstadt (Eichsfeld)  Die Herrnmühle ist eine Dichterstätte. Seitdem Arne Hirsemann hier wohnt. Der 28-Jährige ist Heiligenstadts neuer Stadtschreiber. Die Stube ist spärlich möbliert. Ledersofa und Sessel dominieren den Raum.

Stadtschreiber Arne Hirsemann in der Heiligenstädter Herrnmühle. Foto: Eckhard Jüngel

Stadtschreiber Arne Hirsemann in der Heiligenstädter Herrnmühle. Foto: Eckhard Jüngel

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Ein Dutzend Bücher bewahren den Schrank vor der Leere. Als Lichtquelle genügt eine Glühbirne. „Das Schlichte mag ich“, sagt Hirsemann. Weiß leuchten die nackten Wände. Kein Nagel darf ins Mauerwerk. Weil es unter Denkmalschutz steht. Auch diese Kargheit störe ihn nicht, behauptet der Bewohner.

Eine Gitarre lehnt lässig in der Ecke. Wasser und Salzstangen stehen jederzeit verfügbar auf dem rollenden Beistelltisch. In dieser Welt spielt der Laptop keine Hauptrolle. Längst in die Jahre gekommen, fristet Hirsemanns tragbarer Computer ein Schattendasein auf der Zeitungsablage des Couchtisches.

Der wirkliche Star des Raums hat seinen Platz auf dem viel wichtigeren Tisch am Rande des Zimmers – Hirsemanns mechanische Schreibmaschine. Das ist nicht irgendeine. Es ist eine „Hermes Baby“. Ein Schweizer Fabrikat. Mit solch einer Maschine schrieben schon Ernest Hemingway und John Steinbeck. „Auch Max Frisch hat von ihr geschwärmt“, weiß Hirsemann, „sie soll sehr zuverlässig sein.“ Deshalb hat sich der Mecklenburger eine besorgt.

Die Tastatur ist speziell. Es gibt keine Eins. Auch das Ausrufezeichen fehlt. „Brauche ich nicht“, sagt Hirsemann. Auch beim Dichten ist er genügsam. Hockt er an seinem Schreibtisch, polstert er den Holzstuhl mit Decken. Das beige Stuhlkissen gönnt er seiner Hermes Baby. Die dankt es ihm mit treuem Dienst, wenn er mit seinen zwei Zeigefingern auf den Tasten trommelt. Vor etlichen Jahren hatte er mal einen 10-Finger-Kurs belegt, es auch beherrscht. „Aber es ging mir verloren“, bedauert der Schreiber. So habe er manchmal Mühe, dem Tempo seiner Gedanken zu folgen.

Seit vier Wochen bewohnt er die Herrnmühle. Mit jedem Tag lernt er Heiligenstadt näher kennen. „Ich ziehe schon meine Kreise, knüpfe Kontakte“, schildert der Stadtschreiber. „Nette, warmherzige Menschen leben hier“, ist sein erster Eindruck. Es herrsche eine „angenehme Atmosphäre“ in der Stadt.

Hier und heute für zwölf Monate Stadtschreiber zu sein, erfüllt ihn nach wie vor mit Freude. „Das Jahr ist ein Geschenk“, sagt er, „das will ich nutzen.“ Es bereitet ihm keine Sorgen, dass er womöglich dem nicht gerecht werden kann, was die Stadtväter von ihm erwarten. Er fürchtet keinen Druck, lässt alles auf sich zukommen.

„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich auf das Künstlerische konzentrieren kann“, erklärt Hirsemann. Deshalb belaste ihn seine Position nicht. Sie ermutige ihn. Er hat in Paderborn studiert, lebte mehrere Jahre in Berlin. Heiligenstadts Ruhe genießt er. Seit Jahren musiziert er im „Kommando Elektrolyrik“, feilt an seinen Ideen für den ersten Roman. Ohne sich darauf fokussieren zu können. Weil die Nebenjobs notwendig sind. Aber jetzt – die geschenkte Zeit in Heiligenstadt entspannt ihn.

Er liest momentan viel. Vor allem Thomas Bernhard. Und er lässt sich inspirieren. Von Büchern. Vom Blick aus dem Fenster. Vom Gang durch die Stadt. Immer häufiger setzt er sich an seine Hermes Baby. Ungezählte Manuskripte füllen bereits den Schreibtisch. Ebenso viel Papier liegt ihm zu Füßen.

Zwei Kurzgeschichten sind hier schon entstanden. Weitere Ideen hat er im Sinn. Eine längere Erzählung möchte er in Heiligenstadt ansiedeln. Der Plot steht bereits, an ersten Entwürfen arbeitet er. Gedichte sind Nebenprodukte – ob tagespolitisch oder satirisch. Auch Gedanken über das Eichsfeld drängen sich auf. „Ich habe nicht die Befürchtung, dass mir hier der Stoff ausgeht“, sagt Hirsemann. Ende Juli plant er eine erste Lesung in der Stadt. Über jeden Kontakt zu Schulen würde er sich freuen. Er möchte sich einbringen, hält auch Workshops mit Schülern für vorstellbar.

Etwas zu kurz muss gegenwärtig seine Musik kommen. Das „Kommando Elektrolyrik“ ruht. Seit zehn Jahren ist Hirsemann Teil dieses Künstlerkollektivs. Dessen schöpferische Pause hat auch geografische Gründe. Die vier Männer sind momentan im Land verstreut. Von Berlin über Münster und Flensburg bis Heiligenstadt. Ein Wiedersehen könnte es im Eichsfeld geben. Die vier haben im Vorjahr für einen Dokumentarfilm den Soundtrack geschrieben und produziert. Dieser Streifen soll im Herbst an einem der Kulturfreitage im Alten Rathaus gezeigt werden. Hirsemann hofft, dafür den Regisseur nach Heiligenstadt locken zu können. Und vielleicht kommen auch die Bandkollegen.

„Ich fühle mich wohl“, sagt Arne Hirsemann nach seinen ersten vier Wochen als Stadtschreiber. Er braucht keine Metropole wie Berlin. Provinz hat noch nie einem Schriftsteller geschadet. Bleibt nur die Frage, ob der Schritt von der Ostseeküste an die Leine für einen Mecklenburger doch zu groß sein könnte, weil ihm das Wasser fehlt. Hirsemann winkt ab. Und sollte er doch mal Sehnsucht nach Seenlandschaften haben, verabredet er sich mit Freunden zu einem Ausflug nach Leipzig.

Zur Person Arne Hirsemann

- vor 28 Jahren geboren

- aufgewachsen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst an der Ostseeküste

- in Paderborn populäre Musikwissenschaft und Medien studiert

- Mitglied des Künstlerkollektivs „Kommando Elek­trolyrik“, das 2008 aus der Autorengruppe „Kommando Schreibmaschine“ hervorgegangen ist

- über Griechenland schreibt Arne Hirsemann: „Eine grexit-strategie für rote mittelmeer-diätler: satt essen darf sich nur wer unter blauer fahne weitersegelt.und wer nicht aus eigener kraft schwimmen kann ist selbst schuld, wenn er untergeht.“

Ab Samstag (11. Juli) wird unsere Zeitung die Werke des Heiligenstädter Stadtschreibers Arne Hirsemann im Eichsfelder Lokalteil veröffentlichen.

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