Stilsichere Interpretation an historischem Ort

Mühlhausen  Mit Bach-Kompositionen gastiert der Londoner Anton-Bruckner-Chor in der Kirche Divi Blasii.

Der Londoner Chor überzeugte durch seine künstlerische Qualität.

Der Londoner Chor überzeugte durch seine künstlerische Qualität.

Foto: Dieter Albrecht

Wer Bachs Musik liebt, möchte irgendwann auch mal dessen Wirkungsstätten besuchen und das Flair seiner geistigen Gegenwart erfühlen. Diesen Wunsch hatte auch der Anton-Bruckner-Chor, einer der leistungsfähigsten Amateur-Kammerchöre der Acht-Millionen-Stadt London. Nach Leipzig und Köthen gaben er und der Organist Nicholas O’Neill am Mittwochabend in Mühlhausens Kirche Divi Blasii ein Konzert mit Chor- und Orgelwerken Johann Sebastian Bachs. Die Leitung hatte der Chorleiter, Musikwissenschaftler und Komponist Christopher Dawe, der den Chor 1995 gegründet hat.

Auf dem Programm des Chors, im Stil der Bachzeit an einer Truhenorgel generalbassmäßig unterstützt, standen drei Motetten: „Lobet den Herrn alle Heiden“, vierstimmig, BWV 230; „Singet dem Herrn ein neues Lied“, doppelchörig, also achtstimmig, BWV 225; „Jesu, meine Freude“, fünfstimmig (mit zwei Sopranstimmen), BWV 543.

Die Kunst der knapp 40 Sängerinnen und Sänger zeichnet sich durch sichere Intonation und Stimmführung aus, durch homogenen Klang und präzises Zusammenwirken der Stimmen auch in kompliziertem polyphonen Stimmengefüge, durch präzise Rhythmik, überzeugende sprachlich-musikalische Deklamation und feinfühlige Differenzierung innerhalb eines breiten dynamischen Spektrums. Konsequent verzichtet er auf oberflächliche Effekte, die der Komposition nicht immanent sind. Damit hinterlassen seine Interpretationen einen ausgesprochen authentischen Eindruck.

Bach-Kompositionen an einer Bach-Orgel

Zwischen den Motetten war Nicholas O’Neill an der 1959 eingeweihten Schuke-Orgel zu hören, deren Aufbau der originalen Bach’schen Disposition mit ihren silbrig glänzenden, obertonreichen Diskantstimmen folgt und darin weltweit nur wenige Konkurrenten hat. Es erklangen die Präludien und Fugen Es-Dur (BWV 552) und ­a-Moll (BWV 543).

Das Es-Dur-Präludium kombiniert, wie auch bei Buxtehude üblich, toccatenhafte und fugenartige Teile. Dabei könnte einem schon mal ein Glenn-Gould-Zitat einfallen, wonach Bachs Musik den „Eindruck eines expandierenden Universums“ entstehen lassen könnte ...

Noch mehr ließen Präludium und Fuge a-Moll die Möglichkeiten der Schuke-Orgel erkennen, Klangfarben harmonisch zu kombinieren und kontrastreich gegenüberzustellen.

Den künstlerischen Höhepunkt des etwa 75-minütigen Konzerts bildete „Jesu, meine Freude“, die wohl populärste Motte Bachs überhaupt. Ihr Aufbau aus verschiedenen formalen Komponenten wie Choralstrophe, Spruchmotette, freiem Choral und Fuge, die kontrastierende Ausdruckinhalte verkörpern, lässt sie besonders kunstvoll erscheinen. Wobei allein schon die von Johann Crüger komponierte Choralmelodie wie kaum eine andere Ohrwurmqualitäten aufweist. Die Choralstrophen interpretierter der Chor zugleich schlicht und ausdrucksstark.

Für den reichen Beifall bedankte sich der Chor mit einer Komposition Anton Bruckners, seines Namenspatrons: „Os ­justi“ (Der Mund des Gerechten), WAB 30, wobei WAB für Werkverzeichnis Bruckner steht – eine achtstimmige, von gregorianischen Einflüssen geprägte, in gefühlvoll-romantischem Stil dynamisch fein ausmodulierte Motette.

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