Szenische Lesung zur Geschichte eines Entwurzelten

Herleshausen  Die jüngste Zusammenarbeit von Werralöwen und KreuzAS führte die Truppe nach Herleshausen

Die Akteure der Theatergruppen Werralöwen und KreusAS mit Machern der Ausstellung im Grenzbahnhof in Herleshausen. Das Museum diente als Stätte für die szenischen Lesung. Foto: Peter Rossbach (2)

Die Akteure der Theatergruppen Werralöwen und KreusAS mit Machern der Ausstellung im Grenzbahnhof in Herleshausen. Das Museum diente als Stätte für die szenischen Lesung. Foto: Peter Rossbach (2)

Foto: zgt

Einen passenderen Ort für diese szenische Lesung hätten die „Werralöwen“ aus Lauchröden gemeinsam mit der Schultheatertruppe „KreusAS“ vom Ruhlaer Gymnasium kaum finden können. Vor wenigen Wochen gab es den 60. Jahrestag der Ankunft der letzten Spätheimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Bahnhof Herleshausen. Und im mittlerweile als kleines Museum genutzten Gebäude des Grenzbahnhofes in der hessischen Nachbarschaft ließen die beiden Theatertruppen nun in Spielszenen versetzte Teile des Textes von Wolfgang Borchert „Draußen vor der Tür“ erleben.

Und in diesem Stück, das der Hamburger Autor in den Jahren 1946/1947 schrieb, thematisiert er eben die Erlebnisse eines deutschen Soldaten in jener Zeit. Sehr eindringlich erzählt Wolfgang Borchert, wohl auch anhand persönlicher Erfahrung, die Erlebnisse des Protagonisten Beckmann, der nach dreijähriger sowjetischer Gefangenschaft nach Hamburg zurückkehrt. Dort findet er sich nicht mehr zurecht, die Welt steht aus seiner Sicht auf dem Kopf. Seine Frau hat nicht wissend, dass Beckmann noch lebt, einen anderen. Eine Chance auf Arbeit erhält er nicht, er ist körperlich lädiert und die Gasmaskenbrille, die er trägt, ist nicht nur die einzige Sehhilfe, die er noch hat, sondern auch sichtbarer Ausdruck seines Andersseins.

Durchdrungen von Schuldgefühlen scheitert Beckmann auch beim Versuch, seinen einstigen Vorgesetzten in Verantwortung für die Taten im Krieg zu nehmen. Ja nicht einmal der Selbstmord will gelingen. Die Elbe beschließt zunächst ihn nach dem Sprung ins Wasser lebendig wieder an Land zu spülen.

In fünf bearbeiteten Szenen erzählten die Schauspieler das Drama nach, das als Hörspiel bereits 1947 Premiere im Radio hatte und wenig später auch als Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen Uraufführung feierte.

Unter der Regie von Harry Weghenkel hatten die Mitwirkenden diese etwas über einstündige Version erarbeitet. Nicht nur weil die Schauspieler dies sehr gut umsetzten und aus der Lesung doch ein kleines Schauspiel machten, hatte der Abend eine eindringliche Wirkung auf die Zuschauer. Das kleine Museum im Grenzbahnhof hat ja eben diese Zeit zum Thema, als die langen Züge mit Kriegsheimkehrern in Herleshausen eintrafen.

Die Fotos an den Wänden brachten die Lesung noch nachdrücklicher zur Geltung. Dazu trug auch bei, dass es keine klare Rollenverteilung gab, sondern unterschiedliche Schauspieler verkörperten etwa den Protagonisten Beckmann, um deutlich zu machen, dass dieser Beckmann exemplarisch für die vielen entwurzelten Menschen im Nachkriegsdeutschland steht.

Der Verein „GrenzBahnhof für Zeitgeschichte Herleshausen“ nutzt diesen historischen Bahnhof seit einiger Zeit als Ort für eine liebevoll zusammengestellte Ausstellung zu dieser Zeit und als Kultur- und Begegnungszentrum.

Das Stück selbst hat ebenso seine tragische Geschichte. Der Autor Wolfgang Borchert erlebte nämlich die Uraufführung seiner Werkes nicht mehr. Er starb einen Tag vor der Premiere auf der Reise zu einem geplanten Kuraufenthalt in der Schweiz in einem Spital in Basel.

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