TA-Kultur-Talk: „FullDome“ weitet Blick und Raum mit sichtbarer Musik in 360 Grad

Erfurt  Der Kultur-Talk von TA und Salve TV befasst sich mit FullDome-Festival in Jena. Eröffnet wird es diesmal mit sichtbarer Musik in 360 Grad.

Blick auf eine Show beim „FullDome“-Festival im Zeiss-Planetarium in Jena. Dieses verfügt über acht Projektoren und 64 einzeln steuerbare Lautsprecher.

Blick auf eine Show beim „FullDome“-Festival im Zeiss-Planetarium in Jena. Dieses verfügt über acht Projektoren und 64 einzeln steuerbare Lautsprecher.

Foto: Linda Troeller

Musik für die Augen, Malerei für das Ohr – man nennt das Synästhesie. Dergleichen betrifft nicht allein Menschen, die von Natur aus dazu begabt sind, durch speziell verknüpfte Wahrnehmungsregionen im Gehirn. Es betrifft auch künstlerische Konzepte, wie sie bereits um 1900 erstmals aufgekommen sind.

„Visuelle Musik“, die weit über das hinausgeht, was wir vom Musikvideo kennen, eröffnet heute in zwei Wochen das zwölfte „FullDome“-Festival im Zeiss-Planetarium Jena. „Konzert im Dome – The Visual Music Experience“ heißt die Performance.

Damit dringt dieses Festival für 360-Grad-Projektionen in der Ganzkuppel (FullDome) in eine neue Dimension vor. Anlass genug, diesem eine Sendung von „Welt Kultur Thüringen“ zu widmen: Der Kulturtalk von Salve TV und Thüringer Allgemeine lud sich dazu Micky Remann ein. Der Autor, Musiker und Medienkünstler ist auch Gesellschafter des Regionalsenders, vor allem aber Honorarprofessor für „Immersive Medien“ an der Bauhaus-Universität.

Immersiv – das kommt vom Eintauchen. Immersive Medien indes bedeute, so Remann, dass man von Bildern, Klängen, Gefühlen umhüllt wird – „man in sie eingetaucht ist.“

Das mittels FullDome medial umzusetzen, „ist eine Annäherung an die Realität.“ Jenseits des Gesichtsfeldes, jenseits eines Kastens namens Monitor. Das Paradoxe daran, so Remann, ist der „enorme technische Aufwand“, den man betreiben muss.

„FullDome“-Filme zu produzieren, dauert sehr lange, bestätigt Medienkünstlerin Kate Ledina. Ein Fünf-Minuten-Film bedeute „monatelange Arbeit“, vor allem, um ihn zu spatialisieren: ihn zu verräumlichen.

Ledina ist Spatial-Sound-Designerin in Weimars Uni. Dort bearbeitete man bislang literarische Vorlagen, erzählt sie in der Sendung. Sie erfanden Bilder, dann Musik. Im Seminar „Visual Music – Sichtbare Musik in 360 Grad“, haben sie es „andersherum gemacht und anhand der Musik das Visuelle gedacht.“ Die Musik kam aus dem Klangarchiv des Lehrstuhls für „Transcultural Music Studies“ an der Liszt-Hochschule. Den hat Tiago de Oliveira Pinto inne, ständiger Co-Moderator bei „Welt Kultur Thüringen“, mit dem Autor dieses Beitrages. Seit einiger Zeit arbeiten er und Remann, Liszt- und Bauhaus-Studenten zusammen.

Deren Filme treffen in der „Visual Music Experience“ in Jena auf Musiker. Jazzer und Percussion-Avantgardist Günter Baby Sommer, der schon zu Bildern spielte, die der Maler Strawalde auf die Leinwand brachte, wird hier zu live generierten 360-Grad-Bildern von Ioannis Oriwol improvisieren. Außerdem treten Mukasa Wafula aus Kenia mit einer Litungu Leier und Pengpeng Li aus China mit der Wölbbrettzither Guqin auf.

„FullDome“ ist „das dienstälteste Festival dieser Art“, sagt Remann. „Zu dem Zeitpunkt, als wir angefangen haben, war für die meisten noch nicht erkennbar, dass das eine relevante technologische, künstlerische, ästhetische Größe sein würde.“

Er hält dieses Medium für revolutionär. In einer Zeit, in der wir auf immer kleinere Monitore starren, wo wir gehen und stehen, und dabei die Umgebung fast ausblenden, weite „FullDome“ Auge und Raum.

Remann initiierte die Jenaer Veranstaltung 2007 und ernannte sie „frech“ zum Festival; eigentlich zeigten Weimarer Studenten nur ihre Abschlussarbeiten im Planetarium. Inzwischen sind Shows von professionellen, studentischen und freien Produzenten und Medienkünstlern aus aller Welt zu sehen: aus Hollywood, Melbourne oder Buenos Aires. Zugleich habe man andere „FullDome“-Festivals inspiriert: in Brno, Sao Paulo, Espino Santo, Moskau ... Jenas Planetarium verfügt über 64 einzeln steuerbare Lautsprecher. Das bedeutet, so Kate Ledina, „ein ganz anderes Level an Immersion“ – im Vergleich etwa zu Stereo-Sound, oder Dolby Surround. „Der Klang kann den Blick lenken“, betont sie: zur Seite, nach hinten, oben, unten.

Hinzu treten acht miteinander verbundene Projektoren. In entsprechend viele Teile müssen Filme zerlegt werden, um sie dann wieder zusammenzusetzen. Da kommen Uni-Rechner schon an ihre Grenzen.

Kate Ledina verließ das Festival mehrfach preisgekrönt, zuletzt für „Experiment“. Der Film habe „die Möglichkeiten des 360-Grad-Spatial-Sound in der Planetariumskuppel ausgereizt“, hieß es. Ledina beschränkte sich auf minimalistische Visualisierungen, erzählt sie, und konzentrierte sich auf den Sound, auf Töne, die Unbehagen hervorrufen: „Die Zuschauer sollten beunruhigt werden.“ Und das gelang.

Das erste Planetarium der Welt übrigens entstand 1924 in Jena, auf dem Dach von Zeiss. Zu den ersten Neugierigen, die dorthin pilgerten, so Micky Remann, gehörten Bauhäusler aus Weimar. Er malt sich aus, was „im Zusammenklang von Wissenschaft, Forschung und Kunst“ damals alles daraus hätte folgen können, hätte man dem Bauhaus nicht bald „das Potenzial abgeschnitten“. Nun versuche man, als „Nachlassverwalter“ daran anzuknüpfen.

Festival vom 23. bis 26. 5. in Jena

So können Sie die Sendung sehen:

Der regionale Fernsehsender Salve TV kann über Kabelanschluss in 70 Thüringer Orten, darunter Erfurt, Weimar und Jena, empfangen werden. Die Sendung wird am heutigen Mittwoch, 18.20 Uhr, zum ersten Mal bei Salve TV ausgestrahlt und danach mehrfach im Programm des Senders wiederholt.

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