TV-Talk „Welt Kultur Thüringen“ zum Jazzarchiv in Eisenach

Erfurt  Der TV-Talk „Welt Kultur Thüringen“ folgt diesmal den Spuren des Jazzarchivs in Eisenach und der Kraft der improvisierten Musik.

Die Runde des Salve-Kultur-Talks: Moderator Tiago de Oliviero Pinto von der Musikhochschule Weimar, Jazz-Forscher Martin Pfleiderer, der Gründer des Eisenacher Jazzarchivs, Reinhard Lorenz, sowie TA-Redakteur und Moderator Michael Helbing (von links).

Die Runde des Salve-Kultur-Talks: Moderator Tiago de Oliviero Pinto von der Musikhochschule Weimar, Jazz-Forscher Martin Pfleiderer, der Gründer des Eisenacher Jazzarchivs, Reinhard Lorenz, sowie TA-Redakteur und Moderator Michael Helbing (von links).

Foto: Sascha Fromm

Wie hätte Bach geklungen, wäre er ein paar Jahrhunderte später geboren worden? Man könnte sich die Jazz-Legende Benny Goodman anhören, wie er „Bach goes to Town“ spielt. Dessen Komponist Alec Tempelton war sich jedenfalls sicher: So hätte der barocke Meister einen Swing komponiert. Eine Klarinette, auf der Goodman den Titel gespielt hat, gehört zur Sammlung des Jazzarchivs der Lippmann+Rau-Stiftung in Eisenach.

Eine hübsche Randglosse, mit der sich ein kühner Bogen von Bach zu Eisenach und Jazz schlagen ließe. Dass sich im Archiv nicht nur Goodmans Klarinette, sondern sein Nachlass befindet, darunter 2500 Schallplatten ist schon keine Randglosse mehr. Das Haus in der Alten Mälzerei beherbergt ein internationales Musikarchiv, das in Deutschland einmalig ist. Darum soll es in der zweiten Auflage des TV-Talks „Welt Kultur Thüringen“ gehen.

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Gäste im Studio: Reinhard Lorenz, bis vor Kurzem noch Eisenachs langjähriger umtriebiger Kulturamtsleiter und Gründer des Jazz-Archivs, und Martin Pfleiderer, Professor für Jazz-Geschichte an Weimars Musikhochschule. Das Gespann ist nicht zufällig, das eine ist eine Folge des anderen. Ohne das Archiv gebe es Pfleiderers Lehrstuhl wohl nicht. Und ohne die enge Zusammenarbeit mit der Forschung an Weimars Musikhochschule könnte das Archiv seine einzigartigen Bestände kaum erfassen.

Trotzdem zu Beginn die despektierliche Grundsatzfrage: Wozu braucht Eisenach ein Jazz-Archiv? Reinhard Lorenz beginnt bei Bach. Schließlich sei Eisenachs berühmter Spross der weltbekannteste Jazzer überhaupt. Ein Bonmot? Nicht nur. Professor Pfleiderer sekundiert: Tatsächlich wurde in der europäischen Musik schon immer mit Improvisationstechniken gearbeitet. Bach, Beethoven, Mozart... – sie alle konnten improvisieren. Und wie beim Jazz war die Performance auf der Bühne das Zentrum, das Herz der Kunst. Man denke nur an Franz Liszt, den begnadeten Virtuosen am Klavier.

Über Jazz in Thüringen zu reden geht natürlich nicht, ohne einen weiteren Namen zu erwähnen: Louis Armstrong. Reinhard Lorenz gehört zu den Glücklichen, die ihn 1965 in Erfurt erlebten. Die Nacht, sagt Lorenz, hat mein Leben verändert. Ihre heftigen Nachwehen hatten ihn in den Eisenacher Jazzclub gespült. „AG Jazz im Automobilwerk Eise­nach“, wie er prosaisch hieß. Das Jazz-Virus hatte sich unheilbar in ihm festgesetzt und er war nicht der Einzige. Thüringen hatte eine lebendige Szene, zahlreiche kleine Bands, die sich zu großen Teilen aus den Theatermusikern rekrutierte mit einem Faible für Jazz. Und heute? 165 Konzerte innerhalb weniger Wochen bot die gerade zu Ende gegangene Thüringer Jazzmeile 2017. Beleg für die These vom lebendigen Jazzland Thüringen oder eher Tummelplatz für eine Nische?

Der Jazz lebt, befindet Jazzfreund Lorenz. Seine Erfahrung: Junge Leute werden der formatierten Unterhaltungsmusik müde, die Sehnsucht nach Qualität führt sie zum Jazz.

Und nicht selten führt der Gang ins Eisenacher Archiv zu Überraschungen. Reinhard Lorenz weiß von drei Gymnasiastinnen zu berichten, die eine Seminarfacharbeit über Amy Winehouse planten.

Ob sie denn wüssten, wer Winehouses großes Vorbild war, fragte Lorenz und spielte ihnen Aufnahmen der großen Jazzsängerin Billie Holiday vor. Großes Staunen. Das wurde dann, freut sich Lorenz, eine ganz andere Arbeit.

Fließende Grenzen, wechselseitige Einflüsse, fast alles, was man heute „populäre Musik“ nennt, schein irgendwann vom Jazz genährt.

Und der Jazz-Begriff, bemerkt Tiago de Oliviero Pinto, sei erweitert worden, ist nicht mehr auf die USA fixiert: In Skandinavien oder Japan passiert Spannendes. In Weimar vergehe keine Woche, in der es nicht mindestens drei kleine Konzerte oder Jam-Sessions gebe, ergänzt Martin Pfleiderer. Die Jazz-Studenten interessieren sich auch für andere Richtungen, sie kommen aus verschiedenen Kulturkreisen und bringen neue Einflüsse mit. Beim Jazz passiere etwas Besonderes zwischen Musikern und Publikum, das mache die Qualität von Jazz als improvisierter Musik aus, ihre Kraft.

Die Magie des Augenblicks, klar soweit. Aber kann man sein Geheimnis wirklich entschlüsseln? An der Hochschule haben sie einen ­„Jazzomat“ entwickelt, der improvisierte Soli rechnergestützt analysiert. Was bitte, verlangt Moderator Helbing zu wissen, soll das?

Die Runde vertieft sich in Fachsimpelei, über die Kunst der Improvisation, über den Einsatz von Digitalisierung in der Musikforschung und was man daraus über die Dramaturgie von Jazzsoli lernen kann.

Am Ende wird es kulturpolitisch. Als das Eisenacher Archiv unlängst den Nachlass des Schweizer Jazzpioniers Theo Zwicky übernahm, meldete das sogar die britische Tageszeitung „The Guardian“. Unter dem Goodman-Nachlass befinden sich rund 100 Acetat-Platten, die die Jazz-Legende für sich privat aufzeichnen ließ. Rolling-Stones-Schlagzeuger Charlie Watts habe wissen lassen: Wenn ihr diese Platten digitalisiert und abspielen könnt, komme ich nach Eisenach. Mit der Universität München gibt es musikhistorische Projektideen... Die Welt nimmt das Haus in Eisenach wahr. Indes, die Redensart vom Propheten im eigenen Land, die gilt wohl auch in diesem Fall.

Das Archiv, sagt Professor Pfleiderer, braucht feste Mitarbeiter. Es braucht mehr Platz, bessere Räume die Dokumente dauerhaft schützen.

Und wir brauchen, fügt Reinhard Lorenz hinzu, eine noch engere Zusammenarbeit mit der Musikhochschule. Man kämpfe derzeit um einen parlamentarischen Abend, um das Zukunftskonzept zu erörtern.

Startrompeter Till Brönner will in Berlin ein „House of Jazz“ schaffen. Aber im Grunde, bemerkt Martin Pfleiderer, ist ein solches Haus doch längst da. Es muss nur noch bespielt werden.

So können Sie das Gespräch sehen

Der regionale Fernsehsender Salve TV kann über Kabelanschluss in 250.000 Haushalten in 70 Thüringer Orten empfangen werden, darunter in Erfurt, Weimar, Jena und Eisenach.

Die Sendung wird am heutigen Mittwoch, 18.20 Uhr, das erste Mal ausgestrahlt und danach bei Salve TV mehrmals wiederholt.

Der Kulturtalk kann ab Mittwochabend auch im Internet angesehen werden:

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