Väter sind auch nur Söhne

Weimar  Das Israelisch-brasilianisches Road-Movie „Back to Maracanã“ spielt in der Kulisse der Fußball-WM 2014. Ostlicht Weimar ist Koproduzent.

Drei Generationen: Szene mit  Antônio Petrin (Samuel), Rom Barnea (Itay) und Asaf Goldstien (Roberto; von links).

Drei Generationen: Szene mit  Antônio Petrin (Samuel), Rom Barnea (Itay) und Asaf Goldstien (Roberto; von links).

Foto: Rachel Tanugi Ribas

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Immer nur auf Emotion zu machen, sei sehr gefährlich, hat Oliver Kahn gesagt. Nach dem legendären WM-Halbfinale 2014 in Belo Horizonte wunderte er sich nicht allein über die Seleção, die sich soeben zu Hause von der „Mannschaft“ demütigen ließ. Er wunderte sich über das ganze Land: „Was alles in diesen Fußball hinein interpretiert wurde!“

Fußball als Spiel des Lebens. Er kann Hoffnung und das Ende aller Hoffnung bedeuten, den Traum vom besseren Leben und ein Trauma.

So wie am 8. Juli 2014 im Stadion Mineirão, wo Brasilien in Schockstarre verfiel, mal wieder. Eins zu sieben gegen Deutschland. Immerhin stürzte sich niemand von der Tribüne, so wie 1950 im Maracanã in Rio de Janeiro. Damals verlor man das WM-Finale gegen Uruguay. „Maracanaço“ nennen sie diesen Schock.

Damals war Samuel elf Jahre alt. Sein Vater, ein Fußballnarr, starb. Später ging der brasilianische Jude, ein unentdecktes Fußballtalent, nach Tel Aviv: „Ich war pleite. Und auch das ganze Land war pleite.“

Nun hat er einen geschiedenen Sohn, der pleite ist und auf seiner Couch nächtigt, sowie einen elfjährigen Enkel. Und es ist wieder WM. Zu Hause. Also: „Back to Maracanã“.

Jorge Gurvich drehte diesen Film, ein Argentinier, der nach Israel auswanderte, kurz nachdem sein Land 1978 die Heim-WM gewann. Doch „Back to Maracanã“ ist im Grunde gar kein Fußballfilm, sondern ein Road-Movie mit gedoppelten und gespiegelten Vater-Sohn-Konflikten. Er handelt vom Kind im Manne und vom Mann im Kinde, über drei Generationen hinweg. Davon erzählt der Film, als Komödie angelegt, im unaufgeregten Grundton, unter dem Emotionen gefährlich brodeln, um schließlich schweren Herzens, aber leichten Fußes auszubrechen.

Bauhaus-Absolventin Julia Peters besorgt Filmverleih

Das macht den Film, der heftig an Männlichkeitsbildern kratzt, so wertvoll. Und das macht ihn zu einer „runden Geschichte, die universell ist und unterschiedliche Generationen anspricht.“ So begründet Marcel Lenz, weshalb er und Guido Schwab mit Ostlicht-Filmproduktion aus Weimar in das Projekt des israelischen Produzenten Gal Greenspan (Green Production) einstiegen und die Postproduktion verantworteten.

Zudem überzeugten sie eine ehemalige Kommilitonin der Bauhaus-Universität, den Verleih zu übernehmen: Julia Irene Peters, die mit JIP Film & Verleih in Frankfurt/Main bislang Dokumentarfilme bediente.

„Back to Maracanã“ beginnt fast politisch – und insofern fintenreich. „Ich versteh’ sowieso nicht, warum Israelis über Fußball reden“, sagt Roberto (Asaf Goldstien) und repariert den Ventilator Samuels (Antônio Petrin), derweil das Radio läuft. „Die sollten über Krieg reden, da ham’se wenigstens Ahnung von!“ Fortan wird allenfalls Privates politisch.

Roberto, Verkäufer ohne Talent, aber begabter Koch, vom Vater in die Versagerrolle gedrängt, muss seinen Sohn Itay (Rom Barnea) unerwartet lange hüten, ausgerechnet zur WM. Tali, so verwöhnt wie herumgeschubst, hasst Fußball. Seine Mutter Tali (Hadas Kalderon) will mit ihrem Chef (und Liebhaber) nach Rio. Samuel, den zum Halbfinale eigentlich eine Herz-Operation erwartet, bricht mit Sohn und Enkel auch nach Brasilien auf. Im alten Wohnmobil reisen sie der Seleção hinterher, um deren Spiele letztlich stets zu verpassen.

Im Flieger nach Rio ist es kalt – und Roberto als anwesender Vater abwesend: Er ordert zusätzliche Decken, für sich, nicht für den Sohn. Später, im Wohnmobil, in das es rein regnet, übt er mit Decken väterliche Fürsorge, vom eigenen Vater beobachtet.

Der hält seinen Sohn klein („Du benimmst dich immer noch wie ein kleines Kind“), aber das Andenken an den eigenen Vater, dessen Versagen er nicht erkennen will, hoch. „Du bist immer noch elf Jahre alt“, wird ihm seine Schwester daher erklären. Frauen wirken in diesem Film von der Seite oder aus dem Hintergrund. Aber sie wirken. Sie sind gleichsam das szenische Korrektiv für eine Geschichte über Männer auf der Suche nach dem Selbstbild. Ein Männerfilm ist das deswegen aber nicht. Es ist ein Film über Vaterrollen.

Der Fußball liefert dafür buchstäblich Kulissen; erste atmosphärische Bilder entstanden während der WM 2014, bevor die Dreharbeiten drei Jahre später begannen. Er verliert dabei zusehends die Funktion, als das Eigentliche zu gelten. „Ich finde das alles ein bisschen übertrieben“, sagt der junge Itay einmal. „Es stirbt doch keiner, wenn wir mal verlieren!“

Er weiß noch nichts von „Maracanaço“ 1950. Aber schon gar nichts von „Mineiraço“ 2014, wo es ans Sterben geht aus anderen Gründen und es plötzlich besser scheint, wenn die Brasilianer das Halbfinale nicht schaffen. Das Sehnsuchtsziel „Finale im Maracanã“ verliert an Bedeutung.

Was diese Niederlage ausgerechnet gegen Deutschland aus brasilianisch-jüdischer Sicht bedeuten mag, kommt nicht zur Sprache. Und auch dass der Freund der Mutter, ein Deutscher (Ole Erdmann), sie und ihren Sohn mit in seine Heimat nehmen will, findet einfach so statt.

Ob darin eine Normalität liegt oder ein Unaussprechliches, hält Jorge Gurvich mindestens in der Schwebe. Kann ja sein, dass man auch da sonst zu viel hinein interpretierte.

Zum Filmstart im Lichthaus-Kino Weimar, heute 19 Uhr, gibt es ein Gespräch mit Produzent und Verleiherin – sowie Caipirinha. Dreimal zwei Freikarten dafür verlost Ostlicht Filmproduktion heute zwischen 12 und 17 Uhr unter Tel. 03643/877 4 555.

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