Verdis „Maskenball“: Ehrenmord im Clan-Milieu

Gera.  Am Theater Gera hat Jörg Behr eine finstere Lesart von Verdis Oper inszeniert.

Clan-Chef Riccardo (im blauen Anzug: Isaac Lee) braucht ab und zu einen Schuss Heroin. Oscar (Miriam Zubieta, rechts) ist behilflich.

Clan-Chef Riccardo (im blauen Anzug: Isaac Lee) braucht ab und zu einen Schuss Heroin. Oscar (Miriam Zubieta, rechts) ist behilflich.

Foto: Ronny Ristok

Ein Bandenkrieg tobt auf offener Bühne, Salven aus automatischen Waffen gellen durch den nachtschwarzen Raum. In Gera hat Regisseur Jörg Behr Verdis „Maskenball“ als Sex&Crime-Etüde aus der höfischen Sphäre des 19. Jahrhunderts ins Milieu heutiger Unterwelt-Clans übertragen. Leichen pflastern seinen Weg bei dieser Inszenierung, doch sein Konzept geht – mit Abstrichen – auf. Größter Lichtblick an einem düsteren, durchaus demoralisierenden Abend: Das Philharmonische Orchester spielt unter GMD Laurent Wagners Leitung ziemlich brillant.

Noch während das Vorspiel aus dem Graben süße Liebesmotive mit drohenden Verschwörer-Bässen mischt, tritt der Ernstfall ein. Ein Herr in hellblauem Anzug geht unter Qualen zu Boden. Umstehende helfen ihm in seiner Agonie, bis ein freundliches Männlein ihm eine lindernde Spritze in die Armvene setzt. Bald ist klar: Der Hellblaue ist Riccardo, der Pate, den seine Konsorten respektvoll „Conte“, Herzog, nennen, und die Erlösung bringt Oscar (Miriam Zubieta), sein Dealer, mit einem Schuss Heroin. Später reicht dem Conte die eine oder andere Linie Koks, während seine Gegenspieler sich mit Rauchzeug begnügen.

Brutale Verhältnisse

Als minimalistisches Ambiente dient ein stufiges Halbrund (Ausstattung: Anna Brandstätter), eine Art graues Amphitheater, wie man es als Betonskulptur auf manchen Innenstadtplätzen findet. Und Drogen gehören zum (Ab-)Usus in dieser Halbwelt, in der ein Menschenleben fast gar nichts zählt. Das Messer sitzt locker, und den Finger hat man nervös schon am Abzug: Wer Schwächen zeigt oder sich unliebsam macht, wird flugs liquidiert. Zum Beispiel Ulrica (Eva-Maria Wurlitzer), die in diesem Reich moralischer Finsternis ungelittene Wahrsagerin, nachdem sie dem Conte den nahen Tod prophezeit hat: Der erste, der ihm die Hand reiche, werde sich bald als sein Mörder entpuppen. Und Renato, dem Finsterling in stilisiertem Tarnanzug, der die Pump Gun beständig im Anschlag hält, traut man diese Bluttat zweifelsfrei zu.

Obschon er als rechte Hand des Conte fungiert, hat er auch triftigen Grund, denn Amelia, seine Ehefrau, pflegt eine geheime Beziehung zum Clan-Chef. Das kratzt fatal an der Ganovenehre, zumal diese Liebelei so gar nicht platonisch verläuft. Im zweiten Akt sehen wir Amelia und Riccardo in eindeutiger Kopulationsstellung turnen, bis zufällige Passanten – Renato und die Verschwörer – sie aufstören. Alejandro Lárraga Schleske interpretiert den martialischen, gewissenlosen Gangster Renato leider recht blass mit dunkel-kehligem Bariton.

Dramaturgische Konsequenzen

Amelia erscheint ebenso eindimensional – als Opfer. Als Gangsterbraut in einer testosterondampfenden Männerwelt hat sie eh nichts zu bestellen, und ihre Liebesgefühle stiften letztlich nur Unheil, indem sie die gemeine Ordnung dieses sozialen Gefüges zerstören. Die kalte Brutalität, mit der Renato sie wegen des One-Night-Stands in nebliger Nacht drangsaliert, ist zum Gotterbarmen, doch im Vergleich zu jener in authentischen Milieus für die Augen braver Geraer Bürger noch erträglich. Anne Preuß hat mit der schweren Partie hörbar Mühe, bewältigt die Aufgabe im Ganzen aber solide und achtbar.

Riccardo taugt – trotz einiger hübsch gleißender Höhen Isaac Lees – als Sympathiefigur wenig, zumal er von der Regie seiner Fallhöhe beraubt wird. Denn hier wird nicht etwa, wie von Verdi und Eugène Scribe vorgesehen, Renatos (unberechtigte) Eifersucht für einen politischen Mord instrumentalisiert. Sondern der Conte stirbt banal und zu Recht. Dass wir Zuschauer Zeugen werden, wie der Geist Ulricas die gemeuchelten Toten abholt, verdanken wir offenbar seinem drogenvernebelten Blick; der Ausflug in die Schauerromantik ist durch die Ästhetik dieser Oper gedeckt.

So verlässt man das Theater nach einem emotional wenig bewegenden Abend. Clan-Kriminalität, so werden die Geraer fragen: Was geht uns das denn an?

Weitere Vorstellungen: 27. Dez. u. 15. März in Gera, 24. Mai u. 5. Juni in Altenburg

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