Vom Vers zur Konstellation – und zurück

Der Wortkünstler Eugen Gomringer ist 90 geworden – und für eine Lesung und eine Ausstellung nach Erfurt gereist

Vielsprachig und vieldeutig: Eugen Gomringerhat die Konkrete Poesie in den 50er und 60er Jahren populär gemacht. Foto: Ulrike Hess

Vielsprachig und vieldeutig: Eugen Gomringerhat die Konkrete Poesie in den 50er und 60er Jahren populär gemacht. Foto: Ulrike Hess

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Der „Vater der Konkreten Poesie“, Eugen Gomringer, ist in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Das Forum Konkrete Kunst in Erfurt ehrt ihn mit der Ausstellung „der linie folgen. im raum bleiben“. Gomringer selbst wird heute Abend im Programm der Herbstlese im Haus Dacheröden aus seinen Werken lesen. Im Interview sprach er darüber, wie er zur Konkreten Poesie kam – und wo wir sie heute noch finden können.

Herr Gomringer, ich frage jetzt einfach ganz ungeniert drauf los: Ihr erstes Konkretes Gedicht „ping pong“ von 1953 – das ist Ihnen nicht zufällig beim Tischtennisspielen eingefallen, oder etwa doch?

Das weiß ich nicht mehr. Ich kann nur sagen: Es war ein höchst internationaler Begriff, und überall auf der Welt hat man mir auf „ping“ mit „pong“ geantwortet. Das Gedicht geht so: ping pong ping pong ping pong ping pong ping pong Es war mein erstes Gedicht, und es war sehr frech. Damit habe ich einigen Leuten vor den Kopf gestoßen.

Wie waren die Reaktionen?

Schaurig. Also man hat schon gemeint, mit mir sei es jetzt fertig. Ich hatte ja damals schon mit Hermann Hesse korrespondiert, und man hatte mir eine Zukunft gegeben als Autor. Und dann kam ich mit sowas, mit so einer Einfachheit und sagte: „ping pong“ ist ein Gedicht.

Eine Provokation!

Nein, es war nicht als Provokation gedacht, sondern als eine neue Stellungnahme. Es war schon eine Art Dada im Jetzt. Obwohl Dada natürlich eine Provokation war, gegen die Bürgerlichkeit und gegen alles übermäßige Literarische. Aber „ping pong“ war eine erste Kommunikation, eine Poesie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wie kam es dazu, dass Sie in den 1950er Jahren die „Konkrete Poesie“ erfunden haben?

Das ist eine komplizierte Geschichte. Eigentlich hat es mit der Konkreten Kunst begonnen. Während des Krieges war ich Student. 1944 bin ich in Zürich an einem Schaufenster einer Galerie vorbeigegangen und habe diese sehr einfachen Bilder gesehen, die ich vorher nicht gekannt habe. Es waren wundervolle Konkrete Künstler, hauptsächlich Züricher, die ausgestellt waren, unter anderem Max Bill. Ich bin dann mit diesen Leuten in Kontakt gekommen. Es gab Bilder, die zum Beispiel hießen: „Fünf gleichlange Linien“. Das war schon sehr merkwürdig. Ich habe damals schon kleine Gedichte eher romantischer Art geschrieben. Und dann habe ich plötzlich gedacht: Das könnte man eigentlich in der Lyrik auch versuchen. Es war der Weg, vieles wegzuräumen, um Einfachheit zu gewinnen.

Was hat Sie daran fasziniert?

Dass man mit wenigen Mitteln viel sagen kann. Dass man mit den Gestaltungsmitteln Punkt, Linie und Fläche alleine schon Bilder machen kann, ohne andere Inhalte zu brauchen. Die konkrete Kunst wendet sich ab von der äußeren Realität, um eine eigene Wirklichkeit zu gestalten mit ihren Mitteln.

Mit Sprache haben Sie dann eine eigene Wirklichkeit aufgebaut?

Ja. Mich hat die Natur beeinflusst, also bestimmte Vorgänge in der Natur, das Wachstum, Jahreszeiten und solche Sachen – die beeinflussen mich immer wieder. Und die stelle ich dar mit Poesie. Aber nicht, indem ich darüber schreibe, sondern indem ich mich ähnlich verhalte. Das ist der Unterschied.

Sie haben in den 1950er Jahren an der Hochschule für Gestaltung in Ulm bei dem Konkreten Künstler Max Bill gearbeitet und dort auch den Bauhausmeister Josef Albers kennengelernt. Wie wurden Sie von den Ideen des Bauhauses beeinflusst?

Über Josef Albers habe ich ja öfter geschrieben. Er ist 1933 nach Amerika, in den 50ern kam er nach Deutschland. Ich habe ihn einmal vom Bahnhof abgeholt. Wir haben uns in Ulm ja als Nachfolger des Bauhauses gesehen.

Die Konkrete Poesie nimmt Bezug auf Kunst, auf sich selbst. Ich frage mich, ob sie dennoch gesellschaftliche Probleme in irgendeiner Weise aufgreift. Zum Beispiel die Flüchtlingskrise derzeit. Beschäftigt Sie so etwas nicht?

Doch, sicher. Ich bin sehr interessiert an Politik, ich lese viele Zeitungen. Und es macht mich ganz krank, wenn ich das sehe. Dass diese Menschen alles aufgeben. Man kann dieses Problem und seine Ausmaße – damit meine ich auch die Integration der Flüchtlinge und die Veränderung unserer Gesellschaft – noch gar nicht begreifen, geschweige denn beherrschen. Darüber mache ich mir Gedanken. Aber das fließt nicht in meine Kunst ein. Wenn es zum Akt des Kreativen kommt, dann steht die Sprache im Vordergrund. Dann wähle ich Wörter aus oder es kommen mir Wörter in den Sinn, die studiere ich einige Wochen lang. Bis ich ein paar Wörter zusammen habe.

Und diese Wörter setzen Sie dann zueinander in Beziehung, ordnen sie in einer bestimmten Weise an, so dass „Konstellationen“ entstehen.

Ja, so habe ich das 1954 in meinem Manifest „vom vers zur konstellation“ genannt.

Diese Konstellationen gestalten Sie auch visuell, bringen sie also in eine gewisse grafische Form.

Richtig. In der Ausstellung auf dem Petersberg werden Gedichte gezeigt, die aussehen wie Wolken, wie Sträucher oder Bäume oder sowas. Es ist eine visuelle Poesie, die ich zeige.

Wenn wir uns anschauen, wie heute im Alltag mit Text umgegangen wird – die junge Generation textet ja, was das Zeug hält; über SMS, WhatsApp, Facebook und andere Netzwerke – finden Sie nicht, dass da die Ästhetik flöten geht? Dass Sprache im Grunde nur noch „benutzt“ wird?

Das glaube ich schon auch. Ich wage es noch nicht richtig zu sagen, aber im Grunde ist es schon so. Deshalb meine ich eben, sollte man sich heute über „stille Reformen“ unterhalten ...

Stille Reformen? Was meinen Sie damit?

Sehen Sie, im Digitalen, in der immer weiter schreitenden Vernetzung, sehe ich eine Tendenz der totalen Auflösung. Es gibt aber Wege, zu einer Einfachheit zurückzukehren. Eine „stille Reform“ hat mit Meditation zu tun. In meinem neuen Buch, das demnächst erscheinen wird, schreibe ich zum Beispiel über die Architektur der Zisterzienser, die das Äußere mit dem Inneren in Einklang bringt. Also, wichtig ist die Einfachheit. Konkrete Poesie ist ja im Grunde Einfachheit.

Das müssen Sie mir bitte genauer erklären.

Man kann nicht alles erklären. Ich kann Ihnen höchstens sagen, was ich mache. Stellen wir uns vor, es ist Frühlingsanfang. Man sieht das erste Grün, man ist voller Staunen. Dann sag ich:

das erste grün

Und das muss genügen. Das ist nicht politisch gemeint. Genau so sage ich auch:

schweigen

Die Stille, Silence, Silenzio. Das ist für mich der Anfang allen Schreibens und allen Denkens überhaupt ... Kennen Sie meine Tochter?

Ja, Nora Gomringer. Sie hat in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

Das, was sie macht, sind Konstellationen. Aus ihnen formt sie ein großes Gebilde. Sie hat auch ein Gedicht von mir verwendet:

do you think

do you think

do you think

do you?

do you?

think?

think?

Nur hat meine Tochter Personen eingesetzt statt Wörter.

In ihrer Erzählung „Recherche“ geht es um verschiedene Perspektiven von Bewohnern eines Hochhauses auf den Tod eines Jungen ... Wurde Ihre Tochter in der Erzählweise von Ihrer Arbeit beeinflusst?

Könnte sein. Seit sie ein Jahr alt ist, hat sie meine Gedichte mitgehört. Ich hatte fast jede Woche irgendwo eine Lesung. Da war sie oft dabei. Wir haben sie mit einem Jahr auch schon zu Andy Warhol nach New York mitgenommen oder auf Reisen nach Amerika, wo ich an Universitäten Vorträge gehalten habe.

Eine junge Form eines ästhetisierten Umgangs mit Sprache ist der Poetry Slam. Ihre Tochter war sehr aktiv in der deutschen Szene... Finden wir dort vielleicht heute noch Konkrete Poesie?

Ja, auf jeden Fall. Im Grunde ist ja das, was die Leute da machen, die mehreren Sprachen, die sie zusammenbringen, das Wesen der „Konstellationen“, wie ich sie in meinem Manifest beschrieben habe: also das Zusammenbringen von vielen Sprachen, der großen Weltkommunikation in kleinen Gedichten.

Wie schätzen Sie die Rolle von Lyrik heute ein?

Ich glaube, dass sie immer wieder zurückkommt. Und da bin ich überzeugt, dass ich wieder zehn Jahre voraus bin mit meinen Sonetten, die ich seit einigen Jahren schreibe. Das ist eigentlich lustig, weil ich, entgegen meines eigenen Manifests von 1954 wieder zum Vers zurückkomme. Ich glaube, dass man wieder stärker in klassischen, einfachen Gebilden schreibt, zu denen man bequemer Zugang hat. Denn Konstellationen zu lesen – das ist wirklich nicht leicht.

l Lesung „Ein Abend mit Eugen Gomringer“, heute, 26. September, 20 Uhr, Haus Dacheröden. Ausstellung „der linie folgen. im raum bleiben“ im Forum Konkrete Kunst bis 25. Oktober, Mi-So, 11- 18 Uhr.

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