Weimar startet Bauhaus-Jubiläum im „Haus Am Horn“

Weimar  Dort übernahm die Klassik-Stiftung von der Stadt Muches „begehbare Vitrine“.

Weimars Baudezernentin Claudia Kolb, Dieter Bauhaus (Chef der Sparkasse Mittelthüringen), Marlies Grönwald, langjährige Bewohnerin und Hüterin des Hauses, und Stiftungspräsident Hellmut Seemann (von links) bei der Übergabe des Hauses an die Klassik-Stiftung

Weimars Baudezernentin Claudia Kolb, Dieter Bauhaus (Chef der Sparkasse Mittelthüringen), Marlies Grönwald, langjährige Bewohnerin und Hüterin des Hauses, und Stiftungspräsident Hellmut Seemann (von links) bei der Übergabe des Hauses an die Klassik-Stiftung

Foto: Maik Schuck

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Gleichsam das Recht der ersten Nacht im Bauhausjahr nahm sich Weimar, wenn auch mitten am Tag. Bevor ab Mittwoch in Berlin ein Festival „100 Jahre Bauhaus“ den offiziellen Jubiläumsauftakt markiert, empfing die Klassik-Stiftung am Montag ebenso offiziell das „Haus Am Horn“, um es schon mal kurz, für eine Woche, wieder zu öffnen.

Schließlich: „Das Bauhaus kommt aus Weimar.“ So hieß schon vor zehn Jahren eine kuratorisch inszenierte Gedächtnisstütze. Und nun kommt das einzige architektonische Zeugnis dafür, das uns wohlgemerkt eine Kunst- und Designschule hinterließ, aus städtischer Hand in die der Klassik-Stiftung. Die Übertragung des Eigentums erfolgte zum 1. Januar.

„Ich gelobe hiermit“, so Präsident Hellmut Seemann in der kleinen Feierstunde, „dass die Stiftung es immer als eine ihrer vorzüglichsten Aufgaben sehen wird, dieses Haus in dieser Weise zu erhalten.“ Es wird so etwas wie das dezentral, zwei Kilometer entfernt gelegene Zentrum des neuen Bauhausmuseums sein – oder jedenfalls das des Kapitels „Der neue Alltag“ über Ideen modernen Lebens und Wohnens, das man dort erzählt.

So wird das sogenannte Musterhaus wieder werden, was es schon 1923 war, wie Seemann erinnerte: Teil einer großen Ausstellung und „eine begehbare Vitrine“. Als solche tritt es allerdings erst eineinhalb Monate nach der Museumseröffnung am 5. April endgültig in Erscheinung: ab dem 18. Mai nämlich, dem 136. Geburtstag von Walter Gropius.

Dessen Architekturbüro setzte damals, binnen vier Monaten, den zum Zuge gekommenen Entwurf des Malers und Grafikers (!) Georg Muche um: zwei von außen wie ineinander geschoben wirkende Kuben. Und alle Werkstätten des Bauhauses statteten das dann gemeinsam aus.

Endgültige Wiedereröffnung findet am 18. Mai statt

Die Klassik-Stiftung bevorzugt dafür heute den Begriff Versuchshaus oder gar „Versuch eines Hauses“ (Seemann). Denn zeigte es damals auf 144 Quadratmetern Grundfläche auch, wie man künftig „wohnen sollte, könnte, müsste“, so der Präsident, so steckte dergleichen noch in den Kinderschuhen. Und die standen sogar „mit einem Bein noch im 19. Jahrhundert“, wie Anke Blümm unserer Zeitung erklärt. Die Kunsthistorikerin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bauhausmuseum sowie für die Ausstattung im musealen Versuchshaus verantwortlich. „Vieles, was hier angedacht wurde, ließ sich so nicht halten“, so Blümm. So spricht sie vom Wohnzimmer als abgeschlossenem quadratischen Tempel für die Familie als Allerheiligstem.

Sie verweist aber auch auf die Zusammenarbeit mit der Industrie. Vierzig Firmen waren beteiligt, so beispielsweise bei der Zentralheizung, vom Kohleofen im Keller betrieben. Überhaupt sei es um alles gegangen, „was vor allem der Hausfrau das Leben sehr erleichterte“.

Das Haus steht jedoch noch für einen anderen Versuch als den zum modernen Leben. Wie die ganze Ausstellung 1923 entsprang es dem zunehmenden Druck, den das hoch umstrittene Bauhaus empfand, seine Existenzberechtigung mittels einer Leistungsschau zu demonstrieren.

Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz: Hier ließ es sich, seit 1924, tatsächlich wohnen. Und zwar „wunderbar“, wie Marlies Grönwald am Montag betont. Mit ihrem Mann Bernd Grönwald, Architekturprofessor in Weimar, und der Familie, lebte sie 1971 bis 1998 hier. In dieser Zeit sollen sie insgesamt 40.000 interessierte Besucher empfangen haben.

Geöffnet bis zum 20. Januar

Aus ihrer Erfahrung heraus teilt sie bis heute die denkmalpflegerische Position, „dass auch ein Haus mit musealem Anspruch bewohnt bleiben sollte, um es zu erhalten“. Nun aber ist es eben wieder: eine Vitrine.

In Restaurierung und Sanierung steckten Bund und Land knapp 840.000 Euro: in einen Kompromiss zwischen Originalzustand und zeitgemäßer Anforderung. Erweiterungen, die seit 1926 entstanden waren, baute man bereits 1998 zurück, auch wegen Rissen und Feuchtigkeit, zu denen das immer wieder führte.

Dennoch hatte Marlies Grönwald lange für deren Erhalt gekämpft, sich auf Muches Diktum von 1927 berufend: „Das anbaufähige Wohnhaus mit variabler Grundrissgestaltung ist eine zeitgemäße Forderung.“ Ausgetauscht wurden jetzt Einbauten der Sanierung 1998 (Heizkörper und Fenster), nach der der Freundeskreis der Bauhaus-Uni das Haus betrieb; Marlies Grönwald gehört ihm an.

Rekonstruiert wurde nun die Farbgestaltung der Innenräume, die Alfred Arndt und Joseph Maltan einst verantworteten. Und rekonstruiert werden gerade drei Möbelstücke, die erhalten blieben: Marcel Breuers Schminktisch und Wohnzimmerschrank, heute in Dessau zu Hause, sowie Alma Siedhoff-Buschers Spielschrank, dessen Original ins Bauhausmuseums einziehen wird. Ansonsten werden „Umrissmöbel“ Eindrücke der Ausstattung vermitteln.

Zur Sache:

Von heute bis Sonntag, 20. Januar, ist das Haus jeweils von 10 bis 16 Uhr mit einer Tafelausstellung zu Hausgeschichte und Restaurierung geöffnet: Am Horn 61 in Weimar.

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