Weimarer Nationaltheater begeistert mit Babykonzerten

Gastmusiker Helmut Eisel aus Saarbrücken verzauberte vergangene Woche die Kleinsten mit seiner sprechenden Klarinette.

Ermuntert von den heiteren Klängen, krabbelt der kleine Josef Oskar forsch zum Klarinettisten Helmut Eisel, der seinen jungen Fan mit einer improvisierten Weise willkommen heißt. Beim Baby-Konzert im Deutschen Nationaltheater erleben Kleinkinder ohne Scheu Livemusik. Fotos: Alexander Volkmann

Ermuntert von den heiteren Klängen, krabbelt der kleine Josef Oskar forsch zum Klarinettisten Helmut Eisel, der seinen jungen Fan mit einer improvisierten Weise willkommen heißt. Beim Baby-Konzert im Deutschen Nationaltheater erleben Kleinkinder ohne Scheu Livemusik. Fotos: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Lola weint. Lola ist knapp zehn Monate alt und sollte eigentlich heute mit ihrer Großmutter ins Babykonzert gehen.

Schon zum zweiten Mal. Denn vor einigen Wochen war Lola so begeistert von der Musik, den anderen Kindern und dem ganzen Drumherum im Deutschen Nationaltheater Weimar, dass ihre Eltern beschlossen, die Oma sollte dieses wunderbare Erlebnis schnellstmöglich teilen dürfen.

Die Oma ist bereit. Lola nicht so recht. Im DNT-Eingangsbereich wird der Kinderwagen geparkt. Neben vielen anderen, die dort bereits aufgereiht sind und vom Alter des Konzertpublikums künden: 0 bis 12 Monate. Die jüngsten Gäste sind ein halbes Jahr alt. Die ältesten sind junge Eltern - die allerälteste ist mit 47 Jahren Lolas Oma.

Die ersten Babys kommen und krähen. Lola aber schreit. Auch, als die Oma mit den Eintrittskarten wedelt und ihr gut zuredet, wie schön es gleich werden würde.

Vielleicht beruhigt sie sich ja, wenn sie die anderen Konzertbesucher sieht? Das Foyer im 1. Stock des Hauses ist gerüstet: Vor dem Flügel liegen hufeisenförmig Krabbelmatten. Dahinter stehen Stühle für die volljährigen Begleiter.

Lola protestiert weiter. Mit hochrotem Kopf. Klingt nicht nach Vorfreude. Die anderen schauen, manche nachsichtig, manche skeptisch, die Mütter mitleidig. Die Oma gibt auf, greift zum Handy, alarmiert Lolas Mama. Rette dein Töchterlein! Bitte komm.

Die Mama eilt herbei, holt ihre Kleine ab. Das war’s mit Babykonzert, liebes Kind.

Die Oma allerdings kapituliert nicht komplett. Sie bleibt und schaut den anderen zu: August, Friedrich und Josef Oskar. So heißt das heutige Publikum.

Friedrich ist siebeneinhalb Monate alt, mit seiner Mama Ina Buchspieß gekommen und sehr, sehr aufmerksam. Gespannt lauscht er, als Helmut Eisel mit Klarinette den Raum betritt und sanft "erzählt".

Die Staatskapelle ist auf Tournee, also wurden für das heutige Babykonzert andere Akteure engagiert. Der freischaffende Musiker aus Saarbrücken lässt sein Instrument sprechen. Eine einfache Melodie, geduldig wiederholt, Moderatorin Kerstin Klaholz stimmt ein, komplettiert die Liedzeile mit einem rhythmischen "Bambam", singt und klatscht, stampft auf und tanzt.

Friedrich gefällt das. Er sitzt gebannt auf Mamas Schoß. Die erinnert sich noch gut an sein erstes Babykonzert: "Da war er ziemlich aufgeregt und zappelig. Kaum aber ging die Musik los, hörte er zu und war aufmerksam und ruhig."

Das kann auch Kerstin Klaholz bestätigen. Die DNT-Dramaturgin, die die Baby-Reihe moderiert und heute selbst Fagott spielt, ist fasziniert davon, wie kleine Kinder mit Musik umgehen. "Es braucht gar keine spezielle ,Babymusik’, besonders melodische oder harmonische Stücke, sanfte Weisen, wie man vielleicht denkt. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass die Kinder jeder Art von Musik gegenüber sehr, sehr aufgeschlossen sind und absolut unvoreingenommen zuhören."

Nein, es müssen auch für Babys nicht unbedingt Schlaflieder sein. "Lebendige Musik von Bläsern, Streichern, Harfen oder Alphörnern begeistert die Kinder ebenso. Da sind sie ganz Ohr!", sagt sie.

Nicht immer stumm. Gern quietscht der eine oder brabbelt die andere, juchzend wird die Klarinette nachgeahmt oder babybärenmäßig zum Fagott gebrummt oder einfach gequiekt.

Mit Mozart zieht plötzlich Ruhe ein

Josef Oskar hoppst auf den Oberschenkeln von Papa Marco Siebenlist. Auf einmal hält er inne. Der neun Monate alte Junge verfolgt das Tun der Musiker mit weit aufgerissenen Augen und leicht geöffnetem Mund. Staunen total. Andere Mütter und Väter schauen zu ihm und müssen lächeln. Begeisterung pur steht Josef Oskar ins Gesicht geschrieben.

Mama Andrea Herrmann stellt ihn aufs Parkett und schiebt ihn etwas weiter vor, hin zum Flügel. Pianist Felix Bender greift in die Tasten und vermag es, den Jungen und die anderen kleinen Zuhörer zu verzaubern. Plötzlich ist es ganz still im Foyer I.

Kerstin Klaholz kennt das Phänomen: "Wenn Mozart kommt, herrscht witzigerweise sofort Ruhe. Es ist ein echtes Geheimnis, warum das funktioniert." Ansonsten aber reagieren die rund 20 Kinder recht unterschiedlich auf die Klangerlebnisse.

Ebenso verschieden gehen die Musiker damit um. Wer eigene Kinder hat, weiß, wie unberechenbar die mitunter reagieren können und wie schnell eine Baby-Gemütslage umschlagen kann. Und da bei der Probe der eigene Nachwuchs nicht mitgebracht werden darf, erleben hier auch die Sprösslinge der Musiker Mama oder Papa mal in Aktion.

Mütterrunde sprengt den Bildungsauftrag

Seit der letzten Spielzeit bietet das Deutsche Nationaltheater die Baby- und die Kleinkind-Konzertreihe. Urheber der inzwischen preisgekrönten Idee war vor einigen Jahren die Philharmonie Köln. Deutschlandweit ahmten Theater und Konzerthäuser das Ansinnen nach, für ganz junges Publikum zu musizieren. "Wir fanden das toll und erhoffen uns davon auch, dass die jungen Eltern später selbst zum festen Konzert-Stammpublikum werden", sagt Kerstin Klaholz.

Doch den "Bildungsauftrag", wie sie es scherzhaft nennt, habe sie erst einmal zurückgestellt. "Nach den ersten Veranstaltungen habe ich gemerkt, dass die Mütter und Väter viel zu sehr auf ihre Kinder konzentriert sind und sich lieber mit der Nachbar-Mutter über Baby-Gewohnheiten unterhalten, als sich Kurzvorträge über die ausgewählten Musikstücke anzuhören."

Seitdem spielen die Musiker nur noch für die und mit den Kindern. "Davon haben die Eltern ja auch etwas, sie nehmen es für sich als unterhaltsamen Nachmittag mit", weiß sie.

Andreas Max Martin aus Weimar kostet die Dreiviertelstunde Babykonzert mit Sohn August aus. Der ist sechs Monate alt und liegt sehr entspannt auf Papas Bauch. "Als Berufsmusiker weiß ich, was das für ein großartiges Angebot ist und bin froh darüber, das in der eigenen Stadt zu haben. Eine außergewöhnlich schöne Situation", meint der Trompeter und fügt hinzu: "Ich genieße das genauso wie das Kind. Live-Instrumente zu hören, ist schon eine sehr sinnliche Sache."

Helmut Eisel, der als einer der besten und interessantesten Klezmer-Klarinettisten Europas gilt, hat bereits mehrere Stücke für Kinder geschrieben. "Das Tolle ist, dass man mit den Kleinen durchaus auch ganz ernsthaft Musik machen kann. Wichtig ist mir, dass die Kinder merken, dass sie gemeint sind, wenn ich spiele."

Eisel schätzt sein junges Publikum für dessen gnadenlose Ehrlichkeit. "Ein Baby dreht sich eben weg, wenn es ihm nicht gefällt."

Weggedreht hat sich heute keines der Babys. Zum fulminanten Ende hin, bei dem Fagott und Klarinette samt ihrer Musiker durch den Raum wandern, beginnen einige zu tanzen. Die noch nicht allein stehen können, wedeln mit den Beinchen oder schlenkern mit den Ärmchen. Lolas Oma ist ganz angetan.

Lola hat das verpasst. Sie wurde im Kinderwagen dösend von Mama und Papa durch den Park geschoben. Vor dem Goethe-Gartenhaus saß Udo Lindenberg in der Sonne, erzählen die beeindruckten Eltern später. Vielleicht wollte Lola ja deshalb diesmal nicht ins DNT?

Die nächsten Babykonzerte im DNT Weimar gibt es am Mittwoch, dem 23. Mai 2012, um 15 Uhr und 16.30 Uhr, wieder im Foyer I. Dann erklingen Horn, Tuba, Alphörner und Klavier unter der Moderation von Kerstin Klaholz.

Angebote für die Allerjüngsten

  • Babyschwimmen: In speziellen Windelhöschen werden Säuglinge spielerisch an den Aufenthalt im Wasser gewöhnt, wo sie unter Obhut von Mama oder Papa planschen.
  • Babymassage: Ärmchen und Beinchen, Hande und Füße, Bauch und Rücken werden sanft massiert, was vor allem anregend wirken soll.
  • Pekip-Kurse: Kleinkinder spielen und turnen nackt, Kleidung soll dabei nicht behindern, um das Körpergefühl zu schulen.
  • Baby-Konzerte: In babygerechtem Ambiente erklingt Musik und werden die Babys einbezogen. Sie können mitsingen und mitplappern, sich zu den Klängen bewegen und tanzen.
  • Yoga mit Baby: Diese Form des Yoga verbindet sanfte Übungen für die Mutter mit entspannender Massage für das Baby, das dabei bestenfalls zur Ruhe kommen soll.
  • Krabbelgruppe: Regelmäßige Treffen von Müttern mit Babys, die dem Austausch dienen.

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