Wendezeit nach 1989: Alles blieb anders

Ettersburg.  Zeithistorikerin Kristina Spohr stellte auf Schloss Ettersburg ihre große Studie zur neuen Weltordnung vor. So neu war sie demnach gar nicht.

Kristina Spohr, die in London und Washington lehrt, kam mit ihrem Buch „Wendezeit. Die Neuordnung der Welt nach 1989“ am Mittwoch ins Schloss Ettersburg, Lesung und Gespräch fanden in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung statt.

Kristina Spohr, die in London und Washington lehrt, kam mit ihrem Buch „Wendezeit. Die Neuordnung der Welt nach 1989“ am Mittwoch ins Schloss Ettersburg, Lesung und Gespräch fanden in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung statt.

Foto: Maik Schuck

Christa Wolf wollte nicht von Wende reden. Die Schriftstellerin lehnte den vom neuen SED-Chef Egon Krenz geprägten, bei einem Segelmanöver entliehenen Begriff ab und schlug auf der Großdemonstration am 4. November 1989 in Berlin „revolutionäre Erneuerung“ vor.

Die Zeithistorikerin Kristina Spohr erwähnt das in ihrem über 900 Seiten starken politikgeschichtlichen Werk, das gleichwohl „Wendezeit“ heißt. Das ist weniger einem Kotau vor Krenz geschuldet als der Erkenntnis, dass letztlich eintrat, was er wollte, nur eben nicht östlichen Staatssozialismus, sondern den westlichen Kapitalismus betreffend: Bei aller Veränderung in den „Scharnierjahren“ 1988 bis 1992 wollten die Verantwortlichen „bewahren, modifizieren, neuerfinden.“ Alles blieb anders.

Gorbatschows Reformen unddie chinesische Lösung

„Die Staatslenker spielten eine Schlüsselrolle“, trug Spohr jetzt auf Schloss Ettersburg vor, „denn all diese Strömungen von unten mussten ja auch kanalisiert werden.“ Gorbatschow, Bush, Kohl: Sie alle organisierten eine neue Weltordnung, die so neu gar nicht sein sollte. Sie handelten, da niemand einen Plan hatte für die Umwälzungen und von Tag zu Tag entscheiden musste, konservativ: jeder auf seine Weise.

Die Nato blieb bestehen, die EG wurde zur EU, die Uno hatte „als Hauptautorität“, als die Gorbatschow und Bush sie im Irak-Krieg 1991 verstanden, bald ausgedient. Alter Wein in neuen Schläuchen. Von revolutionärer Erneuerung keine Spur, nirgends. Paneuropäische Projekte, wie sie Hans-Dietrich Genscher kurzzeitig verfolgte, blieben auf der Strecke.

Getrieben von der ökonomischen Misere der Sowjetunion, hatte Gorbatschow politische Reformen angestoßen, die letztlich ihn und seinen Staat selbst hinwegfegten. Dem gegenüber stand und steht die chinesische Lösung: ökonomische Reformen, keinesfalls politische. „Trotz dieses triumphalistischen Narrativs“, so Spohr, dass der Westen siegte, lägen in der Wendezeit „die Wurzeln einer komplizierteren Welt“. Sie schreibt und spricht von „Konstruktionsfehlern der neuen Ordnung“.

Spohr betrieb viel Aufwand, unsere Lage heute aus der jüngeren Geschichte heraus zu erklären. Was daraus zukünftig folgt, bleibt ungewiss: „Wir sprechen ja nicht darüber, wofür stehen und in welcher Gesellschaft wir leben wollen“, kritisiert sie.

Kristina Spohr, „Wendezeit. Die Neuordnung der Welt nach 1989“, DVA Verlag, 976 Seiten, 42 Euro.

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