Wertvolle Leihgaben des Lindenau-Museums in Lissabon gestrandet

Altenburg/Lissabon.  Vier Gemälde aus der Sammlung des Altenburger Lindenau-Museums können nach einer Ausstellung in Lissabon nicht zurück nach Thüringen reisen.

Das Lindenau-Museum in Altenburg (Archivfoto).

Das Lindenau-Museum in Altenburg (Archivfoto).

Foto: Martin Gerlach

Planmäßig hat die fulminante Schau zu Ehren des Frührenaissance-Malers Alvaro Pirez d’Évora in Lissabon am 15. März ihre Pforten geschlossen; unter den 85 gezeigten Gemälden befanden sich vier wertvolle Leihgaben des Lindenau-Museums zu Altenburg. Selbst jetzt, einen Monat nach Ende der Schau, können die Bilder nicht heimkehren: Sie sind im Zuge der Corona-Krise buchstäblich in der Stadt am Tejo gestrandet. In Altenburg übt man sich notgedrungen in Gelassenheit. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

„Eine solche Situation habe ich noch niemals erlebt“, gesteht Lindenau-Direktor Roland Krischke. Der Versicherungswert der sensiblen Meisterwerke rangiere in siebenstelliger Höhe, erklärt er. Dann aber sagt er, nach leichtem Zögern: „Ich mache mir nicht wirklich Sorgen.“ Denn er weiß natürlich, dass die Kollegen im ehrwürdigen Museu Nacional de Arte Antiga absolut seriös agieren, und sie haben ihm die Sicherheit der Bilder garantiert.

Die Portugiesen stehen in dem Ruf, professionell mit Alten Meistern umzugehen, sie hatten voriges Jahr unter anderem Dürer aus der Wiener Albertina und Tizian aus der Eremitage, St. Petersburg, zu Gast. Die große Pirez-Retrospektive hat Direktor Joaquim Oliveira Caetano persönlich kuratiert und Leihgaben aus aller Welt zusammengetragen: aus den namhaften Museen in Siena, Florenz, Mailand, Berlin und Avignon, aus Ungarn und Polen. So wissen die Altenburger sich in bester Gesellschaft.

Das Schicksal der verhinderten Heimkehr teilt Krischke praktisch mit allen übrigen Leihgebern. Just am Tage des Ausstellungsendes in Lissabon ereilte ihn das Corona-bedingte Einreiseverdikt nach Portugal. Denn unbegleitet dürfen solche Kunstkostbarkeiten nie reisen. Sondern nur in klimatisierten und stoßgedämpften Spezialkisten; üblicherweise nimmt dann ein Fachmann direkt im Frachtraum des Fliegers mit Platz. Und der Altenburger Restaurator Johannes Schaefer war schon im Begriff, die Koffer zu packen – als ihn die Absage erreichte.

Den nationalen Rang der Schau in Lissabon versteht, wer sich zumindest ein wenig in der Kunstgeschichte auskennt. Pirez, der vor 1411 vermutlich in Évora, im portugiesischen Alentejo, das Licht der Welt erblickte, gilt als ältester bekannter Maler seines Landes. Er zählte zu den großen Avantgardisten der Zeit, zu jenen zumeist toskanischen Malern, die in Oberitalien das Zeitalter der Renaissance einläuteten. Über seinen Lebensweg weiß man herzlich wenig, nach 1434 verliert sich seine Spur. Nur 50 Gemälde schreibt man ihm zu. Aber schon der legendäre Giorgio Vasari nennt ihn 1568 in seinem Kompendium der berühmtesten Künstler als „Alvaro Piero di Portugallo“.

Wie Pirez nach Italien gelangte, bleibt uns ein Rätsel. Doch offenbar bestanden schon vor 600 Jahren verzweigte Netzwerke der Kunst. Auch dies wollte man im Museu de Arte Antiga zeigen und lieh aus Altenburg neben den drei in Eitempera auf Pappelholz gefertigten Heiligenbildern von Pirez den „Kampf orientalischer Reiter“ von Gherardo Starnina (1354-1413) mit aus – und damit das Werk eines Italieners, der in Spanien reüssierte.

Diese vier Bilder entbehrt man im Lindenau-Museum zurzeit ebenso wenig wie 60 weitere „Italiener“, die als Leihgaben ans Saarlandmuseum Furore machen sollten. Dieser Tage sind sie nur in einer Online-Präsenz zu bewundern, denn der Saarbrücker Musentempel musste lange vor Ausstellungsende temporär schließen. Das Lindenau-Museum hingegen ist leergeräumt und harrt seines Umbaus und der Sanierung. Die Werke von Pirez und Starnina wären folglich vom Frankfurter Flughafen direkt ins angemietete Hochsicherheitsdepot nach Südthüringen gebracht worden.

Und wie nun weiter? – „Wir müssen warten, bis man wieder reisen kann“, sagt Roland Krischke. „Dann wird es ablaufen wie immer.“ Johannes Schaefer sitzt schon auf gepackten Koffern...