Wie klingt die Welt? Start des neuen TV-Talks „Welt Kultur Thüringen“

Erfurt  Der Start des neuen TV-Talks „Welt Kultur Thüringen“ fragt nach transkultureller Musikwelt, Weltmusik, Tradition und Identität.

Musiker der Gruppe „Uferlos“ auf dem größten Festival für Weltmusik in Rudolstadt. Eine „absolute Weltnummer“, wie Professor Tiago de Oliveira Pinto das Ereignis nennt. Er leitet die Jury, die jährlich in Rudolstadt den Weltmusikpreis vergibt.

Musiker der Gruppe „Uferlos“ auf dem größten Festival für Weltmusik in Rudolstadt. Eine „absolute Weltnummer“, wie Professor Tiago de Oliveira Pinto das Ereignis nennt. Er leitet die Jury, die jährlich in Rudolstadt den Weltmusikpreis vergibt.

Foto: Michael Reichel

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Das Birkenblattblasen ist eine heimische Kunst, die von der Weide kommt. Schäfer vertrieben sich die Zeit, indem sie einem hauchdünnen Blättchen aus Birkenrinde die erstaunlichsten Töne entlockten.

Als vor gut zehn Tagen an der Weimarer Musikhochschule der Lehrstuhl für Transkulturelle Musikforschung feierlich eingerichtet wurde, war das historische Saiteninstrument Chitravina aus Indien zu hören, eine arabische Ney-Flöte, ein Marimba-Ensemble... Aber der Birkenblattbläser aus dem Harz, schwärmt Tiago de Oliveira Pinto, war wahrscheinlich das Exotischste!

Ein schönes Beispiel dafür, das Exotik ein weiter Begriff ist. Und dafür, dass man vom neuen Lehrstuhl noch manches Überraschende hören wird. Der bislang einzige musikwissenschaftliche Lehrstuhl weltweit, der in das Netzwerk der Unesco aufgenommen wurde. Gute Gründe zum Start des neuen TV-Talks, der künftig Kultur in Thüringen in seinen Facetten durchbuchstabieren will, Protagonisten dieser Forschung ins Studio zu holen. Ein Gespräch über Musiktradition, Identität, Weltkultur, Kulturwelten, ihre Wechselwirkungen. Über Weltmusik.

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Ein Begriff, der gemeinhin mit dem Thema verbunden wird, aber was genau beschreibt er eigentlich? Michael Helbing, Kulturredakteur der Thüringer Allgemeinen in Moderatorenfunktion, erbittet Aufklärung.

Für Friederike Jurth, Musikwissenschaftlerin und Doktorandin, ein weit gefasster Begriff, mit dem sie vor allem die Fusion verschiedener Musikstile und Einflüsse verbindet. Ablehnen würde sie den Begriff nicht.

Kollege Christian Diemer sieht das problematischer. Ihnen sei am Lehrstuhl gerade die Idee vom universellen Zusammenhang wichtig. In der Praxis werde der Begriff „Weltmusik“ hingegen für „Musik der Anderen“, Musik die nicht westlich geprägt sei, benutzt. „Das ist eine eurozentristische Perspektive und damit problematisch.“

Der Professor sekundiert mit einem Vergleich aus dem jährlichen Oscar-Rummel, bei dem es auch die Kategorie „Bester ausländischer Film“ gibt. Vom „Rest der Welt“ also. Musikalisch besage der Begriff gar nichts. Sicher gebe es auch Musik, die bewusst verschiedene Einflüsse und Traditionen zu ihrem Thema macht und daraus eine eigene künstlerische Sprache entwickelt. Oft zu hören auch beim Folkfestival in Rudolstadt. Ein spannendes Phänomen, dem man sich auch am Lehrstuhl widmen werde.

Doch ist das Weltmusik? Das Fremde, das exotisch ist, aber nicht zur eigenen Identität gehört? Es bleibt unsicher. Sicher hingegen scheint, dass Musiktradition Identität stiften kann. Oder ist das nur eine romantisierende Vorstellung im Zeitalter globalisierten Musikgeschmacks? Christian Diemer hat dazu Erhellendes zu erzählen, er forscht in einem Land, in dem die Frage der Identität einen dramatischen Hintergrund hat: die Ukraine. Tradition spiele eine große Rolle, bis hin zu Autoverzierungen und Kosaken-Motiven auf Toilettenpapier.

Volkslieder in der Metro und strenge Samba-Richter

Frage man nach ursprünglicher musikalischer Praxis, werde man aufs Land verwiesen. „Ist man aber dort, trifft man auf ältere Großmütter die sagen, hier singt schon seit 20 Jahren niemand mehr. Dann kehrt man zurück nach Kiew, wo man in Cafés elektronische Musik hört, die dann plötzlich mit einem Karpaten-Chor unterlegt ist.“ Er erzählt von den Chören, die in der Kiewer Metro mitten in der Rushhour Volkslieder singen. Eine Manifestation nationalen Selbstbewusstseins, die natürlich politisch grundiert ist. Für den Musikforscher aber auch eine spannende Wechselwirkung: Zwischen der Vorstellung, wo Tradition zu Hause sein sollte und der Realität. Der Ort, an dem Tradition lebendig ist und sich entwickelt, ist die Stadt.

Man könne das Verschwinden authentischer Musikpraxis beklagen. Doch am Ende werde sie ja immer von Menschen gemacht. „Es hat nie eine traditionelle Praxis ohne ideologischen und sozialen Hintergrund gegeben“, stellt er klar. Musiktradition in der Großstadt erlebt auch Friederike Jurth. In Rio de Janeiro erforscht sie, wie an den Samba-Schulen die Tradition gepflegt wird. Ihre Erfahrung: Hinter dem schillernden Fernsehereignis steckt ein ausgeklügeltes System, dessen Struktur mit einer Fußballmannschaft vergleichbar ist. „Es ist ein Wettbewerb zwischen den verschiedenen Schulen, der unter extrem hohen finanziellen Aufwendungen ausgetragen wird.“ Und eine ständige Gratwanderung zwischen Tradition und dem Spiel mit modernen Elementen. Gleichzeitig achtet eine strenge Jury darauf, dass sich die Schulen nie zu weit von der Tradition entfernen.

Spannende Erfahrungen, die darüber erzählen, wie Kultur funktioniert und sich verändert. Doch was daran, fragt Professor Pinto, könnte gewinnbringend für Thüringen sein?

Vieles! Christian Diemer spricht von Künstlern, die man ins Land holen könnte und die im besten Sinne als Botschafter auch über ihre Kunst hinaus etwas erzählen. Ein Beispiel: Medien beschreiben die Ukraine gern als gespaltenes Land ohne gemeinsame Identität. „Doch wenn man vor Ort ist, erlebt man die kulturelle Praxis anders“, sagt Musikforscher Diemer. Dörfer im Osten, die ukrainischsprachige Tradition pflegen, in der Hauptstadt ein blühendes Aufeinandertreffen von ukrainischen, russischen und globalisierten Einflüssen. Kein Bild in Schwarz-Weiß. „Die Realität ist komplexer, die Kultur macht das sichtbar“, beschreibt es Christian Diemer.

Zum Schluss noch die schwierige Frage des Moderators an die Musikwissenschaft: Wie klingt Thüringen? Nach Bach, nach Clueso oder doch eher nach Herbert Roth? Weder noch, befindet Friederike Jurth, es gibt eine bunte Mischung aus Traditionen. Ein salomonischer Befund, mit dem jeder irgendwie leben kann.

Der Talk im Fernsehen

Vier Monate nach dem Start bauen die Mediengruppe Thüringen und der Regionalsender Salve TV ihre Kooperation weiter aus. Neben der Politik-Talkrunde „Am Anger“ und der Sportsendung „Im Steigerwaldstadion“ geht nun das neue Format „Weltkultur Thüringen“ mit spannenden Themen aus dem Kulturleben, moderiert von Kulturredakteuren, auf Sendung.

Der regionale Fernsehsender Salve TV kann über Kabel in 70 Thüringer Orten empfangen werden. Die erste Gesprächsrunde des neuen Formats wird erstmalig heute 18.20 Uhr ausgestrahlt und mehrfach im Programm von Salve TV wiederholt. Im Internet gibt es den Talk ab heute Abend über: www.salve.tv.de ; www.thueringer-allgemeine.de/salve ; www.thueringen24.de

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